110 Jahre Hitchcock

Hitchcocks Hofkomponist: Bernard Herrmann

© Montage: moviepilot

Als Alfred Hitchcock Ende der 1930er Jahre nach ersten Arbeiten in Großbritannien nach Amerika übersiedelte, wo er seine eigentliche Karriere als Regisseur begann, hatte sich der Tonfilm zwar längst flächendeckend durchgesetzt, steckte ästhetisch jedoch immer noch in den Kinderschuhen. Hitchcocks Filme haben nicht nur mit ihren Kamerabewegungen und Schnittfolgen die Sehgewohnheiten des Publikums bis heute geprägt; auch auf der akustischen Ebene setzten sie Standards für das Thriller-Genre und darüber hinaus. Den stärksten Einfluss übte hier ohne Zweifel der Komponist Bernard Herrmann aus, der lange Jahre mit dem Meisterregisseur zusammenarbeitete.

Herrmanns Biographie ist die eines typischen jungen Virtuosen: Vom Vater früh in die Oper mitgenommen erlernte der 1911 geborene Bernard Herrmann bereits als Kind das Geigenspiel, gewann Musikwettbewerbe, studierte schließlich Musik und arbeitete zunächst hier und da als Dirigent und bald als Komponist für den Radiosender CBS, wo er Orson Welles begegnete. Als Music Supervisor für Welles’ legendäres Hörspiel Krieg der Welten (das aufgrund seiner hohen Realitätsnähe in Teilen der USA eine Massenpanik auslöste) wählte er Musikstücke aus, die in der vermeintlich ganz normalen Radiosendung gespielt wurden.

Welles war mit der Zusammenarbeit offenbar sehr zufrieden und ließ Bernard Hermann die Musik zu seinem Spielfilmdebut Citizen Kane (1941) komponieren. In der opernhaften Eröffnungssequenz ist Herrmanns Affinität zu düsteren Tönen, die seine spätere Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock prägen sollte, schon deutlich herauszuhören:

Nach einigen weiteren Arbeiten als Filmkomponist (u. a. der erst kürzlich remakete Der Tag, an dem die Erde stillstand, 1951) schrieb er 1955 die Musik für Hitchcocks schwarze Komödie Immer Ärger mit Harry. Der Regisseur zeigte sich zufrieden mit Hermanns Verständnis für den morbiden Humor des Films und setzte die Zusammenarbeit 1956 bei Der Mann, der zuviel wusste fort – einem Remake von einem gleichnamigen Film aus Hitchcocks Frühwerk. In einer Schlüsselszene ist Herrmann im Bild zu sehen, wie er ein Stück von Arthur Benjamin dirigiert.

Achtung Spoiler!

Das Orchester im Film sind die Londoner Symphoniker, die sehr beeindruckt von Bernard Herrmann waren und ihn nach Abschluss der Aufnahmen scherzhaft “The man, who knows so much” nannten.

Nach Der falsche Mann (ebenfalls 1956) folgte mit Vertigo – Aus dem Reich der Toten (1958) eine von Hitchcocks wichtigsten Arbeiten überhaupt. Das hier zum ersten Mal eingesetzte visuelle Stilmittel des in der Tiefe verzerrten Raumes (erzeugt durch gegenläufige Kamera- und Zoombewegungen) ist unter Filmemachern bis heute als “Vertigo-Effekt” bekannt. Gerade derart stilisierte Kamerabewegungen wirken jedoch nur mit angemessener und ebenso expressiver musikalischer Untermalung. Beeindruckend ist bei diesem Beispiel auch, wie Herrmann in der berühmten Turmszene innerhalb von wenigen Takten die Stimmung seines Musikstücks von melancholischer Romantik in schicksalhaften Suspense wendet.

Achtung Spoiler!

Zeitgenossen berichten von charakterlichen Gemeinsamkeiten zwischen Herrmann und Hitchcock, die auch privat eine kameradschaftliche Beziehung pflegten. Beide waren für ihren Hang zu düsteren Themen, ihren handwerklichen Perfektionismus und nicht zuletzt ihr temperamentvolles Auftreten bekannt. Der Regisseur lud seinen Komponisten mit Ehegattin gerne des Wochenendes zu sich nach Hause ein, bekochte seine Gäste und führte mit Herrmann lange Gespräche in der Küche.

Auch die nächste Zusammenarbeit der beiden Genies Der unsichtbare Dritte (1959) wäre eine eingehende Betrachtung wert, ihre historische Bedeutung – insbesondere unter musikalischen Gesichtspunkten – verblasst allerdings angesichts von Psycho (1960) – jenem Film, der das Horror- und Thrillergenre prägte wie kein anderer. Die Duschszene ist berühmt für ihre meisterliche Montage – in über 50 Schnitten wird der Mord an Janet Leigh regelrecht zelebriert und nimmt erst im Kopf des Zuschauers Gestalt an. Hitchcock wollte ursprünglich gar keine Musik verwenden. Herrmann überzeugte ihn von seiner akustischen Idee und schrieb Filmscoregeschichte. Noch heute zitieren mindestens zwei von drei Horrorsoundtracks dieses charakteristische Motiv aus dissonant schreienden Streichern:

Nach Die Vögel (1963), der tatsächlich ohne Musik auskam, bei dem Herrmann jedoch das Sounddesign überwachte und Marnie (1964) fand die langjährige Kollaboration der beiden ein jähes Ende. In der Postproduktion zu Der zerrissene Vorhang (1966) ignorierte Herrmann Hitchcocks Anweisung, der zeitgenössischen Hollywood-Konvention gemäß einen eingängigen Score mit Popqualitäten zu schreiben und verfasste stattdessen kühle Bläserarrangements. “Was der zerrissene Vorhang brauchte, war Musik, die aus den Leuten keine lächerlichen TV-Figuren machte”, soll Herrmann später gesagt haben. Hitchcock feuerte Herrmann und arbeitete fortan mit anderen Komponisten. Hermann schrieb Scores für François Truffaut und Brian De Palma.

Am Heiligen Abend des Jahres 1975 starb Bernard Herrmann in Los Angeles friedlich im Schlaf. Einen Tag zuvor hatter er die Aufnahmen zu seiner letzten Arbeit beendet: dem Score zu Taxi Driver (1976) von Martin Scorsese.

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