Als verkündet wurde, dass American Horror Story- und Dahmer-Schöpfer Ryan Murphy den Bret Easton Ellis-Roman The Shards als Serie adaptiert, machten sich in mir Aufregung und Angst breit. Ich habe schon darüber geschrieben, wieso das Buch für mich ein absolutes Meisterwerk ist und was bei der Serienumsetzung alles schiefgehen kann.
Vor dem Deutschlandstart von The Shards diese Woche bei Disney+ konnte ich alle neun Folgen schon schauen und mein Eindruck war zuerst überraschend positiv. Was dann folgte, schmerzte umso mehr.
The Shards beginnt als super durchgestylte und atmosphärische Übersetzung der Ellis-Vorlage
Wenn ich nur die ersten beiden Folgen von The Shards beurteilen müsste, würde mein Fazit ziemlich euphorisch ausfallen. Mit Ellis selbst als Co-Autor hält sich die Story zunächst sehr stark an das Buch. Murphy wiederum führt als Regisseur der Pilotfolge ins Los Angeles des Jahres 1981. Hier verbringt Hauptfigur Bret Ellis (Igby Rigney) als 18-jähriger Schüler aus der Oberschicht seinen Alltag mit Freund:innen zwischen schicken Burgerläden, Plattengeschäften, Kinobesuchen und Poolpartys. Daneben arbeitet er als angehender Schriftsteller an seinem ersten Roman.
Neben Bret selbst dreht sich The Shards noch um seine Freundin Debbie Schaffer (Hayes Warner), für die der heimlich homosexuelle Protagonist keine tieferen Gefühle hat, seine besten Freund:innen Thom Wright (Graham Campbell) und Susan Reynolds (Kaia Gerber), die das vermeintlich perfekte Highschool-Paar abgeben, und den mysteriösen Neuankömmling Robert Mallory (Homer Gere), der Brets Freundeskreis wie ein Virus zu befallen scheint.
Schaut hier noch den deutschen Trailer zu The Shards:
Die Serie lässt die privilegierte Welt aus Ellis' Roman, die stark autobiografisch aus dessen eigener Jugend stammt, in fast schon fiebrig überhöhten Bildern und Montagen entstehen. Auch wenn die vielen Voice-over-Monologe aus dem Off fast schon irritierend oft eingesetzt werden, ist das Stilmittel wegen der extrem starken Sätze aus der Vorlage zu verschmerzen. Mit Bret als Erzähler seines Lebens finden die ebenso scharf geschliffenen wie melancholisch zurückblickenden Beobachtungen in der überstilisierten, teils traumähnlichen Ästhetik ein starkes Gegengewicht.
Von Anfang an vergessen Murphy, Ellis & Co. zudem nicht die Paranoia, die sich in The Shards verbirgt. Dieses Los Angeles einer vergangenen Ära wird von verschiedensten Serienkillern bevölkert und einer von ihnen, der sogenannte Trawler, hat es offenbar auf Bret und seinen Freundeskreis abgesehen.
Neben der eskapistischen Nostalgie, die den Auftakt von The Shards durchzieht, kippen einzelne Szenen immer wieder in bedrohliche Zuspitzungen und grausige Eskalationen. Die bizarr hergerichteten Mordopfer des Trawlers lassen keine Zweifel daran, dass wir hier im Universum des American Psycho-Schöpfers gelandet sind.
Was sich bis hier wie ein wirklich positiver Eindruck liest, wird nach den ersten zwei Folgen zum umso schmerzhafteren Desaster.
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Ab Folge 3 stürzt The Shards in Soap-Trash ab
Eine Adaption muss sich nicht zwanghaft an die Vorlage klammern. Künstlerische Freiheiten oder sogar radikale Abweichungen sind oftmals sogar nötig, um im besten Fall ein neues, eigenständiges Kunstwerk zu erschaffen. Auch wenn The Shards in literarischer Form nichts weniger als mein Lieblingsbuch des bisherigen Jahrzehnts ist, wollte ich offen gegenüber Veränderungen sein, die mit der Serienumsetzung einhergehen könnten.
Dass Ellis jedoch ab Folge 3 bis zum Finale gar nicht mehr an den Drehbüchern beteiligt war und nur noch mit dem obligatorischen Produzenten-Credit aufgeführt wird, ist schon das erste Warnsignal. Und tatsächlich wird aus The Shards genau ab dieser dritten Folge eine andere Serie. Für Buchkenner werden nicht nur ganze Handlungsstränge verändert oder erweitert und neue Figuren einführt.
Auch der schwelgerische Stil des Auftakts weicht zunehmend banalen Dialogszenen und konventionell heruntergefilmten Passagen, die die Adaption über weite Strecken zur gewöhnlichen Drama-Soap à la Beverly Hills, 90210 machen – angereichert mit den typischen Ryan Murphy-Trash-"Feinheiten".
Neu erfundene Figuren wie das Trawler-Opfer Rhonda (Ivy Wolk) sind ebenso überflüssig wie die Teilnahme der Gruppe an einem TV-Tanzshow-Wettbewerb, den die Verantwortlichen eine ganze Folge lang zelebrieren. Die Handlung aus dem Roman, der die Serie in den ersten Folgen noch stark verdichtet folgt, verliert sich in immer größeren Schlenkern zu völlig banalen Nebenhandlungen.
Dazu gehört beispielsweise Debbies kaputtes Familienleben, zu dem ihr Filmproduzenten-Vater Terry (Wes Bentley) und ihre als Schauspielerin gescheiterte Mutter Liz (Evan Rachel Wood) gehören. Die daraus resultierenden Szenen sind ebenfalls nicht mehr als Hochglanz-Seifenoper-Geplänkel.
Während sich The Shards zu Beginn noch dem Innenleben und der unzuverlässigen Erzählperspektive von Bret verschreibt, spielt dieser spannende Zugang später fast keine Rolle mehr. Dass die Hauptfigur an dem Roman arbeitet, der später der Kulthit Unter Null sein wird, ist ebenso eine Randnotiz wie Brets verborgene Homosexualität, die ihn zunehmend zerreißt. Auch das Spiel mit Realität und Einbildung sowie Fakten und Fiktion, das The Shards als Buch bis zum Ende undurchsichtig und rätselhaft macht, wird in der Serie einem plumpen Cliffhanger geopfert.
Was Murphy und seine verantwortliche Crew mit dem Stoff gemacht haben, ist nicht nur ein Verrat an der Vorlage und dem eigenen vielversprechenden Beginn der Serie. Es hat den Titel The Shards nicht verdient.
The Shards startet am 6. August 2026 im Streaming-Abo von Disney+. Zum Start werden die ersten beiden Folgen veröffentlicht, der Rest der insgesamt neun Episoden umfassenden Season folgt im Wochentakt. Als Grundlage dieses Serien-Checks diente die komplette 1. Staffel.
