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Ich, Tom Cruise als Arschloch & das Märchen des Rain Man

Rain Man - Trailer (Englisch)
2:16
Autist Raymond & Bruder CharlieAbspielen
© Metro-Goldwyn-Mayer Studios
Autist Raymond & Bruder Charlie
07.04.2015 - 10:10 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Rain Man - 4 Oscars (u.a. bester Film) und trotzdem beinahe in die Vergessenheit geraten. Zu unrecht! Warum? Das könnt ihr hier lesen:

Nach Good Morning, Vietnam nahm Regisseur Barry Levinson den Auftrag an, einen alten gemeinsamen Wunschfilm von Tom Cruise und Dustin Hoffman zu verwirklichen. Was dabei rauskam? Ein Roadtrip-Film, der eine unangenehme Thematik in eine emotionale Brüder-Geschichte verwandelt. Der Film lebt von den beiden Hauptdarstellern. Tom Cruise verkörpert den Arschloch-Prototypen Charlie Babbitt im Hin und Her - Spiel mit seinem Autisten-Bruder Raymond (Dustin Hoffman ). Dabei ist es beachtenswert, wie glaubwürdig Dustin Hoffman es schafft, ähnlich wie Robert De Niro  in Zeit des Erwachens, eine unheilbare Krankheit zu repräsentieren. Absolut verdient gewann Hoffman einen Oscar für die Rolle, auf die er sich ein ganzes Jahr lang vorbereitete.

"Ray?" - "Ja" - "Sie wissen, was autistisch ist?" - "Ja" - "Sie kennen das Wort?" - "Ja" - "Sind sie autistisch?" - "Ich glaube nicht. Nein. Bestimmt nicht."

Rain Man könnte auf einer wahren Geschichte beruhen, ist dafür aber dann doch etwas zu märchenhaft erzählt. Charlie Babbitt ist ein egoistischer, selbstverliebter Autohändler, der mit seiner Freundin Susanna (Valeria Golino) ein gemeinsames Wochenende plant. Während des Trips erfährt er vom Tod seines Vaters, mit dem er jahrelang nur wenig Kontakt pflegte. Auch wenn er dadurch relativ emotionslos reagiert, begibt er sich trotzdem auf dem Weg zur Beerdigung nach Cincinnati. Im Zuge dessen erfährt er dank des Notares von seinem autistischen Bruder Raymond, der in einer psychiatrischen Anstalt lebt und drei Millionen Dollar erben soll. Charlie selbst hingegen soll laut Testament "nur" einen 1949er-Buick Roadmaster Serie 70 Cabriolet bekommen, den Wagen, der Charlie an das schlechte Verhältnis zu seinem verwitweten Vater erinnert. Das lässt ihn emotional so sehr auftauen, dass er Susanna vom Rain Man erzählt, einer Phantasiefigur, die er sich als kleiner Junge ausgedacht hatte: Wenn er Hilfe brauchte, kam der Rain Man und sang für ihn. In der Psychiatrie seines Bruders angekommen, wird er von Dr. Bruner (Gerald R. Molen), einem ehemaligen Freund des Vaters, informiert, dass Charlie nie von Ray erfahren sollte. Charlie wittert die Chance: Wenn er Ray aufnimmt und Dr. Bruner unter Druck setzt, könnte er mindestens an die Hälfte der Erbsumme gelangen. Gemeinsam fahren die 3 zur Beerdigung nach Cincinnati. Und so beginnt ein Roadtrip, auf dem sich Charlie seinem autistischen Bruder zwangsweise annähren muss. Das Lied des Rain Man soll dabei noch eine ganz wichtige Rolle spielen...

Warum ich Rain Man mein Herz schenke
Rain Man beinhaltet alles, was mich persönlich berührt. Es ist eine typische Hollywood-Geschichte: Die Entwicklung des Arschlochs, das immer menschlicher wird. Das klingt zwar alles nicht besonders fesselnd, kitschig und sehr verschönert, doch der Film versteckt nichts. Die Problematiken der Krankheit werden in mehreren Szenen aufgezeigt, einige Grenzen sogar überschritten. Der Umgang mit der Krankheit, die Dustin Hoffman brilliant spielt, ist ohnehin das große Plus des Films. Während Charlie die Chance hat, sich zu verändern, wird Ray sich definitiv nicht verändern und anpassen können. Was Charlie's Freundin Susanna jahrelang mit Liebe, Zuneigung und Einfühlungsvermögen nicht ändern konnte, schafft sein Bruder Ray innerhalb von wenigen Tagen, ohne dass er das wahrscheinlich selbst weiß. Gerade die emotionalen Szenen zwischen den beiden haben mich stark berührt. Dabei schafft der Film es, diese Emotionalität perfekt mit dem Humor auszugleichen und die Balance zu bewahren. Ein 133-minütiges Hin und Her, ein Auf und Ab der Geschehnisse, nicht immer angenehm, aber unglaublich packend und mit so einer Intensität erzählt, dass man sich den Film auch gern mehrmals ansehen mag.

Warum auch andere Rain Man lieben werden
Das Brüderdrama erreicht jeden, denn es ist im Prinzip ein modernes Märchen. Die typische Geschichte eines Egoisten, der immer menschlicher und dem Zuschauer immer sympathischer wird. Regisseur Levinson erzählt eine Geschichte über Menschlichkeit und beweist, wie wichtig das Verhältnis zur Familie ist. Auch wenn ihr keine Geschwister habt, mag der Film euch im Nachgang trotzdem so sehr zu beschäftigen, dass ihr nicht drum herum kommt, an eure eigene Familie zu denken. Anders als in vielen anderen Filmen wird euch die unheilbare Krankheit nicht einfach mit der Brechstange präsentiert, um auf die Tränendüse zu drücken, sondern als Mittel genutzt, um ein Plädoyer an die Menschheit zu schaffen.
Noch dazu beinhaltet Rain Man einen erstklassigen Soundtrack von Hans Zimmer, der uns musikalisch das gibt, was wir aus den 80er Jahren so sehr lieben. Nicht umsonst schaffte er mit diesem Soundtrack seinen Durchbruch in der Filmlandschaft.

Warum Rain Man die Jahrzehnte überdauern wird
Es gibt nicht viele Filme, die mit einer unheilbaren Krankheit so gut umgehen, wie Rain Man. Auch in 10 Jahren darf so ein unbequemes Thema nicht ignoriert werden. Wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht, gibt es nicht allzu viele Werke, die mit Rain Man mithalten können. Zudem wird in vielen Filmen zwar die Persönlichkeitsentwicklung auf dem Weg von Armut zum Reichtum gezeigt, der Weg von egoistischem Reichtum zur Menschlichkeit jedoch seltener. Rain Man darf nicht in Vergessenheit geraten. Denn wir alle wissen doch: Märchen sind zeitlos.

Was haltet ihr von Rain Man?

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