Am 19. Juni 2011 hat Game of Thrones die Serienwelt revolutioniert: An diesem Tag entstieg Daenerys Targaryen bei HBO dem Feuer. Ein süßes Drachenbaby saß auf ihrer Schulter. Gemeinsam verkündeten sie eine neue Blockbuster-Ära im Serienbetrieb. Selbst wenn wir es damals noch nicht wussten, startete dieser Cliffhanger am Ende der 1. Staffel eine Entwicklung, die in gigantischen Drachenschlachten und Rekord-Budgets gipfelte. Serien wurden zu Blockbustern.
Game of Thrones und die Nachfolge-Serie House of the Dragon mussten diesem Erwartungsdruck standhalten. Die neuste Serie aus Westeros geht jedoch einen anderen Weg. A Knight of the Seven Kingdoms heißt die Adaption nach Franchise-Vater George R.R. Martin, die in Deutschland bei HBO Max landen wird. Es ist ein Lied ohne viel Eis oder Feuer und daher umso lohnenswerter.
Gegenprogramm: A Knight of the Seven Kingdoms springt direkt in den Dreck
Die Maße verwundern: Nur sechs Episoden ist die 1. Staffel lang, die Folgen lassen sich mit ihren 30 bis 40 Minuten schnell weggucken. Vielleicht ist das größte Manko der neuen Serie, dass wir nicht noch länger in ihr verweilen dürfen.
A Knight of the Seven Kingdoms sieht nach außen hin wie eine schmale Angelegenheit aus, aber sie ähnelt Hermine Grangers magischer Handtasche oder der TARDIS aus Doctor Who: It's bigger on the inside. Im Mittelpunkt der Serie steht der hühnenhafte Dunk (Peter Claffey). Der ehemalige Straßenjunge hat es zum Knappen eines Heckenritters gebracht. Doch nun ist dieser tot, Dunk übernimmt Schwert und Schild seines Lehrers und einen angemessenen Namen: Ser Duncan der Große.
So eindrucksvoll der Name, so klein das Heckenritter-Leben. Dunk schläft unter Baumkronen oder in Ställen und vom Geruch seines durchgesessenen Umhangs fangen wir gar nicht erst an. Von den ehrwürdigen Gemäuern aus Game of Thrones und House of the Dragon springt A Knight of the Seven Kingdoms direkt in den Dreck.
Dunk wird vom Glauben an das Rittertum, seine ehrwürdigen Werte und Pflichten gewärmt. Da er aber nur ein Heckenritter, also ein etwas besserer Söldner ist, muss er zunächst einmal Geld verdienen. Also reist er zu einem großen Turnier in Ashford, wo sich die Edelmänner von Westeros unter Aufsicht des johlenden Publikums mit Lanzen durchbohren wollen. Unterwegs trifft er auf einen naseweisen kahlköpfigen Jungen namens Egg (Dexter Sol Ansell) und die beiden wird bald mehr verbinden, als der gutmütige Dunk zu ahnen im Stande ist.
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Die Abenteuerserie glaubt an das Gute im Menschen
Von echten Drachen fehlt allerdings jede Spur. A Knight of the Seven Kingdoms spielt rund ein Jahrhundert vor jenem Tag, an dem Daenerys dem Feuer entsprang und wieder Drachen in die Welt brachte. In dieser Zeit herrschen die Targaryens noch über die Sieben Königreiche von Westeros, aber ihre majestätischen Fantasy-Wesen sind ausgestorben. Der Welt ist ein Stück Magie abhanden gekommen, aber das nutzen die Serienschöpfer Ira Parker und George R.R. Martin zu ihrem Vorteil.
A Knight of the Seven Kingdoms entfernt sich vom Game-of-Thrones-Klischee eines Fantasy-Dramas mit kontinentalem Ensemble und Intrigen. Stattdessen wird eine kleine Geschichte mit erstaunlich viel Gefühl, Witz und Glaube ans Gute im Menschen erzählt. So erinnert Dunks Reise durch Staffel 1 an eine Kreuzung aus den frühen Tagen von The Mandalorian, den Charakterköpfen aus Die sieben Samurai und den Abenteuergeschichten eines Walter Scott.
Stellt euch eine Serie mit der ritterlichen Brienne und Arya aus Game of Thrones vor, in der die beiden in der Kornkammer von Westeros allerhand liebenswerte und furchterregende Edelleute treffen – darunter auch ein paar weißblonde Targaryens. Als Vorlage diente denn auch kein unvollendetes Romanepos, sondern eine Sammlung kurzweiliger Novellen von George R.R. Martin.
Die Geschichte eines angehenden Ritters, der seinen Platz in der Welt finden muss, wirkt nach der Massenmeuchelei in GOT und HOTD wie ein Befreiungsschlag. Was nicht heißt, dass es an eingeschlagenen Schädeln oder aufgeschlitzten Kehlen mangelt. A Knight of the Seven Kingdoms bietet sehenswerte Action-Einlagen. Der Kampf um Lebensunterhalt(ung) eines Ritters wird dabei eindrucksvoll in Szene gesetzt. Man schmeckt den Schlamm, durch den die Baratheons und Targaryens auf dem Weg zu ihrer ritterlichen Ehre stapfen müssen.
Dunk und Egg schließt man sofort ins Herz
In A Knight of the Seven Kingdoms überwiegt jedoch die Atmosphäre einer federleichten Abenteuergeschichte, die mehr Optimismus in ihren abgewetzten Satteltaschen versteckt, als es die vorangegangenen Serien aus Westeros zugelassen haben. Über die einzige wirkliche Schwäche der Serie – ein paar wenige tumbe Gags auf Kosten des Game of Thrones-Erbes – kann man hinwegsehen.
Sobald sich Dunk und Egg treffen, sitzt das Herz von A Knight of the Seven Kingdoms am rechten Fleck. Was auch am Casting von Peter Claffey und Dexter Sol Ansell liegt, die ihren Figuren in der kurzen Laufzeit reichlich Seele und Chemie einhauchen. Dann verwandeln sich die Drachen und Schlachten in Schnee von vorgestern. Man schaut mit diesem ungleichen Duo in den Sternenhimmel voller Träume – viel zu klein und unbedeutend für die machthungrigen Targaryens dieser Welt. Und gerade deswegen ganz groß.
A Knight of the Seven Kingdoms startet am 19. Januar auf HBO Max in Deutschland. Für diesen Serien-Check standen alle sechs Episoden der 1. Staffel zur Verfügung.
