Krimi-Königin Agatha Christie hat während ihrer langen Karriere 66 Romane und zusätzlich mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Film- und Serienadaptionen gibt es schon über 100 und natürlich waren nicht alle davon das Gelbe vom Ei. Denken wir nur an das aufgeblähte Schnarchfest Tod auf dem Nil von und mit Kenneth Branagh als Hercule Poirot. Es gehört aber schon einiges dazu, einen astreinen Reinfall wie Agatha Christie's Seven Dials abzuliefern, das von den vielen Adaptionen, die mir unter die Augen gekommen sind, ganz unten im Ranking stehen würde.
Wenigstens kann ich euch aber ganz genau verraten, was bei der Netflix-Verfilmung von Broadchurch-Mastermind Chris Chibnall schiefgelaufen ist.
Agatha Christie's Seven Dials von Netflix macht schwachen Stoff zur Krimi-Katastrophe
The Seven Dials Mystery, hierzulande oft Der letzte Joker* , war der neunte Roman von Agatha Christie und zählt als Frühwerk nicht zu ihren besten Krimis. Anders als ihre ausgeklügelten Whodunnit-Mysterien mit Poirot oder Miss Marple, ist der Fall von It-Girl-Ermittlerin Bundle eher eine Sherlock Holmes-inspirierte Räuberpistole – maskierte Geheimorganisation, internationale Jagd nach wertvoller Geheimformel und Schießereien inklusive. Ein kleines, rasantes Crime-Abenteuer, das bei keinem Christie-Fan oben auf der Top-Liste stehen dürfte. Genau an dem Aspekt der kurzweiligen Rasanz scheitert die dreiteilige Netflix-Miniserie allerdings.
Chibnalls hervorragende Serie Broadchurch lebte neben dem Mordfall vom Charakterdrama. So zeichnete er eine von Trauer gebeutelte Kleinstadt, in der die Aufklärung des Verbrechens ebenso wichtig war, wie die Verarbeitung. Eine Herangehensweise, die bei seinem von Grund auf geschaffenen Krimi bestens funktionierte, in Seven Dials jedoch kriminell unangebracht ist. Jeder Szene, Plot-Entwicklung und Entscheidung wird dermaßen viel Luft zum Atmen gelassen, dass man an Sauerstoffübersättigung zu sterben droht. Drei Folgen Miniserie haben sich selten so "maxi" und langatmig angefühlt.
Viel besser macht sich vom Pacing her die TV-Film-Adaption Das Geheimnis der sieben Zifferblätter von 1981, der es immerhin gelingt, die Geschichte in knackigen zwei statt zähen drei Stunden zu erzählen. Auch nicht der beste Agatha Christie-Film, den ihr je sehen werdet (Geheimorganisation und -formel wirken auch hier etwas zu pulpig und albern), aber immerhin dem Stoff angemessen kurzweilig und ohne einen weiteren Strippenzieher als komplett offensichtlichen Twist hinzuzudichten.
Kalorienarmer Krimi-Fluff
Was an Agatha Christie's Seven Dials am besten funktioniert, ist die Beziehung zwischen der scharfsinnigen Ermittlerin Lady "Bundle" Brent (Mia McKenna-Bruce) und Superintendent Battle (Martin Freeman). Der muss ihre Privatermittlung als Polizist eigentlich in die Schranken weisen, kann aber nicht anders, als von der jungen Frau beeindruckt zu sein. Eine auf dieses ungleiche Duo gemünzte Adaption hätte vielleicht sogar eine ganze Staffel füllen können. Leider konzentriert man sich aber Broadchurch-mäßig auf die dramatischen Momente, die hier ziemlich flach fallen – allen Bemühungen zum Trotz, den Mord an mehreren Ecken noch "persönlicher" für Bundle zu gestalten.
Hier der Netflix-Trailer zu Agatha Christie's Seven Dials:
Hochkarätige Stars wie Freeman und Helena Bonham Carter, die Brundles unsoziale High-Society-Mutter Lady Caterham spielt, anzuweisen, verschmitzt und augenzwinkernd im Stil einer Genre-Parodie zu spielen ist eine Sache. Gleichzeitig zu erwarten, dass wir von jedem Todesfall im kalorienarmen Krimi-Fluff ergriffen sind, nur weil die Ermittlerin minutenlang trübsinnig aus dem Fenster starrt, ist eine andere.
So ein tonaler Spagat gelingt nur in seltenen Fällen wie der Knives Out-Reihe oder der hervorragenden Mord im Orient Express-Adaption mit Albert Finney als überlebensgroßer Hercule Poirot. Und das, obwohl der Film in 2 Stunden an die 20 Charaktere (!) jongliert. Da behaupte noch mal jemand, die alten Klassiker seien langsamer erzählt als moderne Medien ...
Agatha Christie's Seven Dials ist seit dem 15. Januar 2025 mit allen drei Folgen bei Netflix online. Dieser Serien-Check basiert auf allen drei Episoden.
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