Aufreger der Woche

Love Steaks - Deutsche Filmrevolution in Zeitlupe

Love Steaks - deutsche Filmrevolution in Zeitlupe
© Daredo Media/moviepilot
Love Steaks - deutsche Filmrevolution in Zeitlupe

Es war einmal… ein kleiner Film ausserhalb aller Systeme, produziert als Diplomfilm im behüteten Umfeld einer Filmhochschule, ohne öffentliche Fördergelder, ohne eine Sender-Redaktion im Rücken. Ausgestattet nur mit frischen Ideen, Experimentiertrieb und völliger Hingabe, erschufen ein paar junge Filmemacher einen Film, der die kreativen Grenzen deutschkultureller Filmgewohnheiten aufbricht. Internationalen Festival-Jurys überschlugen sich mit Lob und Preisen. Auf dem Filmfest München 2013 sorgte der Film für eine kleine Sensation, das er alle vier Preise für Bestes Schauspiel, Bestes Drehbuch, Beste Produktion und Beste Regie für sich verbuchen konnte. Ohne überhaupt ein klassisches Drehbuch vorweisen zu können!

Gedreht mit zwei Schauspielneulingen in einem laufenden Hotelbetrieb mit echten Mitarbeitern als Nebendarstellern nach einem selbsterschaffenen FOGMA-Manifest, ironisch angelehnt an Lars von Triers Dogma 95 und der US-amerikanischen Mumblecore Bewegung, hatte dieser Film das Zeug, die deutsche Filmindustrie nachhaltig zu beeinflussen. Dialoge und Szenen wurden improvisiert, die Dreharbeiten dem alltäglichen Hotel-Ablauf angepasst, jedes Crew- und Castmitglied konnte sich auf Augenhöhe ohne lähmende Hierarchien einbringen. Ebenso avantgarde wie der Film sollte auch sein Vertrieb ausfallen. Parallel zur gewohnten Kinoauswertung sollte er auch über digitale Streams verfügbar sein. Die Macher wollten auf diese Weise das “junge Arthouse-Publikum, welches sich von unserem Stoff und unserer modernen Erzählweise angesprochen fühlt” erschließen. Mit Betonung auf “hatte” und “sollte”.

Der Name des Films: Love Steaks. Der Aufreger der Woche: Die Felsen des deutschen Konservatismus, an denen junge Talente, neue Ideen und moderne Ansätze auch dieses Mal zerschellten. Trotz völliger Unabhängigkeit holte die Realität den Film wieder ein. Angst vor Veränderung und lieb gewonnene Gewohnheiten (nach der Devise “Distributionsmodelle aus den 1980ern haben uns 30 Jahre lang gute Dienste geleistet, warum also nicht auch die nächsten 30 Jahre?”) erstickte der Verband der Kinobetreiber die Ambitionen im Keim. Die Begründung: “Wer streamt, kauft sein Popcorn woanders!”

Ein Masseur. Eine Köchin. Ein junges Paar aufs Maul
Love Steaks gehört zu der Sorte von Film, nach dem sich der deutsche Zuschauer sehnt, aber viel zu selten zu Gesicht bekommt. Eine filmische Naturgewalt, in der mal mehr, mal weniger grauen, deutschen Filmlandschaft. Seine Entstehungsgeschichte ist ebenso faszinierend wie der Film selbst. Die Macher nennen ihr Werk selbst “poetisch mit einer deftigen Portion Punk, dabei so skurril und authentisch wie das Leben selbst. Rotzig, ehrlich, lustig, laut und wild.” Es gehe ihnen “um eine Öffnung für vielfältige visuelle und narrative Mittel und nicht um eine Beschneidung der filmischen Möglichkeiten.” erklärt das Filmteam. So tolerant und offen sie sich selbst gegenüber neuen und alten Techniken und Stilmitteln gaben, so borniert sahen es andere. Dabei schien der Film aus seiner Geldnot eine beispiellose Tugend machen zu können. Ohne staatliche Fördergelder war er keinen Gesetzen unterworfen, die ihm konventionelle Vertriebswege mit starren Sperrfristen aufzwangen, die Kino bevorzugen und DVD und VoD unter ferner liefen betrachten. Regisseur Jakob Lass und sein Produzententeam entwickelten ein Cine Stream Konzept, das eine klassische Kinoauswertung mit einem zeitgleich lancierten, kostenpflichtigen Streamangebot über die Filmwebseite vorsah. Aber Widerstand von seitens des Branchenverbandes der Kinowirtschaft AG Kino machte sich breit. Wie Professor Martin Hagemann von der Hochschule für Film- und Fernsehen “Konrad Wolf” erklärt, der Love Steaks betreute, war die Angst vor Zuschauerschwund an den Kinokassen und damit verbunden die Verluste bei Verzehrartikeln zu groß…

Erfolgreich gescheitert
Die Angst kommt nicht von ungefähr. Die Kinoeinnahmen sind seit Jahren rückläufig, was viele Kinobetreiber entsprechend nervös werden lässt. Das gleiche gilt übrigens auch für den DVD-Verleih und Verkauf, nur stabilisiert sich jener Markt durch das stark wachsende Blu-ray-Segment. Die Kinobetreiber dagegen bekommen keinen Nachfolger auf dem Silbertablett serviert, der dem Umsatz-Schwund entgegenwirkt, was sie ihre Finger umso verkrampfter um bestehende Auswertungsmodelle klammern lässt. Schließlich würde von einer Cine Stream Strategie nur die Produzenten und die Verleiher profitieren – die dadurch entstehende Zuschauerverluste hätte die Kinobetreiber zu tragen. Jedoch gibt es noch keine adäquaten Zahlen für den deutschen Markt, ob und wie viel Zuschauer durch legale Kinostreams den Lichtspielhäusern den Rücken kehren würden oder ob nicht doch neue alte Zuschauergruppen erschlossen werden könnten, die längst dem Kino abgeschworen hatten. Wichtiger erscheint dagegen der Umstand, dass das verzweifelte Festhalten an überholten Vertriebswegen den Zerfall nur noch beschleunigt. Die Musikindustrie kann davon ein leidvolles Lied singen – hat sich aber nach einigen schmerzhaften Erfahrungen und Jahren neu ausrichten und erholen können. Etwas, was den Kinobetreibern noch bevorsteht, auch wenn mit Übertragungen von Live-Events wie Opern oder Fußballspiele ein erster Schritt in die richtige Richtung getan wurde, um dem Kino wieder ein Alleinstellungsmerkmal zu verleihen.

Dass der Verleih von Love Steaks ein Musikunternehmen übernahm – das verschiedenste Musiklabels unter seinem Dach vereint und seit zehn Jahren erfolgreich digitale Vertriebswege geht – und mit diesem Film sein Einstand als Kinoverleiher feiert, ist wohl Ironie des Schicksals. Es braucht dringend Pioniere, um die starren Strukturen aufzubrechen, auch wenn die ersten Versuche wie in diesem Fall noch abgeschmettert werden. Dem Film wäre ein größeres Publikum zu gönnen. Eben jenes Publikum, das sich aus Frust längst keine deutschen Filme mehr im Kino ansieht, aber auf andere Wege zu erreichen wäre. Zumindest geben die Film-Jurys dem Film recht. 2014 wurde er mit dem Hauptpreis beim 35. Max Ophüls Preis ausgezeichnet und mit der kürzlichen Nominierung für den Deutschen Filmpreis ist der Sieger meiner bescheidenen Meinung ebenfalls reine Formalität – die Macher hinter dem ebenfalls äußert gelungen und für den deutschen Filmbranche wichtigen Das finstere Tal mögen es mir verzeihen.

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goodspeed alias Orlindo liebt, lebt, hört, fühlt und atmet Filme. Er arbeitet als Online- und Videoredakteur für eine Filmproduktionsfirma und betreibt mit ANIch das einzige (lesenswerte?) deutschsprachige Blog zum Thema Animation und VFX.
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