Wenige Schauspielende haben in jungen Jahren eine dermaßen beeindruckende Karriere hingelegt wie Bella Ramsey. Respekt gebührt jeder Person, die unerschrocken ihr Debüt in einer Mega-Blockbuster-Serie wie Game of Thrones abliefert – und dann auch noch eine ikonische Figur wie Lyanna Mormont, die aus minimaler Screentime maximalen Effekt destilliert. Noch beeindruckender ist Ramsey in The Last of Us.
Die Endzeitserie erzählt vom Zusammenbruch der Zivilisation, nachdem ein feindseliger Pilz unzählige Menschen infiziert und in Monster verwandelt hat. In der Rolle der jungen Ellie erlebt Ramsey, was es heißt, jegliche Menschlichkeit zu verlieren. Von einer normalen Kindheit und Jugend kann hier keine Rede sein. Jetzt holt Ramsey diese auf der Berlinale 2026 mit dem wundervollen Coming-of-Age-Film Sunny Dancer nach.
Große Berlinale-Entdeckung: Sunny Dancer mit Bella Ramsey solltet ihr euch unbedingt vormerken
Zugegeben: Auch die von Ramsey verkörperte Ivy kann in Sunny Dancer nichts mit dem Begriff einer "normalen Kindheit und Jugend" anfangen. Gerade erst hat sie den Kampf gegen Krebs überstanden – zumindest vorerst. Seit zehn Monaten befindet sie sich in Remission. Jederzeit könnte sie rückfällig werden. Doch das soll nicht ihr Leben bestimmen, wie ihre Eltern (Jessica Gunning und James Norton) finden.
Vier Wochen in einem Ferienlager für krebserkrankte Jugendliche sollen Ivy einen unbeschwerten Sommer ermöglichen. Allein die Vorstellung bereitet der 17-jährigen Protagonistin Bauchschmerzen. Niemand will ins "Chemo Camp", ins "Freak Camp", wie Ivy ihren Eltern entsetzt erklärt. Doch die haben sie längst angemeldet. Ehe sie sich versieht, sind die Koffer gepackt und es gibt kein Entkommen mehr.
Kein Entkommen vor den ultrapeinlichen Eltern beim Abschied. Kein Entkommen vor dem cringy Lagerleiter Patrick (Neil Patrick Harris). Und am schlimmsten: Kein Entkommen vor den anderen Teilnehmer:innen, besonders der coolen Clique um Maisie (Jasmine Elcock), Ralph (Earl Cave), Archie (Conrad Khan) und Jake (Daniel Quinn-Toye), zu der auch Ivys Mitbewohnerin Ella (Ruby Stokes) im Bungalow gehört.
Sunny Dancer kommt mit außerordentlichem Gespür für die Archetypen des Coming-of-Age-Films daher und birgt ein nicht weniger beachtliches Wissen in sich, wie die vorgestellten Fronten mit bestmöglichem Timing aufeinandertreffen können. Ein herzlicher Humor zieht sich durch den Film und verleiht diesem Rhythmus und Tempo. Regisseur und Drehbuchautor George Jaques schürft aber noch tiefer.
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Behutsam und frech zugleich: Sunny Dancer ist ein traumhaft ausbalancierter Film
Eigentlich hat er ein Sick-Teen-Movie gedreht, also einen Film über kranke Jugendliche. Im Gegensatz zu prominenten Vertretern dieser Gattung wie den 2019 erschienenen Drei Schritte zu Dir war es Jaques jedoch ein Anliegen, Krankenhäusern so fern wie möglich zu bleiben. Der Krebs soll Sunny Dancer nicht definieren. Ihn komplett zu ignorieren, ist aber auch keine Option. Dieses Hadern fungiert als Motor des Films.
Jaques schaut sich seine Figuren genau an und gibt diesen Zeit, sich zu entfalten. Obwohl Sunny Dancer in großen Teilen den dramaturgischen Konventionen ähnlich gelagerter Filme folgt, wartet das Drehbuch mit vielen Szenen auf, die roh und echt wirken, sodass sich Jaques später in seiner Inszenierung auch eine stilisierte Indie-Film-Montage und den obligatorischen Talentwettbewerb am Ende erlauben kann.
Erst einen Film hat er vor Sunny Dancer inszeniert: Black Dog feierte vor drei Jahren auf dem BFI London Film Festival seine Premiere und wurde dort für den Best First Feature Award nominiert. Und schon jetzt bewegt sich Jaques mit einer solch bemerkenswerten Sicherheit durch die Herausforderungen des Genres, als hätte er dieses schon mehrmals durchgespielt, ohne je davon gelangweilt worden zu sein.
Mit sehr viel Fingerspitzengefühl werden aufwühlende Momente mit dem gemütlichen Trott eines Sommers verwoben, in dem Neugier und Niederlagen pausenlos miteinander ringen. Eben noch war da diese unbeschwerte romantische Komödie, wenn sich Ivy und Jake heimlich im See abseits der Lageraufsicht näherkommen. Doch kaum haben sie sich geküsst, werden sie von der Realität ihrer Krankheit eingeholt.
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Bella Ramsey spielt mindestens genauso gut wie in Game of Thrones und The Last of Us
Es ist allerdings nicht nur die emotionale Intelligenz des Drehbuchs und Jaques' feinfühlige Inszenierung, die das breit aufgeschlüsselte Gefühlspektrum der Geschichte transportiert. Ein sagenhaftes Ensemble erweckt die Figuren zum Leben, angeführt von Ramseys grandioser Lead-Performance, die sich zu keiner Sekunde vor Prestige-TV-Titanen wie Game of Thrones und The Last of Us zu verstecken braucht.
Viel zu leicht ist es, einem kleinen Film wie Sunny Dancer weniger Gewicht im Schaffen eines Stars einzuräumen, wenn dort gleichzeitig derartige Schwergewichte protzen. Vielleicht ist es aber das viel größere Kunststück, etwas so Unscheinbares lebendig werden zu lassen. Ohne die Bürde des Kriegs im Norden und des Weltuntergangs macht Ramsey in jeder Szene deutlich, dass es für Ivy um alles geht.
Nicht, weil jeden Tag ein Anruf aus dem Krankenhaus kommen könnte, der sie über eine Verschlechterung ihrer Testergebnisse informiert. Sondern weil sie gerade gelacht hat. Geweint hat. Geliebt hat. Weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben andere Menschen kennengelernt hat, mit denen sie im Hier und Jetzt sein kann, ohne sich emotional distanzieren zu müssen. Auf einmal sind nicht einmal mehr die Eltern peinlich.
Sunny Dancer hat im Rahmen der Berlinale 2026 in der Sektion Generation 14Plus seine Weltpremiere gefeiert. Bisher hat der Film leider keinen deutschen Kinostart.
