Oscar-Reinfall bei Netflix: Grotesker als Hillbilly-Elegie geht es kaum

Glenn Close, Owen Asztalos und Amy Adams in Hillbilly-Elegie
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Glenn Close, Owen Asztalos und Amy Adams in Hillbilly-Elegie
26.11.2020 - 15:50 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Hillbilly-Elegie nach dem Bestseller von J.D. Vance ist neu bei Netflix. Doch Ron Howards Oscar-Anwärter mit Glenn Close bietet vor allem unfreiwillige Lacher.

Könnt ihr euch Amy Adams als Leatherface vorstellen? Nach Ansicht von Hillbilly-Elegie wirkt das gar nicht mal so abwegig. Die ewige Oscar-Nominierte spielt in der Bestseller-Adaption von Netflix eine derart groteske Karikatur, dass ihr nur noch ein Kettensägen-Massaker zur Vollendung fehlt.

Es ist ein Vergleich, der - das sei zugegeben - den ikonischen Killer aus Blutgericht in Texas mächtig unter Wert verkauft. Denn nach dem Horrorklassiker wissen wir weit mehr über Leatherface' Familie und Welt, als Ron Howards prestigeträchtiger Oscar-Film zu erzählen vermag.

Hillbilly-Elegie: Ein Bestseller als Netflix-Film mit Glenn Close & Amy Adams

2016 schlugen J.D. Vance' Erinnerungen mit dem Titel Hillbilly-Elegie: Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise ein wie eine Bombe. Ron Howard und Produzenten-Kollege Brian Grazer haben diese Geschichte mit Star-Besetzung verfilmt.

Schaut euch den Trailer für Hillbilly-Elegie bei Netflix an:

Hillbilly Elegy - Trailer (Deutsche UT) HD
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Glenn Close spielt die raue Großmutter Mamaw und Amy Adams die drogensüchtige Mutter Bev. Regie führte Howard selbst. Er ist ein Fachmann für wahre Geschichten wie Apollo 13 und Rush. Sogar Hans Zimmer werkelte an der Filmmusik mit. Alle Zeichen stehen auf Oscar.

Die Vorlage verspricht ein durch Zeit und Raum schweifendes Werk über das Amerika von heute. J.D. Vance erzählt in seinen Memoiren nämlich vom Leben eines Menschenschlags, der in den letzten Jahren in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit geriet.

Für das Feuilleton war dieses Buch im Jahr von Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten ein gefundenes Fressen. Vance, so die Schlussfolgerung, portraitierte die prototypische Wählerschaft von Donald Trump: die verarmte weiße Arbeiterklasse.

Amy Adams in Hillbilly-Elegie

Ob Vance nun tatsächlich das Phänomen Trump erklärt, ist bei diesem Netflix-Film aber irrelevant. Denn die Verfilmung von Hillbilly-Elegie verengt den Blick dermaßen, dass nur noch der fahle goldene Schein eines Academy Awards zu sehen ist.

Die Armut verfolgt die Figuren aus Hillbilly-Elegie

Vance' Familie stammt aus den Appalachen, einem Gebirgssystem nahe der Ostküste. Dessen weißen Bewohnern werden in den USA stereotype Charakterzüge zugeschrieben (via NPR ). Sie seien individualistisch, eigenbrötlerisch, stolz und auf Solidarität innerhalb ihrer Gemeinschaften bedacht. Für die Erzählung im Buch * sind diese Eigenschaften essenziell.

Autor J.D. Vance findet in dieser kulturellen Prägung Gründe sowohl für die sich ausbreitende Armut als auch seinen eigenen Weg zum amerikanischen Traum. Vance, so sein Gedankengang, arbeitete sich mit eigener Kraft hoch zum Kapitalmanager, während die Wohlfahrt des Staates andere weiter einlullt.

Haley Bennett, Gabriel Basso und Amy Adams in Hillbilly-Elegie

Auch die Filmversion von J.D. (Gabriel Basso) reist mit ihrer Familie schon früh weg aus diesem Landstrich. Dessen Werte und Armut begleiten sie bis nach Ohio. Doch die Auseinandersetzung mit Vances Ideen bleibt zurück.

Der Netflix-Film verkommt zur Sammlung von Karikaturen

Beleidigungen, gewalttätige Auseinandersetzungen und schließlich die epidemisch grassierende Medikamentensucht dominieren die Familie Vance. Es ist ein gefundenes Fressen für die Darstellerinnen.

Amy Adams ist für gewöhnlich eine Schauspielerin mit verlässlichen Instinkten. Hier verbeißt sie sich in die Rolle der erratischen Mutter, bis von der Figur nur noch Perücke und überquellende Augen übrig sind. Das wäre selbst für ein aufgeheitztes Xavier Dolan-Melodram übertrieben.

Glenn Close wiederum wirkt zu jeder Zeit wie ein Hollywood-Star im Kostüm einer von Entbehrung gezeichneten Frau. Ihre wenigen leisen Momente der Wärme werden von Ron Howard mit dem inszenatorischen Lautsprecher verkündet.

Glenn Close in Hillbilly-Elegie

Raum für Subtilität wird den Stars im Netflix-Film nicht gelassen, so viel Entschuldigung muss sein. Durch diese Kabinett unfreiwillig komischer Karikaturen schwanken Gabriel Basso und Owen Asztalos, die den Helden J.D. in verschiedenen Altersstufen spielen. Kein Wunder also, dass der junge Mann oft betäubt aussieht.

Hillbilly-Elegie erzählt uns nichts über Amerika und alles über die Oscar-Saison

In der Gegenwart studiert J.D. an der Elite-Universität Yale. Gegenüber seiner Freundin (Freida Pinto) verheimlicht er die dunklen Seiten seiner Familie. Wenn sich zukünftige Arbeitskollegen über "Rednecks" auslassen, kommt J.D.s Stolz jedoch zum Vorschein.

Andere Szenen betonen weitere bekannte Stereotype der Appalachen-Kultur. Womöglich ist es ein Versuch, dem Gedankengang des Buches gerecht zu werden, ohne ihn zu Ende zu gehen.

Glenn Close und Amy Adams in Hillbilly-Elegie

Heraus kommen groteske Skizzen statt Erinnerungen. Die Zeitsprünge in Hillbilly-Elegie ergeben keine Auseinandersetzung mit Werten und Problemen. Stattdessen hat Ron Howard mit seinen Oscar-hungrigen Stars einen Armutsporno gedreht. Werden Wegwerf-Plastikgabeln wie wertvolles Silberbesteck gewaschen, kann sich die Kamera gar nicht satt genug sehen.

Hillbilly-Elegie vollzieht an der Oberfläche ein herablassendes Tätscheln der "unbeugsamen Unterschicht". Es übertüncht ein prinzipielles Unwohlsein im Umgang mit den Abgehängten und Abgelegenen. Ein Unwohlsein, das Tobe Hooper in seinem Kettensägen-Massaker 1974 in schockierend starken Bildern an die Oberfläche zwang. Ohio ist von Texas 2000 Kilometer entfernt. Aber Kettensägen - die muss es doch auch hier geben.

Hillbilly-Elegie steht ab sofort für Abonnenten von Netflix zum Streamen bereit.

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Habt ihr euch Hillbilly-Elegie schon angeschaut?

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