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Warum Transparent eine kleine Revolution ist

Aus Patriarch wird Matriarchin
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Aus Patriarch wird Matriarchin

Amazons hauseigene Dramedy Transparent ist spätestens seit den Golden Globes in aller Munde. Nicht nur konnte Jeffrey Tambor die Trophäe als bester Hauptdarsteller mit nach Hause nehmen, auch als beste Serie im Comedy/ Musical-Bereich wurde die Show ausgezeichnet. Die Globes setzen damit ein Statement: Die Welt ist bereit. Bereit, Sexualität am Erwachsenentisch zu diskutieren. Bereit für Transgender. Bereit für Maura Pfefferman.

Der Respekt, mit dem Transparent seiner Titelfigur begegnet, ist im Serienbereich einzigartig. Mauras Coming Out wird nicht zum Running Gag degradiert oder verkitscht als Ereignis zelebriert. Es passiert einfach, nach und nach, und ist eines von vielen Dingen im Leben der Pfeffermans, die sie Tag für Tag beschäftigen. Sie hat endlich ihre Maske abgelegt und lernt die Welt aus einem Blickwinkel kennen, aus dem sie sie schon immer sehen wollte. Am ergreifendsten sind dabei Szenen, in denen sie "Erste Male" des Frauseins erlebt. Ihr erstes Make-Over mit ihren Töchtern. Das erste Mal als "Lady" angesprochen zu werden. Zum ersten Mal in einem Camp für Cross-Dresser offen in Frauenkleidern herumzulaufen. Aufgeregt, fast wie ein pubertierender Teenager, lernt sie sich selbst und die Welt neu kennen, was die Serie behutsam inszeniert.

Ohne Jeffrey Tambors einfühlsame Performance hätte das aber auch gewaltig in die Hose gehen können. Als ich zum ersten Mal von der Serie hörte, war ich ehrlich gesagt auch etwas verwundert, dass ein Projekt, das sich der Trans-Akzeptanz widmet, die Hauptrolle einem cis-heterosexuellen Mann überließ. Der Arrested Development-Star war der Wunsch von Schöpferin Jill Soloway, die in der teils autobiografischen Geschichte das Coming Out ihres eigenen Vaters verarbeitet. Zudem geht Transparent in zahlreichen Flashbacks auf Mauras Vergangenheit als Mort ein, in denen er sich behutsam an seine eigentliche Identität herantastet. Tambor war also aus vielen Gründen eine gute Wahl und dass ansonsten alle Trans-Charaktere auch von Trans-Schauspielern gespielt werden, ist der Serie anzurechnen.

Mauras Coming Out ist jedoch, wie erwähnt, nicht alles, was die Pfeffermans bewegt. Transparent behandelt Sexualität in ihrem gesamten Spektrum und scheut sich nicht davor, Grauzonen zu betreten. Die Grenzen zwischen Homo- und Heterosexualität werden genauso sehr in Frage gestellt, wie die zwischen Frau und Mann und nicht als dichotome Gegensätze abgetan, wie das die Gesellschaft so gerne tut, sondern als die komplexen, dynamischen Wesenszüge behandelt, für die sie so viele Menschen halten. Auch Glorifizierung oder Undifferenziertheit kann man der Serie nicht vorwerfen: in Flashbacks zu Cross-Dressing-Zeiten mit Marcy (Bradley Whitford) lernt Mort die Homo- und Transphobie der Szene kennen, was in Anbetracht der neuartigen Freiheit, die er dort verspürte, umso tragischer ist. Eine Szene im Staffelfinale auf einer Schiwa, in der Maura mit persönlichen Anekdoten zu ihrer Identitätsfindung die Aufmerksamkeit zur Verärgerung der anderen Gäste ganz auf sich zieht, veranschaulicht, dass auch sie nicht ohne Makel ist. Obwohl die ganze Serie als eindeutiges, politisches Statement zu verstehen ist, wird auch sie nicht moralisierend auf ein Podest gestellt.

Zudem gibt es noch eine Menge anderer Handlungsfäden, die unterschiedlich interessant ausfallen. Mauras drei Kinder, Josh (Jay Duplass), Sarah (Amy Landecker) und Ali (Gaby Hoffmann), lernen wir als Egoisten kennen, die an der Veränderung im Leben ihres Vaters vor allen Dingen beklagen, wie ihr eigenes Leben davon betroffen ist. Nach und nach lassen sie tiefer blicken und die Dämonen, die sie plagen, offenbaren sich uns. Die Bindungsängste von Josh, die Ziellosigkeit und der Unwille, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen der jüngsten Tochter Ali, die Unsicherheit Sarahs, die Liebe mit der Aufregung des Tabus verwechselt. Anfangs ertappte ich mich noch dabei, am liebsten zu Mauras nächster Szene vorspulen zu wollen (was aber vor allem aussagt, wie großartig die sind), am Ende der ersten Staffel waren aber alle Charaktere zu dreidimensionalen Figuren herangewachsen. Transparent ist kein One Trick Pony, es ist ein in jeder Hinsicht gelungenes Drama. Daumen hoch.

Bleibt zu hoffen, dass die Serie ihr Publikum findet. Eine zweite Staffel ist bereits sicher und die Golden Globes dürften Transparent einem breiteren Publikum bekannt gemacht haben. Die Zeichen stehen also gut. Und das stimmt optimistisch. Das Publikum will echte Menschen sehen. Unterschiedliche Menschen. Individuelle Geschichten. Sex und Sexualität abseits der Softporn-Ästhetik von Californication oder Spartacus. Ein Infragestellen des heteronormativen Raums. Neue Blickwinkel. Amazon ging ein Wagnis ein und wurde dafür belohnt. Statt einer weiteren lausigen Beziehungs-Comedy oder einem Krankenhaus-Procedural vom Fließband entschied man sich für etwas anderes. Etwas Neues. Und wir alle sollten hinschauen.

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