Tagsüber legt sie als Archäologin die Schätze vergangener Jahrhunderte frei, nachts schnüffelt sie im Revier rivalisierender Gangster herum. Auf den ersten Blick ist Veska (Yana Radeva) nicht unbedingt eine einschüchternde Präsenz, besonders wenn man sie mit den aufgepumpten Gaunern vergleicht, die in Das geträumte Abenteuer ihre Dinger im bulgarischen Grenzland drehen. Das hält die resolute Heldin des großartigen neuen Films der deutschen Regisseurin Valeska Grisebach allerdings nicht davon ab, sich mit den Gangstern anzulegen.
Das geträumte Abenteuer behauptet sich in Cannes
Das geträumte Abenteuer hat im Wettbewerb von Cannes seine Weltpremiere gefeiert und gehört mit seiner 167-minütigen Laufzeit zu den sperrigeren, aber unbedingt sehenswerten Werken im Programm des Festivals. Das hat auch die Jury belohnt, die den Film am vergangenen Wochenende ausgezeichnet hat. Von vornherein sei gesagt: Es ist kein einfacher Film, der einen alle paar Minuten mit Thrills bei Laune hält, auch wenn es explosive Spannungsmomente während Veskas Reise durch die Unterwelt gibt.
Für Das geträumte Abenteuer sollte man etwas Geduld mitbringen, da euch zuvorderst eine genau beobachtete Menschen- und Milieustudie erwartet, voller vielsagender Gespräche, Reminiszenzen und literweise bulgarischen Obstlers. Nebenbei gibt's ein gutes Argument dafür, dass der Eurodance-Banger "What is Love" von Haddaway 77 Prozent aller Filme besser machen würde (ja, auch Casablanca und Der Pate!).
Angesiedelt ist der Film in Swilengrad. Die knapp 18.000 Einwohner starke Stadt liegt an der bulgarischen Grenze zu Griechenland und der Türkei und war im Verlauf der Jahrhunderte Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen Bulgaren und dem Osmanischen Reich. In Das geträumte Abenteuer liegt diese Geschichte im Erdreich verborgen, während Benzin-, Drogen- und Menschenschmuggler sich die Grenzregion unter den Nagel gerissen haben. Auf ihre Weise sind sie Schatzsucher, genau wie die Archäologin Veska.
Sie verbrachte ihre Jugend in der "Ära der Männer", wie es der Gangster Iliya (Stoicho Kostadinov) einmal beschreibt. Er meint die wilden 90er Jahre nach dem Fall des Kommunismus, in denen Kerle wie Iliya schnell zu Geld kommen konnten, während andere dafür ihr Leben ließen. Mit der Romantik des Wilden Westens hat diese Vergangenheit aber nichts gemeinsam.
Die Archäologin, die immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen hat, kehrt für eine Ausgrabung zurück nach Swilengrad. Sie trifft zufällig auf ihren alten Freund Said (Syuleyman Letifov aus Grisebachs Western), der sich mit dem Schmuggel von Diesel durchschlägt. Beide wurden vom Leben durchgeschüttelt. Das sieht man in ihren Gesichtern, und man spürt es am Ungesagten, das in der Luft zwischen ihnen knistert. Said ist anscheinend zwischen die Fronten zweier konkurrierender Mafiosi geraten. Als er zu einem Treffen nicht erscheint, begibt sich Veska auf die Suche – und trifft auf ihren alten Freund Iliya.
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In Das geträumte Abenteuer steckt auch ein Gangsterfilm
Schon Grisebachs letzter Film Western spielte an Bulgariens Grenzen. Mit sparsamen Genre-Elementen wurde darin die Beziehung eines deutschen Bauarbeiters zu seinen bulgarischen Kollegen inszeniert. Er war zwar kein Cowboy, aber ein Neuankömmling, der in der Fremde eine neue Heimat sucht.
Veska kehrt in Das geträumte Abenteuer zurück in eine hartgekochte Welt. Darin kommt der Polizei nicht einmal eine Statistenrolle zu. Hier träumen die Figuren von Reisen nach Chicago und reden wie abgebrühte Verbrecher aus Hollywood, wie in den Filmen von James Cagney und Humphrey Bogart oder später den De Niros und Pacinos. Es sind Gespräche über die Konsequenzen der eigenen Taten und das Schicksal, das sie provozieren. Es geht um Männer, die sich selbst ironiefrei Spitznamen wie "Der Rabe" geben und von Liquidationen sprechen, als handele es sich um einen Einkauf im Supermarkt.
Die Gangsterfilm-Elemente bilden einen erheiternden, aber auch bedrohlichen Kontrast zur ruhigen Erzählweise, was mich zum Teil an The Wire erinnert hat. Und wie in der Serie von David Simon besteht ein großer Reiz des Films in dem präzise eingefangenen Gefühl für einen Ort – seine verlassenen Raststätten, seine Schotterstraßen und Obstgärten – und seine Menschen. Man kommt für den Plot rund um den verschwundenen Said und bleibt für Veska, die für die Ära der Männer längst keine Geduld mehr hat.
Ich habe Das geträumte Abenteuer bei der Weltpremiere in Cannes gesehen, wo der Film im Wettbewerb gezeigt wurde. Einen deutschen Kinostart gibt es noch nicht.
