Sexismus-Debatte - Hat Kit Harington den Spott verdient?

Zu hübsch und sexy?
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Kit Harington, derzeit am besten bekannt als Jon Snow in Game of Thrones, leidet unter dem Sexismus und der Diskriminierung in der Filmbranche. Er sei mehr als nur ein Kopf voller Haare und ein schöner Körper, gab er in einem Interview in der Sunday Times bekannt:

Es ist erniedrigend. Ja, in einigen Fällen könnte man sagen, dass ich wegen meines Aussehens eingestellt wurde. Aber es gibt einen Sexismus, der Männern passiert. Es gibt in unserer Industrie definitiv einen Sexismus, der sich gegen Frauen richtet, aber auch einen gegen Männer. In manchen Augenblicken während der Fotoshootings, wenn ich gebeten wurde, mich auszuziehen, habe ich das gefühlt.

Nun, Kit Harington ist Teil einer Kategorie von Männern, die gemeinhin als hunk (deutsch: Stück) oder beefcake (tja, wie übersetzt man das? Fleischtörtchen?) bezeichnet werden. Hunks ist ein Slangbegriff, aber auch eine Art Kategorisierung von Schauspielern und Rollen, der sich rein auf die Äußerlichkeiten der Person bezieht. Als Hunk ist man jung, muskulös und attraktiv. Und somit sofort sexualisiert und objektiviert. Quasi der personifizierte feuchte Traum und/oder Vorbild in Sachen (äußerlich) perfekter Maskulinität.

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Es gibt sogar Aufstellungen wie diese hier mit den heißesten Hunks (ein Wort, dass in dem verlinkten Artikel ein "/Sex Idiots" dazuaddiert bekommt) des Blockbuster-Sommers 2016, in der quasi das Frischfleisch vorgestellt wird, das irgendwann mal Idris Elba, Channing Tatum und Co. ablösen wird. Denn altes Fleisch ist schlechtes Fleisch. Nur wenige über 45 Jahre kommen auf die Hunk-Liste. Meiner subjektiven Einschätzung nach ist wohl Hugh Jackman derzeit der älteste Hunk. Aber Wolverine altert ja auch langsamer ...

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Ganz klar, die Idee und das Dasein einer Kategorie wie Hunks/Beefcakes ist eindeutig diskriminierend. Und doch sind die Reaktionen auf Kit Haringtons Aussage eher belächelnd:

Game of Thrones star Kit Harington wants the world to know there’s more to him than being really, really, really, ridiculously good looking.

You know nothing, Jon Snow?

Aber warum wird er nicht ernst genommen? Ich glaube, das liegt an einer Kombination aus drei verschiedenen Faktoren:

1) Richtige Männer beschweren sich nicht

Ein kurzer Ausflug ins Theoretische: Der Typus "Hunk" ist der Stellvertreter eines dominanten Maskulinitätsprinzips. Wenn man sich den Aufbau und die Funktion der hegemonialen Männlichkeit einmal anschaut, steht an erster Stelle die Idee des Alpha-Mannes. Dieser ist entweder mächtig (Geld, Stellung etc.) oder er ist alpha durch sein extrem männliches Aussehen (zur Zeit hoch im Trend: der Spornosexuelle). Doch egal, ob über Macht oder Aussehen, ein Alpha beschwert sich nicht. Ein Alpha macht, ändert, dominiert. Dass Kit Harington im Interview also darüber spricht, dass er sich bei Fotoshootings entkleiden muss, "entmännlicht" ihn, macht ihn unglaubwürdig und damit zum perfekten Opfer für Gespött.

Es gibt sogar ein Gif bzw. Meme für Momente, in denen Männern ob der Demonstration ihrer Gefühle bzw. Gedanken verspottet werden:

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2) Game of Thrones und Nacktheit

Ein weiterer Punkt, weshalb man Kit Haringtons Beschwerde, dass man will, dass er sich nackt macht, nicht ganz ernst nimmt: Game of Thrones ist voller Nacktheit und Sex. Aber hier sind es zum allergrößten Teil die Frauen, die sich zeigen müssen. Erst vor ein paar Wochen hat Kollegin Emilia Clarke gefordert, dass es einen gerechten Ausgleich in der Serie geben sollte, denn es gibt kaum Männer, die sich full frontal zeigen, wohl aber so einige Frauen. Mehr Penis sollte da schon drin sein, konstatiert sie.


Wenn man bedenkt, was Emilia Clarke in der Serie alles schon zeigen musste (mehrere komplett nackte Szenen, gerade vor 3 Wochen die letzte, Sex vor der Kamera etc.), kommt Kit Harington mehr als nur glimpflich davon, wenn er sein Shirt auszieht bzw. mal seinen Hintern zeigt. Hier nun spielt aber der dritte und wichtigste Punkt direkt mit hinein:

3) Der Vergleich mit dem Sexismus, den Frauen erleben

Wir wissen und sehen es alle, aber auch diverse Studien, die in letzter Zeit veröffentlicht wurden, zeigen, dass Frauen in der Filmindustrie systematisch diskriminiert werden. Und das sowohl vor als auch hinter der Kamera. Und vor allem der Sexismus, den Schauspielerinnen tagtäglich erleben, ist so verbreitet, dass man gar nicht weiß, wo man mit den Systemänderungen anfangen soll.

Es beginnt damit, dass Frauen weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, und endet bei Castings, die Frauen grundsätzlich objektivieren und sexualisieren. Sind sie "zu alt" und damit nicht mehr sexy genug, fliegen sie raus. Meistens ist ab Ende 30 schon Schluss, nur wenige Frauen arbeiten danach weiter. Die Rollenauswahl ist dementsprechend auch miserabel. Männer hingegen haben kein Haltbarkeitsdatum im Film. Selbst alternde Hunks können danach in eine andere "Kategorie" wechseln. Sind sie "fett", können sie sich maximal in der Komödie etablieren - wobei dort die meisten Witze auf ihre Kosten gehen. Und so weiter, und so fort.

Nur ein beliebiges Beispiel der letzten Tage: Kate Beckinsale berichtet, dass Michael Bay, mit dem sie für Pearl Harbor zusammenarbeitete, in Interviews mit ihr den Journalisten folgende Antwort auf die Frage gab, wieso er sie gecastet hat, da sie nicht seinem üblichen Frauentyp (sprich: große Brüste) entsprach:

Kate war nicht so attraktiv, dass sie die weiblichen Zuschauer entfremdet hat.

Lovely. Und so alltäglich, dass darum nicht einmal mehr viel Aufhebens gemacht wird.

Kein Wunder also, dass feministische Webseiten wie Jezebel auf Kit Haringtons Aussagen eher mit einem ironischen Beitrag à la "Du Armer, hier hast du einen Keks" reagieren? Es ist in der Tat einfach, seine Aussagen abzutun und wegzuwinken. Was sind schon ein paar nackte Fotoshootings gegen ein vollständig etabliertes System an Sexismus? In der Tat, quantitativ und qualitativ beobachtet ist die Antwort hier eher: nichts.

Aber so funktioniert das eben nicht. Gleichberechtigung und das Recht, nicht diskriminiert und objektiviert zu werden, gilt für alle Menschen und lässt sich nicht nach Qualität und Quantität kategorisieren. Es hilft auch nicht, das Leid des einen mit dem der anderen abzuwägen. Es stimmt, dass Frauen und Minoritäten massiver darunter leiden. Fakt ist aber auch: Kit Harington hat Recht. Das gesamte Konzept des Hunks/Beefcakes ist sexistisch und diskriminierend. Und schadet nicht nur den Schauspielern, die in diese Schublade geworfen werden, sondern auch allen anderen. Männern wird hier ein fast unhaltbarer Maskulinitätsstandard aufgedrückt, Frauen erhalten ebenfalls ein Trugbild hochgradig artifizieller Männlichkeit. In gewisser Weise nähert sich der Hunk/Beefcake hier den Arbeits- und Lebensbedingungen der meisten Frauen. Zu Recht konstatiert Harington, dass es sich schrecklich anfühlt und entwürdigend ist.

Und natürlich ist es schön, sich schöne Körper anzusehen, dazu muss man aber den Menschen als Gesamtes nicht objektivieren und entwürdigen. Es gibt andere, konsensuelle Wege.

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