Als Ethan Hawke vor einem Jahr bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin zu Gast war, erweckte er einen Künstler zum Leben, der mit seiner Profession und der Liebe haderte. Unerfüllte Hoffnungen und unerwiderte Gefühle: Am Ende der 100 Minuten von Blue Moon lag die von ihm verkörperte Broadway-Legende Lorenz Hart am Boden, komplett besiegt. In The Weight ergeht es ihm noch viel schlimmer.
Mit dem Streifzug durch die Große Depression in Amerika meldet sich Hawke auf der Berlinale 2026 zurück. Er spielt einen Vater, der zu Unrecht ins Gefängnis gesperrt wird und in einem Arbeitslager für seine Freiheit schuften muss. Ein unerwarteter Deal könnte seine Haftstrafe vorzeitig beenden. Doch dafür muss er sich in Lebensgefahr begeben und eine Reise durch die erbarmungslose Natur antreten.
In The Weight wir Ethan Hawke zum Goldschmuggler
Konkret finden wir uns in den Wäldern von Oregon wieder. Amerika steht am Abgrund. Seit vier Jahren hat die durch den Börsencrash ausgelöste Wirtschaftskrise das Land fest im Griff. Trostlos ist der Blick in die Straßen – noch trostloser, wenn wir uns die Gesichter der Menschen anschauen. Hier traut niemand dem anderen über den Weg und jeder noch so unscheinbare Wertgegenstand wird zum Objekt der Begierde.
Auch in den Augen von Samuel Murphy (Hawke) schlägt sich Erschöpfung nieder. Für seine Tochter Penny (Avy Berry) würde er dennoch alles tun. Er inszeniert sogar wilde Verfolgungsjagden auf der Landstraße für sie. Mit Motoren kennt er sich aus, genauso wie mit jedem anderen Handwerk. Murphy ist jemand, der Amerika bauen könnte – doch seine Talente sind verschwendet in einer Zeit, in der nichts entstehen kann.
Durch ein Missverständnis landet er hinter Gittern und wird von seiner Tochter getrennt. Der einzige Hoffnungsschimmer liegt im Straßenbau von Warden Clancy (Russell Crowe): Mit anderen Insassen tritt Murphy jeden Tag in Denim-Uniform und mit Spitzhacke zur Arbeit an, um seine Haftstrafe zu verkürzen. Clancy zeigt sich beeindruckt von Murphys Schaffenskraft und Einfallsreichtum – und zieht ihn ins Vertrauen.
Ein Bekannter betreibt eine Goldmine und steht vor einem Problem: In Anbetracht der angespannten Lage sind die Nuggets im Tresor nicht mehr sicher. Murphy soll mit fünf Männern einen Fünftagesmarsch antreten, um das Gold in Sicherheit zu bringen. Wenn ihm das gelingt, unterzeichnet Clancy seine Entlassungsempfehlung und Murphy kann zu seiner Tochter zurückkehren, bevor ihm das Sorgerecht entzogen wird.
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The Weight tauscht Nitroglyzerin gegen Goldbarren
The Weight wandelt auf den Spuren des düsteren und hoffnungslosen Action-Kinos der 1970er Jahre. Vor allem Atemlos vor Angst dürfte der gefahrvollen Reise Pate gestanden haben. Sogar eine nervenzerfetzende Brückenüberquerung hat Padraic McKinley in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm untergebracht. Bisher war er als Cutter bei Filmen und Serien unterwegs. Jetzt demonstriert er als Regisseur sein Können.
McKinley weiß um jede Bildfolge und ihre Wirkung, sodass sich selbst ein unscheinbares Set-Piece mit großer Spannung entfaltet. Auf der einen Seite lebt The Weight von seiner abwechslungsreichen Action. Neben der Brückenüberquerung in schwindelerregenden Höhen gehört u.a. eine nicht weniger fesselnde Flusssequenz dazu, in der mächtige Baumstämme mit zermalmender Wucht vom Wasser getragen werden.
Auf der anderen Seite fesselt der Film durch das Misstrauen unter den sechs Männern. Jeder Einzelne von ihnen wird den Gedanken bereits im Kopf durchgespielt haben, ob man sich das Gold nicht einfach unter den Nagel reißen könnte. Das Nitroglyzerin aus In Atemlos vor Angst, das wortwörtlich in die Luft gehen könnte, findet in The Weight seine Entsprechung durch intrigante Versuchungen im dichten Grün.
Doch nicht nur in der Gruppe brodelt es: Ein Fremder, der des Nachts im Wald auftaucht, wird am nächsten Morgen sicherlich nicht seines Weges gehen, nachdem er die schweren Rucksäcke gesehen hat. Niemand muss ihm sagen, dass sich darin Barren im Wert von Hunderten Millionen US-Dollar befinden. Wer in dieser Gegend zu dieser Zeit unterwegs ist, kann nur eine Ware transportieren – und die ist massiv und glänzend.
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The Weight ist ein mitreißender Survival-Thriller
Als Zuschauende bekommen wir es selbst kaum zu sehen. Dennoch hören wir, wie sich das Gold mit jedem Schritt in den Rucksäcken verschiebt. Es ist ein verräterisches, dumpf-hohles Geräusch, das McKinley auf subtile Art und Weise fast noch intensiver in Szene setzt als den reißenden Fluss und die brüchige Brücke. Das Sounddesign kann mühelos mit der rauen Textur der Bilder mithalten und schafft eindringliche Momente.
The Weight ist ein Film, den man zu jeder Sekunde spüren kann. Der Schotter, der von den Reifen aufgewirbelt wird, wenn Murphy aufs Gaspedal tritt. Die Ströme aus Schweiß, Dreck und Blut, die durch die mitgenommenen Jeans dringen. Und natürlich das Gewicht der Barren, das sich ebenso auf symbolischer Ebene lesen lässt und trotz der erdrückenden Bürde als Anker aller thematischen Punkte des Films fungiert.
Obwohl The Weight sehr geradlinig erzählt ist, versteht sich der Film als große Amerika-Geschichte, die von Menschen und Land erzählt – und vor allem von (unbegrenzten) Möglichkeiten. Wer über die Produktionshintergründe Bescheid weiß, wird sicherlich schmunzeln müssen, denn der gesamte Film wurde in Bayern gedreht. Dennoch fühlt sich das von McKinley nachgestellte Oregon unheimlich echt und greifbar an.
Das liegt nicht nur am außerordentlichen Gespür für die Inszenierung der Umgebung. Die Männer – und später auch die einzige Frau im Film, gespielt von der großartigen Julia Jones – erhalten mit zunehmender Laufzeit ein nuanciertes Profil. The Weight mag auf den ersten Blick wenig mit einer prestigeträchtigen Charakterstudie wie dem eingangs erwähnten Blue Moon zu tun haben, schürft aber dennoch in der Tiefe.
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Mit jeder Extremsituation zwischen Tau und Nebel wächst das Verständnis für die Figuren, sodass am Ende aus dem lose zusammengewürfelten Trupp markante Gesichter hervortreten, die man selbst in dunkelster Stunde erkennt, wenn der Blitz für den Bruchteil einer Sekunde den Himmel erhellt und den schlimmsten Abgrund offenbart. Genau das macht The Weight so mitreißend – und niederschmetternd.
The Weight läuft in der Sektion Special Gala auf der Berlinale 2026. Bisher hat der Film noch keinen deutschen Kinostart.
