Der Mann für alles

Udo Kier - Von Andy Warhol zu den Space-Nazis

Udo Kier macht alles mit.
© Blind Spot Pictures
Udo Kier macht alles mit.

Udo Kier schreckt vor nichts zurück. Im von Fans lang erwarteten und teils mitfinanzierten Film Iron Sky von Timo Vuorensola spielt er den manischen Führer in einer auf dem Mond gelegenen, hakenkreuzförmigen Nazi-Stadt. Die Invasion der Erde nach 73 Jahren Exil steht kurz bevor und auch wir können ab Donnerstag dem Spektakel im Kino beiwohnen. Schon auf der Berlinale war Iron Sky einer der am fieberhaftesten erwarteten Filme, wenn auch in Kritiken schon die ersten, in Anbetracht der Produktionsumstände wohl verständlichen Schwächen besprochen wurden. Für Udo Kier sind Filme weit, weit ab des Mainstreams eine Normalität. Das kann Arthouse heißen, bedeutet in den meisten Fällen aber eher Exploitation, Horror oder Genre im Allgemeinen. Für seine enorme filmische Leistung schrieben wir ihm zum Kinostart von Iron Sky ein kleines Porträt.

Ungewöhnliche Filme, ungewöhnliches Leben
Das Leben von Udo Kier selbst könnte schon einer seinen Rollen würdig sein. Momente nach seiner Entbindung im Jahr 1944 wurde sein Kölner Geburtskrankenhaus niedergebombt. Und bereits in jungen Jahren ließ er durchblicken, dass er anders war. Als Messdiener zog er sich zur Unterhaltung seiner Freunde gern als Frau an und imitierte berühmte Sängerinnen oder Darstellerinnen. Das Schauspielern lag ihm also im Blut, nun musste er nur noch eine Plattform finden. Die geeigneten Kontakte knüpfte er unter anderem bei Rainer Werner Fassbinder, dessen Schützling er eine Zeit lang war. Doch seine Karriere fand er wenig später, in Amerika und unter den Fittichen von Andy Warhol. Seiner Geburtsstadt Köln sollte er trotz seines Globetrotter-Lebens aber immer treu bleiben und hatte dort bis in die 90er einen Platz in einer avantgardistischen Künstler-WG, an deren Aktionen er sich beteiligte.

American Horror German
Andy Warhol produzierte zum Beispiel den sexuell suggestiven Film Andy Warhols Frankenstein (Paul Morrissey, 1973), in dem Udo Kier die Rolle des an einem neuen Menschengeschlecht interessierten Baron Frankenstein mimte. Größerer Erfolg kam aber erst als vampirischer Graf, in dem erneut von Andy Warhol produzierten, mit surrealistisch-parodistischen, aber auch reichlich Gore-Elementen gespickten Andy Warhols Dracula. Vampirfilme und generell Horror blieben bis heute sein Metier. Einige von euch werden ihn in Blade, Shadow of the Vampire oder Revenant – Sie kommen in der Nacht gesehen haben, neben Hollywoodstars wie Wesley Snipes oder John Malkovich. Das Gesicht und die eigentümlichen Gebärden des Udo Kier eignen sich einfach zu gut für das Genre. Aber auch in anderen, leicht trashig angehauchten Hollywood-Genreproduktionen hatte er seine Auftritte. In Armageddon – Das jüngste Gericht war er der zynische Psychologe, im von Kritikern verrissenen Vernetzt – Johnny Mnemonic der intrigante Boss vom Titelcharakter (Keanu Reeves) und in End of Days – Nacht ohne Morgen war er ebenfalls dabei.

Sogar für Barb Wire mit Pamela Anderson war er zu haben und antwortete auf die Frage, ob er Interesse habe mit Of cou-u-urse! Any time! (AVclub). Der Mann ist ohne Angst, sieht die Branche aber realistisch und kann selbst plattestem Cash-Kino etwas abgewinnen. Es gibt einige Leute, mit denen ich gearbeitet habe, Pamela Anderson, Arnold Schwarzenegger und sie sind Figuren. Das wissen sie. Sie tun nicht so, als wären sie gute Schauspieler. Sie wurden von der Industrie zu Figuren gemacht. Für diese exzentrische Sicht und sein Auftreten ist Udo Kier berühmt. Jeder abgedroschenen Rolle kann er etwas Außergewöhnliches verleihen, selbst, wenn es nur ein Abrutschen in Richtung Trash ist. So holte sich auch Giallo-Papst Dario Argento seine Portion Kier für Suspiria und The Mother of Tears, zwei Teile seiner Muttertrilogie.

Udo und das Arthouse-Kino
Aber auch außerhalb des Genres fasste Udo Kier Fuß. Gus van Sant hatte für ihn als Freier von Keanu Reeves Verwendung, in seinem Film My Private Idaho – Das Ende der Unschuld. Seine Wurzeln lagen zwar bei den Horrorfilmen von Andy Warhol, im Prinzip konnte Udo Kier aber jeden Weg gehen. Einer dieser Wege kreuzte sich mit Christoph Schlingensief bei dessen surrealistischen Film Mutters Maske de Schauspieler neben Helge Schneider spielte. Weitere Rollen umfassen unter anderem Egomania – Insel ohne Hoffnung mit Tilda Swinton, Das deutsche Kettensägenmassaker, die Doku Udo Kier – Tod eines Weltstars oder United Trash. Mit Epidemic begann zudem später eine Freundschaft zu Lars von Trier, die sich in einer langjährigen Filmpartnerschaft äußerte. Udo Kiers Rollen für Lars von Trier waren intensiv, für die Hauptrolle in Medea wusch er sich zum Beispiel drei Wochen lang nicht. Ihre Freundschaft geht so weit, dass Udo Kier letztes Jahr sogar für den dänischen Regisseur nach dessen Cannes-Kontroverse eine Hand ins Feuer legte. Lediglich in Idioten, The Boss of It All und dem berüchtigten Antichrist war er nicht dabei. Aber auch solch extremere Rollen könnten nicht überraschen, hatte er in den 70ern doch eine Hauptrolle in dem Softcore-Porno-Kunstfilm Spermula.

Die über 200 Titel umfassende Filmographie von Udo Kier in diesem Rahmen repräsentativ zu komprimieren, ist kaum möglich. Klar ist aber, dass der Mann Udo Kier mit sich im reinen ist. Sowohl Arthouse-, Mainstream- als auch Genrerollen sind für ihn kein Problem und obwohl er regelmäßig mit Arthouse-Regisseuren zu tun hat, macht er sich über die Prätentiösität vieler Kunstfilme keine Illusionen. Udo Kier spielt einfach gern in Filmen mit. Wer ihn in einer seiner kürzlichen Rollen sehen will, kann das zum Beispiel in Lars von Triers Melancholia, ab dieser Woche in Iron Sky und noch in diesem Jahr in Keyhole (Guy Maddin) tun.

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