Von A Star Is Born bis Roma: Die 15 besten Filme in Venedig 2018

A Star Is Born
© Warner Bros.
A Star Is Born
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Mit dem Aufbruch zum Mond begann das Filmfestival von Venedig vor knapp zwei Wochen. Ein paar Enttäuschungen im Programm gab es, darunter Suspiria und The Ballad of Buster Scruggs von den Coen-Brüdern. In der Erinnerung überwiegen jedoch die guten Filme. 15 davon habe ich herausgesucht, um sie euch ans Herz bzw. den Vormerk-Button zu legen. Dabei spielt die Festival-Sektion keine Rolle. Die Auswahl reicht vom Gewinner des Goldenen Löwen bis zum betörenden Regie-Debüt aus Thailand, von Orson Welles bis S. Craig Zahler (zugegeben, ich wollte die beiden mal in einem Satz nennen).

Grundlage waren die 44 Filme aus dem Programm, die ich gesehen habe, 42 davon vor Ort. Die Auflistung folgt, abgesehen vom letzten Film, keinem tieferen Sinn. Viel Spaß beim Schmökern in den besten Filmen des Festivals von Venedig 2018!

Die besten Filme aus dem Programm von Venedig 2018

A Star Is Born

Ein Kraftwerk der Gefühle hat Bradley Cooper zusammen mit seinen Ko-Autoren in A Star Is Born hochgezogen. Angetrieben wird das Remake von berauschenden Musikeinlagen und der Chemie der beiden Hauptdarsteller. Unbedingt im Originalton solltet ihr den Film schauen, wenn er im Kino startet, da Cooper seine Stimme nach dem Vorbild seines Filmbruders Sam Elliott modelliert hat, was im Film eine wichtige Rolle spielt. Die erste Stunde rund um das Kennenlernen von Lady Gagas Sängerin und Coopers Country-Star gehört zum unwiderstehlichsten, was dieses Jahr von einem großen US-Studio ins Kino gebracht wird.

Sektion: Außerhalb des Wettbewerbs

The Three Adventures of Brooke

Für eine Stunde fühlte ich mich in einem Hong-Sang-soo-Light, nur eben aus China und in Malaysia spielend (und ohne Soju). Die betont unbekümmerte Musik von The Three Adventures of Brooke lud dazu ein und die Art, wie die Abenteuer der Chinesin Brooke nonchalant erzählt werden, als wäre die Präsentation drei verschiedener Zeitlinien ein und desselben Lebens das Normalste auf der Welt. Drei Bekanntschaften macht Brooke dank ihres luftlosen Vorderrads, die sie auf drei Wege führen. In der zweiten Hälfte baut der Film auf der Hommage an den Koreaner jedoch eine eigenständige Suche nach den Gründen, die Brooke überhaupt zu dem platten Fahrrad in der Fremde führten. Eine echte Überraschung im Festival.

Sektion: Giornate degli Autori

Killing

Tod und Lust gehen in Killing, dem neuen Film von Shin'ya Tsukamoto Hand in Hand. Einen Historienfilm hat der Mann gedreht, der zuletzt in Martin Scorseses Silence mitspielte. Bei Tsukamoto wirkt das dank der Wildheit der Kamera, die in Sekundenschnelle der Ekstase der Helden und dem Chaos des Kampfes nachhuscht, äußerst modern, oder besser: digital. Die Miniatur eines Samuraifilms lässt einen älteren Samurai (Shinya Tsukamoto) auf einen Jüngeren (Sôsuke Ikematsu)treffen. Der eine erkennt sofort das Talent des anderen und will ihn rekrutieren. Endlich tätig werden, endlich für einen Herren kämpfen und morden, lautet das Ziel. Dazwischen kommt eine Rotte anderer Kämpfer und eine junge Frau (Yū Aoi). Das erste Duell sehen wir aus der Distanz: Erhaben und elegant sieht es aus. Später stürzt sich der Film hinein ins Gemetzel, bis der Schwung des Katanas etwas Suchthaftes, Verstörendes entwickelt. Eine Erweiterung von Körpern, die vielleicht einfach mal ein bisschen Sex haben sollten, um wieder (runter)zu kommen.

Sektion: Wettbewerb

Keep Going

Eine Mutter, ihr Sohn, zwei Pferde, zwei Zelte, ein iPod und ein Tagebuch. Keep Going von Joachim Lafosse schickt diese Zutaten in die karge Weite Kirgisistans, um im Großen das kleine Familiendrama unter die Lupe zu nehmen. Kacey Mottet-Klein aus Téchinés Mit 17 gibt den störrischen jungen Mann, der seine voranreitende Mutter (Virginie Efira) mit Schweigen straft. Es dauert eine Weile, bis wir erfahren, wieso. Keep Going gehört zur Sorte Filme, die zu klein sind, um in den Wettbewerb eines A-Festivals zu kommen, die aber das Glück eines solchen Festivals erst möglich machen. Ein Suspiria oder Vox Lux nach dem anderen wäre zermürbend (und unbefriedigend). Es braucht Filme wie Keep Going, die das, was sie wollen - ein sensibles Mutter-Sohn-Drama, in dem auch mal fünf Minuten schweigend in der Morgensonne auf ein Lächeln gewartet werden darf - umsetzen.Nicht mehr, nicht weniger. Ein wunderbarer kleiner Film.

Sektion: Giornate degli Autori

Our Time

Der Mexikaner Carlos Reygadas hat sich mit Stilles Licht und Post Tenebras Lux im Pantheon des aktuellen Weltkinos etabliert. Our Time gerät im Verhältnis zu "Lux" konventioneller, wobei die weiten Panoramen der mexikanischen Landschaft geblieben sind. Statt eines väterlichen Teufelchens, das Abends von der Arbeit kommt, ist der Stier das bestimmende Symbol des Beziehungsdramas, in dem Reygadas und seine reale Ehefrau Natalia López die Hauptrollen spielen. Die offene Beziehung des Rancher-Poeten-Ehepaars wird auf die Probe gestellt, als ihre Affäre mit einem Amerikaner den Ehemann in eine Spirale der Eifersucht stürzt. Das alles ist viel zu lang und narzisstisch, aber es gibt eine Szene, in der zu den Klängen von Genesis' The Lamb Lies Down on Broadway (ich tippe auf The Chamber of 32 Doors) der Kamerablick von der durch ihre Affäre elektrisierten Frau am Steuer hinein in das Innenleben des ratternden Autos wandert und, nun ja, ich bin leicht zu bestechen.

Sektion: Wettbewerb

Manta Ray

Zu Recht hat Manta Ray den Hauptpreis der Sektion Orizzonti gewonnen, die in Venedig Raum für Entdeckungen und Debütanten bietet. Gewidmet ist das Regiedebüt des Thailänders Phuttiphong Aroonpheng der in Myanmar verfolgten Minderheit der Rohingya, wobei der Film in Zuordnungen dieser Art angenehm vage bleibt. Ein junger Fischer sammelt eines Tages einen Verletzten im Morast des Dschungels auf und pflegt ihn gesund. Der stumme Fremde wird zu seinem Gefährten, und als der Fischer verschwindet, zu seinem Doppelgänger. Wenig wird in Manta Ray gesprochen, viel durch die Bilder und Tongestaltung ausgedrückt, die eine geisterhafte Präsenz in der Natur suggerieren. Lee Chatametikool, der oft mit dem thailändischen Meister Apichatpong Weerasethakul arbeitet, saß im Schnittraum dieser etwas anderen Wiederkehr des Martin Guerre, die sich zu einem furiosen Finale hintastet.

Sektion: Orizzonti

Monrovia, Indiana

Nach der New York Public Library wendet sich der Dokumentarist amerikanischer Institutionen, Frederick Wiseman, in Monrovia, Indiana einer "ganz normalen" Kleinstadt in den USA zu. Es passt, dass die Schulkapelle in einer Szene das Titelthema aus Die Simpsons spielt, denn in dieser flachen Ecke des Landes ist Monrovia ein Springfield, stellvertretend für eine spezifische Art der Gemeinschaft. Formal fällt der Film durch seine Rigidität auf: Jeder Baustein der Stadt, ob Farm, Stadtrat, Barbershop oder High School, wird erst in kurzen Einstellungen von außen eingeführt. Dann führen wenige Schnitte heran an das Innenleben, manchmal kurz, manchmal 10, 15 Minuten lang. Heraus führt der Weg genau wie beim Eintritt. Dabei werden in augenscheinlich kleinlichen Diskussionen Problematiken wie die Immobilienblase und Finanzkrise vor zehn Jahren angerissen. Das macht Wiseman aus: Wie eine Gesellschaft von ihren Feuerhydranten aufwärts funktioniert.

Sektion: Außerhalb des Wettbewerbs

Dragged Across Concrete

In seiner dritten Regiearbeit Dragged Across Concrete verwickelt S. Craig Zahler die suspendierten Cops Mel Gibson und Vince Vaughn in einen minutiös wie brutal geplanten Banküberfall. Allen die Show stiehlt allerdings Tory Kittles in dem, was man für gewöhnlich eine "breakout role" nennt. Kittles spielt einen Kleinganoven, der, frisch aus dem Knast entlassen, sich um seinen Bruder und seine Mutter kümmern muss. Dafür heuert er mit einem Kumpel (Michael Jai White) bei besagtem Bankraub an und lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als Cops und paramilitärische Räuber aufeinander treffen. Nicht ganz so gut wie Bone Tomahawk und Brawl in Cell Block 99, aber S. Craig Zahler dabei zuzuschauen, wie er harte Typen auf dem narrativen Asphalt zermalmt, bleibt eine Freude.

Sektion: Außerhalb des Wettbewerbs

Peterloo

Die mühsame Arbeit der politischen Reform und ihre schweren Opfer schildert Mike Leigh in seinem Historienfilm Peterloo. Treffen für Treffen hören wir die Aktivisten im Manchester des Jahres 1819 plädieren und diskutieren über Reformen und soziale Gerechtigkeit im England des 19. Jahrhunderts. Der Titel, Verweis auf das in Anlehnung an Waterloo bezeichnete Massaker auf dem St. Peter’s Field, hängt in dunkler Vorahnung über diesem friedlichen Aufbäumen der Bevölkerung. Leighs Sympathien sind eindeutig verteilt. Die Erzählung geht ins Holistische. Es gibt nicht die eine Hauptfigur, eher Stellvertreter von Klassen und Schicksalen. Der junge Soldat, auf dem Kontinent aufgerieben, der nun nach Arbeit sucht. Die Arbeiter, die in der Textilindustrie von Maschinen ersetzt werden. Radikale, die auf Umsturz drängen, und gemäßigte Reformer. Dazwischen der Apparat, der ihrer Unterdrückung dient. Leidenschaftslos und schematisch kann man das nennen, ich fand die Leidenschaft allerdings in der bewundernden Geduld, mit der hier jede einzelne Rede ausgebreitet wird.

Sektion: Wettbewerb

Adam und Evelyn

Aus dem Festivaltagebuch: Die deutsche Produktion Adam und Evelyn, nach dem gleichnamigen Roman von Ingo Schulze, läuft in der hiesigen Woche der Kritik. Ein zerstrittenes Pärchen aus der DDR trifft sich unmittelbar vor dem Mauerfall in Ungarn. Er ist ihr hinterher gefahren mit seinem Wartburg aus den 60ern. Sie hat mit einem Westdeutschen angebandelt. Aus dem Radio schallt die Weltgeschichte. Die Kamera verweilt immer einen Tick zu lange auf ihnen, wie sie im Garten ungarischen Rotwein trinken oder Pflaumen vom Wegesrand naschen. So lange, dass sich Antworten und Reaktionen aufdrängen, die nicht kommen. Im Ungesagten wirken die kargen, eleganten Bildkompositionen plötzlich füllig. Ein Film zum Verweilen, der selbst verweilt in dem Sommer des Umbruchs.

Sektion: Internationale Woche der Kritik

The Sisters Brothers

John C. Reilly ist fantastisch in der Western-Literaturverfilmung The Sisters Brothers, aber das ist ja schon selbstverständlich. Als älterer Bruder macht er sich mit Joaquin Phoenix auf, um einen Chemiker durch den Westen der USA zu jagen, doch alles kommt in dem Film von Jacques Audiard anders als bei diesem Genre erwartet. Der Western ist seit einer Weile wieder en vogue, besonders gefällt mir an diesem hier aber, dass er den Anschluss an die Überwindung des Frontier-Lebens sucht und nicht wehmütig auf dessen Ende schaut. In San Francisco gibt es bereits Hotels mit Toilettenspülung, es gibt feine Restaurants und hinterher kann man sich die Zähne putzen, wenn sie nicht blutig geschlagen wurden. Dabei geht The Sisters Brothers einen anderen Weg als andere Spätwestern, die ihren Helden als Auslaufmodell huldigen (was ich auch wahnsinnig gern sehe).

Sektion: Wettbewerb

Amanda

Aus dem Festivaltagebuch: Amanda von Mikhaël Hers arbeitet mit einem ähnlich beiläufigen Gestus. Ein junger Mann verliert bei einem Tragödie seine Schwester und kümmert sich danach um seine Nichte. Damit ist der Film aus der Sektion Orizzonti im Prinzip zusammengefasst. Dennoch erzählt er durch die Beobachtung des Alltags der beiden, und vor allem ihrer Spaziergänge so viel mehr über ihre Trauer und ihr Weitergehen trotz allem. Unscheinbar könnte man die Inszenierung nennen, präzise trifft es besser. Zwei, drei Schnitte lassen die Katastrophe einbrechen in den Alltag, ein alptraumhaftes Blinzeln und schon sind die Bilder verschwunden. Amanda steckt voll solcher formaler Spitzen, die den beschwingten Rhythmus für ein paar Sekunden in Unordnung bringen. Außerdem, und damit bin ich immer zu haben, gibt es eine Überblendung eines Frauengesichts über einer nächtlichen Stadt. Film kann manchmal so einfach und so schön sein.

Sektion: Orizzonti

Non-Fiction

Auf Super-16-mm-Film wurde Non-Fiction gedreht, der sich (bewusst) ironischerweise mit dem Eroberungszug der digitalen Welt befasst - und vielen anderen Dingen. Der neue Film von Olivier Assayas (Die Wolken von Sils Maria) besteht im Wesentlichen aus Streitgesprächen über Sinn und Unsinn von E-Readern, die freie Verfügbarkeit (lies: Downloadbarkeit) von Kulturgütern und die Zukunft der Publizistik im digitalen Zeitalter. Wie sich diese digitale Revolution auf Arbeitswelten und Beziehungen auswirkt, entfaltet Non-Fiction, dessen Originaltitel als Doppelte Leben übersetzt werden kann. Insofern schließt der Film an die iMessage-Geistergeschichte aus Personal Shopper und die Doppelgänger-Story zweier Generationen aus Sils Maria an, dessen Dialoggetriebenheit er teilt. Seinen Meta-Spaß hat Assayas auch hier, wenn er Juliette Binoche über Michael Haneke und ... Juliette Binoche reden lässt. Mit Abstand der französischste Film, den ich in Venedig gesehen habe.

Sektion: Wettbewerb

The Other Side of the Wind

Wer ein verschüttetes Meisterwerk erwartete, hat wohl die späten Filme von Orson Welles nicht gesehen. Sein erst jetzt vollendeter letzter Film The Other Side of the Wind ist aufreibend und anstrengend. Eine Meute von Hollywood-Typen geleitet uns von einem Studio zu einer Party und schließlich einem Autokino, in deren Mitte ein alternder Regisseur (John Huston) trockene Oneliner und unmerklich verkappte Beleidigungen loslässt. Unterbrochen wird diese filmische Oral History einer Karriere und ihrer persönlichen Brüche durch einen Film im Film. Zwischen den aufmerksamkeitsdefizitären Sprüngen von Figur zu Figur findet sich in The Other Side of the Wind jedoch auch ein bestechend ehrlicher Abgesang auf eine Ära, die, so will es der unsentimentale Ton, ruhig begraben werden kann.

Sektion: Außerhalb des Wettbewerbs

Roma

Mit dem Hauptpreis des Festivals von Venedig wurde Roma gestern ausgezeichnet, in dem Alfonso Cuarón biografisch Rückschau hält auf eine Kindheit im Mexiko der 70er und die Frauen, die sie prägten. "Beisammen gehalten wird Roma von Cleo, die vielleicht nicht zaubern oder in den Weltraum fliegen kann, die aber als Zentrum des Films und auch der Familie firmiert, zu der sie nicht gehört", habe ich in meinem ersten Eindruck des Films geschrieben. Der bettet das zutiefst Private mit Nebensätzen und Radio-Ansagen ins Politische ein, sodass sich aus dem Haus in einer ruhigen Straße im Stadtteil Colonia Roma ein Bild Mexikos in dieser Epoche ergibt. Großartig.

Sektion: Wettbewerb

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