Vor über 20 Jahren verlor Christopher Nolan den Regie-Posten von Troja an Wolfgang Petersen. Nun hat er mit Die Odyssee seinen Traum einer Homer-Verfilmung doch noch wahr gemacht. Wie lohnenswert sein lang erwartetes Abenteuer-Epos mit FSK-12-Freigabe geworden ist, erfahrt ihr spoilerfrei in diesem Film-Check.
Die Odyssee: Christopher Nolans Abenteuer ist erstaunlich bodenständig
Der Trojanische Krieg ist zu Ende. Durch die List von Odysseus (Matt Damon), die Soldaten im Bauch eines hölzernen Pferdes einzuschleusen, siegt seine Seite nach zehn Jahren Belagerungszustand. Die Krieger können endlich heimwärts segeln. Acht Jahre später warten Odysseus' Gattin Penelope (Anne Hathaway) und sein fast erwachsener Sohn Telemachus (Tom Holland) immer noch auf die Heimkehr von Ithakas König. Freier wie Antinoos (Robert Pattinson) erklären den Verschollenen für tot, um selbst nach dem Thron zu greifen. Doch der Held lebt, auch wenn unzählige Gefahren seinen langen Heimweg pflastern.
Schaut hier den Trailer zu Nolans Die Odyssee:
Die Größenordnung des teuersten Films in Christopher Nolans Karriere deutet sich schon an, seit wir wissen, dass Die Odyssee als erster Film der Geschichte komplett mit IMAX-Kameras gedreht wurde. Sieben Versionen laufen im Kino. Entsprechend groß waren nach Nolans Oscar-Gewinn für Oppenheimer die Erwartungen an die neue Verfilmung von Homers fast 3000 Jahre altem Heldenepos.
Nicht erst seit Interstellar erzählt Nolan Geschichten von Heimkehrern. Die Besetzung des grundsympathischen Matt Damon als leidender Hauptfigur schärft diese Vorliebe wie selten zuvor. Er ist wie der altgriechische Bruce Wayne aus der Dark Knight-Trilogie, der auf seinem schweren Heldenweg ein starkes Ensemble à la Inception im Rücken hat. Statt sich in komplizierten Konzepten wie denen von Tenet zu verirren, hat sein Odysseus wie Oppenheimer ein klares Ziel vor Augen, auch wenn es diesmal nicht die Atombombe, sondern sein Zuhause ist.
Die Überraschung: Von den einfachen Kostümen bis zu den schmucklos imposanten Schauplätzen fühlt sich Nolans Abenteuer erstaunlich bodenständig an. Natürlich ist der Regisseur dafür bekannt, offenkundige Computereffekte in seinen Filmen zu vermeiden. Das "Handwerkliche" seiner Odyssee hat aber den verblüffenden Effekt, dass er ein schnörkelloses Epos erschaffen hat, dessen Wirkung nicht so sehr in großen visuellen Gesten, sondern im Realismus seiner Figuren widerhallt. Da müssen sich die schönsten Landschaften hintanstellen.
Schauspielmagie: Christopher Nolan lädt zu einer Reise ins Innere ein
Die Existenz der griechischen Götter ist in Christopher Nolans Film fragwürdig und selbst die Monster, denen Odysseus unterwegs begegnet, treten auf, als wären sie kein Fantasy-Spektakel, sondern schon lange Teil der Wirklichkeit. Nach den zahlreichen vorigen Odyssee-Verfilmungen ringt Nolan den bekannten Ungeheuern so neue Facetten ab, wenn beispielsweise Zyklop Polyphemus einem verzerrt-menschlichem Picasso-Gemälde entstiegen zu sein scheint und bei Zendayas Athene lange unklar bleibt, ob Odysseus sie nur halluziniert.
In einem absoluten Highlight auf Odysseus' Heimreise liefert Samantha Morton als Hexe Kirke eine meisterhafte Performance ab, wenn sie mit unglaublich greifbarer Magie seine Schiffscrew gewaltsam in Schweine verwandelt. Diese Szene hallt noch lange nach. Und doch dienen alle Hindernisse der Reise dazu, etwas über diejenigen zu erzählen, die sie überwinden.
So können die Stars glänzen und dem Abenteuer über die Äußerlichkeiten hinaus auch eine innere Qualität verleihen. Selten sah man Matt Damon derart aufgelöst wie im "schwierigsten Film seiner Karriere", wenn der Sirenengesang (für uns unhörbar) in seinen Ohren schallt. Tom Holland schafft es in einer emotionalen Szene sogar, MVP-Hund Argos die Schau zu stehlen. Robert Pattinsons weinspuckender Bösewicht kommt herrlich widerlich daher. Und wenn Anne Hathaway endlich der Kragen platzt, weil Ithakas Thron mit ihr eben nicht "20 Jahre leergestanden" hat, hört man schon die Oscarglocken läuten. Sie zeigt, wie man lieben kann, ohne dabei Schwäche zu zeigen. Selbst wenn manche im Cast, wie Lupita Nyong'os Helena, nur fünf Minuten zu sehen sind, bekommen fast alle einen Augenblick zum Strahlen.
Den jubelnden ersten Reaktionen und der von Historikern gelobten Authentizität zum Trotz hat Die Odyssee auf ihrer Reise aber auch Hindernisse zu überwinden. Denn so sehr es beeindruckt, dass Nolan Homers gesamte Odyssee in einen einzigen Kinobesuch gegossen hat, bringt die ausschweifende Vorlage auch ein paar Schwierigkeiten in der Art ihrer Erzählung mit.
Die größte Herausforderung der Odyssee lauert nicht auf hoher See
Mit den Sprüngen zwischen Zeit- und Erzählebenen, die schon Homers Vorlage innewohnen, bot sich Nolan als perfekter Regisseur für Die Odyssee an. In Filmen wie Memento, Dunkirk, Tenet bis hin zu Oppenheimer stellte er hinreichend unter Beweis, wie er das filmische Spiel mit der Zeit beherrscht. So darf auch dieses Abenteuer zwischen Ithakas Gegenwart, Troja-Erinnerungen und Odysseus' Seereise springen, während verschiedene Figuren sich an Vergangenes erinnern und zugleich Gegenwärtiges erleben.
Bei Zauberin Kalypso (Charlize Theron) mit ihren gedächtnislöschenden Lotusblüten kehrt die Erinnerung des Helden an seine vergangenen Abenteuer häppchenweise zurück, sodass auch das Publikum Nolans wilden Zeitsprüngen problemlos folgen kann. Mit dem ständigen Wechsel der Erzählzeiten hetzt er das Publikum durch seinen Fast-3-Stunden-Film, damit bloß keine Langeweile aufkommt.
Dieses treibende Tempo hat allerdings den Nebeneffekt, dass die einzelnen Abenteuer der Irrfahrten kaum atmen können. Gerade kämpfen wir im Wald noch gegen die riesenhaften Laistrygonen, da müssen wir im nächsten Moment schon Meeresstrudel Charybdis entkommen. Kein Wunder, wenn das größte Monster der Odyssee, die sechsköpfige Skylla, in dieser Nummernrevue enttäuschend kurz und unbedeutend ausfällt.
Wenn nicht gerade eine Hexe eindrucksvoll Männerköpfe zu Schweineschnauzen verformt, droht das Insel-Hopping in einen Durchmarsch von Ereignissen, Orten und Gesichtern auszuarten. Hier ähnelt Die Odyssee am meisten Oppenheimer mit seinem Schaulaufen an Wissenschaftlern. Wozu aber das zum Staunen erschaffene IMAX-Format bemühen, wenn wir nicht zum Staunen verweilen dürfen?
Am Ende erreicht Die Odyssee doch noch den sicheren Hafen
Dabei hat Christopher Nolan durchaus Passagen aus Homers Odyssee gekürzt und zusammengefasst. Wer vom allzu zackig geschnittenen Tempo unterwegs abgehängt wird, darf aber zum Glück am Ende aufatmen: Sobald Odysseus seine Heimat erreicht, kommt auch der Film an.
Das Gefühl innerer Ruhe stellt sich subtil ein. Die Action lässt nicht nach und trotzdem entschleunigt die Zusammenführung der zuvor getrennten Figuren die Erzählung genug, um sie einrasten zu lassen. Ironischerweise wird so der bekannteste Teil von Odysseus' Reise, die Stationen seiner monstergesäumten Irrfahrten, zum weniger wichtigen Teil in Nolans Film. Der eigentliche Fokus liegt stattdessen auf dem Rahmen: Trojas Kriegsende und der Rückkehr des Königs.
In einer letzten erstaunlichen Wendung gelingt es Christopher Nolan hier, am Ziel, der uralten Geschichte eine neue Interpretation abzuringen (die an dieser Stelle noch nicht verraten wird). Nur so viel: Wie das Ende Odysseus' Leidensweg völlig neu einordnet, macht alle vorigen Stolpersteine der Erzählung wett.
Denn die altbekannte Story zutiefst persönlich ins Ziel zu bringen und dabei zugleich in die größere Geschichte unserer realen Welt einzuordnen, ist eine Meisterleistung für sich. Eine Leistung, die plötzlich verstehen lässt, warum die Rückblenden der Troja-Szenen so unerwartet intensiv daherkommen. Denn letztendlich hat Christopher Nolan mit Die Odyssee nach 20 Jahren heimlich doch noch seinen Troja-Film gedreht. Und das zu entdecken, ist die Kinoerfahrung in allen 172 Minuten wert.
Christopher Nolans Die Odyssee läuft ab dem 16. Juli 2026 in den deutschen Kinos.
