Before The Law

Wir schauen Fargo - 2. Staffel, 2. Folge

"That's the story of how your mom and me came to eat hot dogs for dinner once again."
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"That's the story of how your mom and me came to eat hot dogs for dinner once again."
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Haben wir es in der 2. Staffel von Fargo mit Aliens zu tun? Ließ sich Serien-Schöpfer Noah Hawley von der Konzernschwester FOX und ihren wiederbelebten X-Files motivieren, um Minnesota in ein Schlachtfeld außerirdischer Mächte zu verwandeln? Nach dem UFO-Geblinke im Auftakt der 2. Staffel von Fargo schwebt die Kamera in Before The Law (S02E02) nämlich durch die Nacht, als säßen wir selbst im unsichtbaren Gefährt von Kang und Kodos. Die unheimlichen Linsenreflexe der dritten Art sind ebenfalls zurück und in der amerikanischen Fassung endet die Folge mit Richard Burtons Stimme aus einem Krieg der Welten-Konzeptalbum von Jeff Wayne. Das wurde ein Jahr vor der Handlung dieser Staffel veröffentlicht [1]. Netflix-Nutzer in Deutschland müssen sich - wohl aus rechtlichen Gründen - mit dem anschwellenden Fargo-Thema zufriedengeben. Wenn auch die Vorstellung vergnügt, Ted Danson und Patrick Wilson würden in den kommenden Episoden als Mulder-und-Scully-Verschnitt Aliens nachjagen, deutet sich eine banale Erklärung für die übernatürliche Erscheinung in Waiting For Dutch an. So könnten es reflektierende Ballons mit "Gute Besserung"-Wünschen gewesen sein, die dem bekoksten Rye Gerhardt (Kieran Culkin) erschienen sind. Ihn führten sie letztlich in den Tod und die aufgeweckte kleine Molly Solverson (Raven Stewart) zum Hinweis auf dessen Aufklärung: die Waffe, die beim Massaker in der Waffle Hut benutzt wurde.

Aliens wie du und ich

So oder so steckt im "Get Well Soon"-Ballon eine dicke Ladung finsterer kosmischer Ironie, kommt Mollys Mutter Betsy (Cristin Milioti) doch gerade von einer Chemotherapie-Sitzung. Kosmisch, weil die Erzählweise von Fargo uns in mehrfacher Hinsicht in eine Position ungebunden von Zeit und Raum versetzt. Auf unterster, konventioneller Ebene geschieht das, in dem wir mit unserer Perspektive alle Seiten des sich anbahnenden Konflikts im Blick haben: Kansas City, Fargo, die Blomquists und Familie Solverson. In dieser recht handlungsarmen Folge beobachten wir, wie der Verbrecherkonzern aus Kansas City seine Arme nach den Gerhardts und insbesondere Rye ausstreckt, während das Familiengeschäft in Fargo diesem Übernahmedruck mit derselben Geste begegnet: Beide Seiten suchen nach dem unzuverlässigen Bruder Rye Gerhardt, der in der Mitte dieses Kräftefelds von Ed Blomquist in Luverne, Minnesota durch den Fleischwolf gedreht wird.

Aber unser Zuschauerwissen reicht über die "wahren" Geschehnisse im Jahr 1979 hinaus und hier kommt die ungewöhnliche popkulturelle Stellung der Anthologieserie Fargo zum Tragen. Einerseits, weil sie gleichzeitig Re-Imagining und Hommage an Fargo, den Film, und die Arbeit der Coen-Brüder ist. Da wird die irrsinnig auffällige Entsorgung des Ex-Kollegen in einem Holzhäcksler variiert und heraus kommt die methodische Langeweile eines Fleischers, der statt Schweineleibern den Körper eines Menschen zu Mett verarbeitet. Ed Blomquist ist kein Gaear Grimsrud (Peter Stormare) und genau darum geht's. Wie ein zu groß geratenes Baby steht Ed in einer anderen Szene dieser Fargo-Folge vor seinem Kamin, um Rye Gerhardts Kleidung und sonstige Beweisstücke zu verbrennen. Nackt und rundlich und weich sieht er aus. So, als hätte ihn jemand dort hingestellt und vergessen. Zum Anderen lässt sich die Kenntnis der 1. Staffel von Fargo kaum ignorieren. Zweifelsfrei wird die aktuelle Staffel auch jene Zuschauer unterhalten, die noch nie einen Coen-Film oder die vorangegangenen Folgen mit Martin Freeman und Billy Bob Thornton gesehen haben. Wer sich indes wundert, warum Betsy Solverson im Jahr 2006 nicht mit ihrem Mann Lou zusammenlebt, für den birgt der "Get Well Soon"-Ballon eine unheilschwangere Vorahnung.

Mehr: Recap: Wir schauen Fargo - 2. Staffel, 1. Folge

Weil dem kundigen Zuschauer gottgleich Ereignisse aus knapp 30 Jahren in der Zukunft bekannt sind, ergeben sich auch für ihn jene Konvergenzen, über die Sheriff Hank und sein Schwiegersohn Lou sinnieren. Beide sind Veteranen, der ältere diente im Zweiten Weltkrieg, der jüngere im Vietnamkrieg und beide kennen die Doppelbilder der Gewalt: 1974 ein erschossener Soldat auf einem Fluss in Südvietnam, 1979 ein toter Koch in einem Waffelhaus in Minnesota. In diesem Kontext fallen in Before The Law zwei Szenen auf, die wir so ähnlich schonmal gesehen haben. In einer beobachtet Ed heimlich die Fleischerei, wie es Lester Nygaard (Martin Freeman) in der 9. Episode von Staffel 1 getan hatte, als er seine zweite Frau in den Tod schickte. Omen hin oder her: Zur Zeit gleicht Peggy Blomquist (Kirsten Dunst) mit ihren unterdrückten Wünschen dem Versicherungskaufmann Lester weit mehr, als es das willfährige Instrument Ed tut. Die Suche nach dem "neuen" Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) führt uns wiederum auf eine einsame Straße im Winter, auf der sich "zwei Männer ruhig und rational unterhalten", während die Welt um sie herum verrückt spielt: Hank und der wortgewandte Gangster Mike Milligan (Folgen-Highlight: Bokeem Woodbine). Oder doch Gus Grimley (Colin Hanks) und Lorne Malvo bei einer Geschwindigkeitskontrolle in Duluth, Minnesota, 27 Jahre später?

Hank meint, die Gewalt des Krieges in Vietnam sei mit den Soldaten heimgekehrt. Zwischen New Age-Seminaren für ein besseres Leben, Träumen von der eigenen Fleischerei und gewöhnlichen Tragödien bahnt sie sich in der 2. Staffel von Fargo einen Weg. Wir sehen sie im Familien-Syndikat der deutschstämmigen Gerhardts, bei dem ein Toter mit abgeschnittenen Ohren zum Alltag gehört wie das Brot auf dem Frühstückstisch. Und sie führt Ed nach Feierabend in die Fleischerei, wo Arme und Köpfe mit der Sorglosigkeit der Gewohnheit abgelegt wurden.

Obwohl diese Folge von Fargo vergleichsweise explizit mit der Brutalität ihrer Figuren umgeht, wird diese nämlich nicht als Schockeffekt ausgenutzt. Vielmehr reiht sie sich in der von Noah Hawley inszenierten Episode Before The Law in eine Atmosphäre kontinuierlicher Bedrohung ein. Da wird die sonnige Autofahrt der Solversons mit freundlichen Zither-Tönen eingeleitet. Doch wenig später endet sie beim Fund des Revolvers in einer in der Luft greifbaren Spannung. Bei genauerer Betrachtung passiert schließlich gar nicht so viel. Die Art und Weise, wie sich die Schachfiguren Zug um Zug nähern, lässt jedoch auch uns Zuschauer, die wir über den Dingen schweben, erschaudern. Haben wir es also in der 2. Staffel von Fargo mit Aliens zu tun? Wenn ja, sollten sie sich schleunigst davonmachen.

Zitat der Folge: "You know who gets locked up in castles?" - "Dragons?"

[1] Hier ist der Text aus Krieg der Welten, der in der Folge vorkommt. Bei YouTube könnt ihr reinhören:

No one would have believed, in the last years of the 19th century, that human affairs were being watched from the timeless worlds of space. No one could have dreamed we were being scrutinized as someone with a microscope studies creatures that swarm and multiply in a drop of water. Few men even consider the possibility of life on other planets. And yet, across the gulf of space, minds immeasurably superior to ours regarded this earth with envious eyes, and, slowly and surely, they drew their plans against us.
Anmerkungen am Rande:
  • Eine lobende Erwähnung geht an Jeffrey Donovan (Dodd Gerhardt), der sich ganz herrlich als aufgeplustertes Alpha-Tier durch die Szenerie bewegt.
  • Ist Jean Smart (Floyd Gerhardt) mit ihrer Frisur, ihrer Rolle im Syndikat und ihrer Neigung zu roten Oberteilen eine Nancy Reagan-Doppelgängerin?
  • Die Austern-Geschichte und der Krieg der Welten-Vergleich führen ein Bild aus der ersten Folge fort: Das von Gott (bzw. der Richterin), der den sich überschätzenden Menschen wie ein Insekt zermalmt.
  • "Boss can't be a woman."
  • "Dear General Electric, the coffee maker that I bought at Sears on 11 March makes a noise when it's brewing that sounds like a fat man having a heart attack."
  • "Never trust anything comes from the sea." - "We came from the sea."
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