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Liebenswerter und authentischer Schauplatz für eine Mystery-Serie mit schleppendem Beginn

Zone Blanche: Ausrechnet die Vogesen

Villefranche am See
© netflix
Villefranche am See

Villefranche – ein Ort in den Vogesen, das ist der versunkene Hauptspielort von „Zone Blanche“. Es handelt sich um eine sehr kleine Stadt, die wirtschaftlich am Abgrund steht, nicht weil sie landschaftlich nichts zu bieten hätte, denn da sind anspruchsvolle Schneepisten im Winter und quellklare Badeseen im Sommer, sondern weil die Region touristisch so gut wie nicht erschlossen ist. Nirgendwo anders in Westeuropa gibt es mehr ursprünglichen Wald als dort.

In Staffel 1 beginnt der Kampf des Bürgermeisters gegen die Ökoaktivisten, weil er den ökonomisch unrentablen Steinbruch in eine Mülldeponie umwandeln will um Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten zu schaffen. Das ist natürlich ein Eingriff in die Natur. Einige Menschen sterben, aber es ist nicht klar, ob die ungeklärten Todesfälle damit überhaupt zusammenhängen, gibt es auch viel zu viele andere Möglichkeiten, die wichtiger scheinen, auch sind die Tode sehr mysteriös. Die Polizisten des örtlichen Polizeireviers sind scheinbar überfordert mit der Situation, wissen gar nicht wo sie anfangen sollen zu ermitteln. Es ist als wären sie aus einem Dornröschenschlaf vorzeitig geweckt worden. Schließlich wird ein Staatsanwalt aus Paris in die einsame Gegend abbestellt, doch der ist auch nicht gerade der Fähigste und dann noch an diesen Ort im Nirgendwo Galliens.

Ausgerechnet die Vogesen: Ein Exkurs zur Landschaft und ihrer Geschichte

Ich kenne die Vogesen schon seit ich ein Kind bin und als Erwachsener, weil ich gerne dort hin fahre um runter zu kommen. Deshalb möchte ich gerne eine Beschreibung davon abgeben, damit der ein oder andere vielleicht Gefallen an dem Setting findet oder durch die Hintergründe, die ich anspreche angelockt wird, sich die Serie anzuschauen oder gar den Sommer dort zu verbringen.

Willkommen: Die Vogesen sind eine Miniaturversion Alaskas: Zwei Monate herrschen dicker Winter, die das dreifache in der Anzahl an Touristen gegenüber der Einwohnerzahl bringen, zwei Monate herrscht der Sommer ohne spürbare Vermehrung durch Touristen und die restlichen 8 Monate sind eine trübselige Angelegenheit in der Einsamkeit.

Die Stadt Gerardmer (Gehards Meer), die in „Zone Blanche“ Villefranche genannt wird und von der man in der Serie kaum etwas sieht, befindet sich auf 700 Höhenmetern und ist mit knapp 8000 Einwohnern die größte Ansammlung von Menschen in den gesamten Vogesen. Ansonsten ist der Abstand zwischen Wohnhäusern oder Bauernhöfen innerhalb von Dörfern mindestens ein Kilometer Meter weit und das nächste Dorf zwei Berge weit entfernt.

Die Hochvogesen sind mit 1300 Metern nicht so hoch wie die Alpen, aber selbst mit dem Auto braucht man für die Überwindung eines Berges etwa eine halbe Stunde.

Es ist hoch und bergig genug, dass es keine Möglichkeit gibt mit der Bahn nach Gerardmer zu kommen und mit dem Bus muss man sich auf eine umständliche Reise einlassen. „Zone Blanche“ zeigt die Gegend, wie sie in 8 Monaten des Jahres tatsächlich aussieht. Die Berge und ursprünglichen dichten, schwarzen und hohen Tannenwälder verhindern, dass das Sonnenlicht länger als 4 Stunden auf die Dörfer in den Tälern scheint, wenn es nicht klimatisch bedingt ständig regnet, neblig und trüb ist. Ich fahre gerne im Sommer dorthin, denn die klaren Bergseen auf 800 Metern sind bestes Trinkwasser. Ein unfreiwilliger Schluck See schmeckt fantastisch süß und erfrischend und auch im Sommer fließen wilde Bäche mit ebenso klarem Wasser in den See. Besonders schön und idyllisch ist der See Longemer, um den die meisten Szenen der Serie gedreht wurden. Das erste Foto ist an einer Stelle entstanden wo sich die Kneipenwirtin aus der Serie mit einem anderen Ortsansässigen aus dem Auto heraus unterhält.

Der sanfte Tourismus kann nicht verhindern, dass man in den Tälern jedes Auto von weitem hört, aber fährt kein Auto, könnte es stiller nicht sein. Der Sternenhimmel ist nicht von Lichtemissionen verschmutzt, weshalb man dort am Abendhimmel sehr gut die Milchstraße sehen kann.

Spätestens jetzt verstehen wohl die meisten, warum der Vergleich zu Alaska nicht ganz fern liegt, wenn es dort auch keine Bären mehr gibt. Vielleicht ist „Zone Blanche“ auch ein wenig vergleichbar mit „Twin Peaks“ nur ohne Lynch-Effekte, aber Alaska hat nicht diesen kulturellen Background zu bieten.

In dieser Gegend Galliens lag nämlich im Frühmittelalter der alte Burgund und später das Alemannenreich, weshalb man, obwohl man in Frankreich ist, ständig an die alemannische Sprache und auf der anderen Seite an die gallo-römische Kultur erinnert wird. Die Ort die keine Deutsch klingende Namen haben, haben kryptische keltische Namen. Die Alten sprechen noch den alemannischen Dialekt und man ist stolz auf diese alte gallo-römisch-germanische Kultur und würde am liebsten eine Grenze ziehen zu Frankreich. Mehr Front Nationale gibt es nirgendwo in Frankreich. Die Gegend ist kulturhistorisch sehr besonders, denn einerseits ist der alemannische Dialekt meinem Saarländischen sehr ähnlich und ist eindeutig germanischen Ursprungs, andererseits aber sind die Sagen, Kulte und Traditionen eindeutig keltisch. Zudem erstreckte sich in dieses Gebiet der sagenumwobene Burgund, der wohl von Worms bis Colmar reichte. Jeder weiß, dass der Burgund heute dort nicht mehr zu finden ist und kaum einer weiß, dass die gallischen Kelten linksrheinisch, also nicht nur in Frankreich gesiedelt haben. Die Großstädte Strasbourg und Colmar in der Region Grand-Est vermitteln auf jeden Fall den nachhaltigen Eindruck, dass es sich hier um das kulturelle Herz Europas in der Spätantike und dem Mittelalter gehandelt hat, wenn es darum ging die Nachfolge des römischen Reiches anzutreten.



Die beiden Städte Strasbourg und Colmar, mit ihrer mittelalterlichen Architektur, weisen mit ihren Geschichten und Legenden weit in die Antike zurück. Von dort fährt man einige Stunden bergauf bergab von Pass zu Pass, bis das Licht ganz von den Wäldern verschluckt wird. Und wenn man im Hochtal am See angekommen ist spiegelt er mit seinem Sonnenspiel ein weißgrelles Licht im Sommer. Im Winter ist es der Schnee der alles weiß macht. Deshalb ist es kein Wunder, dass „Zone Blanche“ der Titel der Serie ist.

Die Historie der dünn besiedelten Gegend zwischen den Bergen spielt eine wichtige Rolle in der Serie, denn besonders interessant in der 2. Staffel ist die Zeitebene, wenn zwei römische Legionäre im 1. Jh. vor Chr. den Wald auskundschaften, damit man auch dort eine Römerstraße gebaut werden kann. Eine ganze Legion soll hier verschwunden sein und schon bald kämpfen sie in diesem Urwald gegen ein erhabenes Mysterium ums Überleben.

Die Angst vor den Wäldern der Kelten und Germanen wurde sogar von der römischen Geschichtsschreibung überliefert. Hier wird sie spürbar, wenn das Mysterium geweckt wird. Es gibt weitere Legenden von Druiden unter Mönchskutten, die die Kelten dort in dieser Gegend im Frühmittelalter zum Christentum bekehrt und Klöster gegründet haben, die die Geschichte von „Zone Blanche“ unterfüttern, denn unter anderem soll der berühmteste Vertreter der iro-schottischen Peregrinatio Sankt Columban in den Bergen in einer Bärenhöhle gehaust haben, freilich nachdem er dem Bären befohlen hatte die Höhle freizugeben. Es gibt sogar eine Geschichte, die von der Beschreibung mit dem keltischen Hirschgott Cernunnos zusammenhängt, denn Columban soll im Wald auf einem Baumstumpf solange meditiert haben bis sich um ihn herum die Tiere des Waldes versammelten. Hirsche, Bären, Wölfe, Wildschweine schnupperten an ihm und Vögel setzten sich auf seinen Kopf. Wenn man sich die Darstellungen Cernunnos ansieht, z.B. auf dem Kessel von Gundestrup passt dieses Bilder der Überlieferung auch sehr gut auch zum Mysterium von „Zone Blanche“.

Staffel 1 ist quasi das Einführungskapitel hin zu einer Geschichte, die anfängt einen größeren Bogen zu spannen. Wer wenig Geduld hat sich einer sukzessiv langsam aufgebauten Geschichte zu widmen und kein Bücherlesen gewohnt ist, wird in Staffel 1 schnell einschlafen. Das Tempo ist zugegebenermaßen sehr langsam, aber nicht ohne Spannung und Atmosphäre. Die Orte haben etwas von „Twin Peaks“, ohne jedoch lynchesk zu sein. Ich musste mich fit machen um die erste Staffel ausgeschlafen ansehen zu können um nicht einzudösen und dann plötzlich wieder aufgeschreckt zu werden von schauderhaften Szenen, bei welchen ich doch gerne die Vorgeschichte dazu gewusst hätte. Die Story musste ich mir also anstrengend erarbeiten, wie bei einem Buch.

Mit Staffel 2 verändert sich einiges. Nun versteht man besser die Hintergründe und auch die persönlichen Dramen, die sich dort abspielen, gleichzeitig bemerkt man deutlich, dass das Tempo deutlich Fahrt aufnimmt und die Substanz zunimmt, ohne die düstere einsame Atmosphäre aufzugeben. Die Probleme von Villefranche nehmen drastisch zu, statt weniger zu werden, denn fast jede Episode hat einen oder mehrere Tote. Man ist sehr einfallsreich bei den Todesarten und es tritt endlich dieses erhabene Mysterium ans Tageslicht, das einen langanhaltenden Schauer verursacht.

Schöne mystische Bilder teilweise im Gothic-Style zwischen mehrdeutiger Allegorie und Wirklichkeit werden vor allem in Episode 5 und 6 präsentiert, weshalb ich mit der Wertung auf 9 hochgegangen bin, alleine weil sich das dranbleiben dafür lohnte. Damit eng verbunden werden drei Zeitebenen eingeführt: 1. Jh. v. Chr., das Jahr 1996 und die Gegenwart, wobei die Zusammenführung sehr spannend wird. Mit „Dark“ hat das – zum Glück - nichts zu tun, denn die Zeitebenen haben nichts mit Zeitreisen zu tun.

Nun bin ich sehr gespannt auf die 3. Staffel.


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