Mr. Vincent Vega sieht fern

Lerchenberg – wenn junge Menschen das ZDF beleben

Lerchenberg
© ZDF
Lerchenberg

„Und wenn keiner guckt, ist es auch kein Fernsehen.“, diese umwerfend gute Punchline hat das Zeug zum Klassiker, gewiss nicht nur unter (Irgendwas-mit-)Medien-Menschen. Sie ist zu hören gleich in der ersten Folge Lerchenberg, einer deutschen Comedy-Serie (ungleich Sitcom), die sich das ZDF zum 50. Geburtstag selbst schenkt und von Quantum aus der Sender-Nachwuchsredaktion „Das kleine Fernsehspiel“ entwickelt wurde. Vier Folgen umfasst die erste Staffel, die vergangene Woche in einem Stück auf ZDFneo zu sehen war. Heute und am kommenden Freitag zeigt nun auch die Sendermutti jeweils zwei Doppelfolgen ganz regulär im Programm, allerdings auf einem ungnädigen 23-Uhr-Sendeplatz, und zugleich sind außerdem alle vier Episoden ab sofort auf DVD erhältlich. Sollte tatsächlich keiner gucken, ist Lerchenberg natürlich trotzdem noch Fernsehen, und ziemlich gut gemachtes obendrein. Als eine Art deutsche Ausgabe des NBC-Erfolgsformats 30 Rock, mit einem Schuss The Office dazu, setzt die Schlüsselloch-Serie vorrangig auf einen gezielt selbstreferentiellen Humor, senderinterne Spitzen und das amüsante Hopsnehmen absurder Medienalltäglichkeiten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und alles dreht sich dabei um eine ganz bestimmte deutsche Schauspielinstitution: um Sascha Hehn.

Comeback für Sascha Hehn
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass irgendein Bundesbürger diese Fernsehgröße nicht kennen sollte, fasst Lerchenberg deren Star-Charisma in einer großartigen Pre-Title-Sequenz als Best-of-Montage noch einmal zusammen. Schallendes Gelächter begleitet da die Bilder aus der Die Schwarzwaldklinik, schmerzverzerrtes Kichern beim Blick auf Das Traumschiff – Sybille (Eva Löbau), auch Billie genannt, glaubt ihren Augen kaum, was dort auf Sascha Hehns Agenturvideo an vermeintlich großen Momente zusammengetragen sein soll. Doch das Lachen wird der ZDF-Redakteurin der so genannten Innovationsredaktion schnell vergehen, denn Chefin Dr. Elisabeth Wolter (Karin Giegerich) möchte Herrn Hehn tatsächlich in einem von Sybille entwickelten Format sehen. Verschuldet und ausgebrannt, ist dem einstigen Fernsehstar nun an einem Comeback gelegen, bei dem Redaktionsleiterin Wolter – zufällig eine seiner früheren Geliebten – ihn tatkräftig unterstützt. Zwischen Hysterie, Verzweiflung und totaler Resignation schildert die Serie nun Sybilles Bemühungen, ein passendes, möglichst ansprechendes Format für Sascha Hehn zu finden, das ihm und seinem Ego irgendwie gerecht werden möge: „Ich freue mich immer, wenn junge Menschen das ZDF beleben.“

Ein Donnergott der Eitelkeit
Die erste Folge Lerchenberg, „Das Wunder“ betitelt, überrascht im deutschmiefigen Comedy-Brachland binnen weniger Minuten mit geradezu sensationell pointierten Dialogen und ungezwungenen, wirklich einmal witzigen Schauspielern. Eva Löbau, gemäß 30-Rock-Analogie sozusagen die teutonische Tina Fey, vereint zügig Sympathien auf sich und ist als leicht dusseliges, sich liebenswert selbst im Weg stehendes graues Mäuschen ein idealer Gegenpart zu Sascha Hehn, der sich als Donnergott der Eitelkeit einer sagenhaften Selbstvertrashung hingibt. Statt an einem Comeback zu arbeiten könnte er auch angeln, sagt Hehn von sich in der dritten Person, aber „als Publikumsliebling hat man eben so seine Verpflichtungen“, versteht sich. Seine Auftritte freilich sind gespickt mit amüsanten Anspielungen und kruden Anekdoten einer bewegten Karriere, während das ZDF-Sendezentrum auf dem Mainzer Lerchenberg wie eine irrwitzige Schaubühne realitätsfernen Arbeitens anmutet. Als Medienmilieustudie natürlich von besonderem Reiz, schließt die Serie ein nicht entsprechend affines Publikum übrigens keinesfalls aus. Die vorgeführten TV-Mechanismen sind ausreichend plakativ („Autismus ist doch der absolut sicherste Weg zum Deutschen Fernsehpreis“), um breitflächig verstanden werden zu können.

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