Blutiger Anfang

Mein erstes Mal im Test zu Halo 5: Guardians

Wer ist der Master Chief
© Microsoft Studios
Wer ist der Master Chief
27.10.2015 - 17:10 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Unsere Besprechung von Halo 5: Guardians bringt euch kein altgedienter Franchise-Liebhaber, sondern meine Wenigkeit, die in den Master Chief-Anzug quereinsteigt und sich vom Zauber des Unbekannten überzeugen lassen will. Ist Halo 5: Guardians auch etwas für Anfänger?

Markentreue ist nicht gerade eine meiner prägnantesten Eigenschaften, denn letztendlich ist mir Vielfalt wichtiger als Tradition. Doch trotz meiner zahllosen Ausflüge auf unterschiedlichste Plattformen seitens Sony, Nintendo, Sega und Co. blieb ein Hersteller auf der Strecke: Microsoft. Meinen Zugang zur Xbox-Familie habe ich nie gefunden, was ich mir immer damit erklärt hatte, dass die bisherigen Ableger eben keine Exklusivtitel boten, die mich wirklich interessiert haben. Nur stimmt dies nicht so ganz, denn schließlich gibt es da ja noch Halo.

Blinder Fleck

Das erste Mal hörte ich von Halo, als ich auf der Schultreppe sitzend von einem Shooter erfuhr, der eigentlich für den PC angekündigt war, schließlich aber doch für die erste Xbox erschien. Das war um die Jahrtausendwende und ich war sofort vom Look des Spiels fasziniert. Gespielt habe ich ihn aber nie, auch die zahlreichen Nachfolger nicht. Seit 14 Jahren wuchert das Franchise durch die Branche und hat zusätzlich mit Romanen sowie Serien dafür gesorgt, dass die Geschichte und Mythologie der Reihe überwältigende Ausmaße angenommen hat. Und nun sitze ich hier und möchte euch von meiner Begegnung mit Halo 5: Guardians berichteten, dem ersten Halo-Spiel, das ich je meine Freizeit anvertraut habe.


Natürlich kenne ich den Master Chief, weiß ein bisschen was über das Spartan-Programm, Cortana, die Flood, die Forerunner, das Covenant Empire, die Elites und so weiter. Ich habe mich dem Franchise beruflich immer wieder gewidmet, nur eben nie auf der persönlichen Ebene. Das soll sich diesmal ändern. Kann mich Halo 5: Guardians aber trotz der unaufholbaren Hintergrundgeschichte noch sanft genug in die aktuellen Geschehnisse einführen? Werde ich überhaupt wissen können, was ich da tue? Ja, ein bisschen. Glücklicherweise ist die Story von Halo 5: Guardians simpel aufgelöst und lässt mich die Kontrolle über zwei vierköpfige Fireteams übernehmen, die sich in den einzelnen Missionen abwechseln. Diese Struktur ist simpel genug, um mich wissen zu lassen, welche Aufgaben auf mich warten. Doch abseits dieser Aufteilung fühle ich mich überfordert.

Es stehen Konflikte im Mittelpunkt, die weit zurückreichen und ihren Ursprung in den unterschiedlichen Halo-Ablegern finden. Zwar weiß ich um bestimmte Fraktionen und Hauptcharaktere, jedoch sind die Wechselbeziehungen untereinander zu wirr, als dass ich verstehen könnte, was die Covenant Remnants mit der Forerunner-Technologie vorhaben könnten, die Dr. Halsey unter ihrer Fittiche hat. Halo 5: Guardians nimmt sich kaum Zeit, um Neulingen die Wichtigkeit von Ereignissen zu erläutern und setzt viel Wissen voraus. Das ist einerseits nur konsequent und die übliche Erzählweise der Halo-Reihe, die seit Jahren aufeinander aufbaut, andererseits bleibt mir zwischen den heftigen Feuergefechten gerade mal die Luft, um mit provisorischen Stempeln zu hantieren und Gegner, Orte und NPCs mit “böse”, “wichtig” oder “gut” zu bedrucken. Diese narrative Orientierung erfüllt ihren Zweck, hält aber die packend inszenierten Zwischensequenzen in ihren Möglichkeiten zurück. Zwar lasse ich mich von der Action mitreißen, doch die Enthüllungen und Wendungen, die die Geschichte mir offenbart, lassen mich kalt.

Erfreuliche Nebenwirkung

Die mythologische Überfrachtung schafft für Halo-Neulinge aber nicht nur Probleme. Das Covenant Empire ist ein Kollektiv von zahlreichen Alien-Rassen, die gleichsam in der Gemeinschaft als Feindbilder agieren. Was im Story-Kontext eine über Jahre gewachsene Institution aus feindseligen Gruppierungen ist, bedeutet für Anfänger vor allem eine abwechslungsreiche Gegnervielfalt und eine breite Auswahl an intergalaktischen Waffen. Jede Rasse hat ihre Ausrüstung und ich kann jederzeit auf den Schlachtfeldern einkaufen gehen, um mich dort auszurüsten. In den Missionen habe ich selten eine Waffe länger als zwei Minuten genutzt, ständig sah ich mich dazu verleitet, andere Tötungsgeräte auszuprobieren. Durch die zahlreichen Waffensysteme, die gleichzeitig zum Einsatz kommen, fällt es zudem schwer, rechtzeitig neue Munition für die aktuelle Waffe zu finden. Es ist schlicht schneller, einfach zu anderen Waffen zu greifen.

Während der Kampagne müssen wir auch darauf achten, angeschlagenen Kameraden zu helfen

Über die letztliche Wirkungskraft der Geschichte von Halo 5: Guardians traue ich mir kein allgemeines Urteil zu. Ich habe sie aber als solide betrachtet, wobei das Katz und Maus-Spiel zwischen Spartan Locke, dem Anführer von Fireteam Osiris, und dem Master Chief noch der spannendste Aspekt war. Das Blue Team jedoch bleibt trotz der bunten Kampfanzüge überraschend farblos, tatsächlich habe ich mir den Master Chief eindrucksvoller vorgestellt. Locke und seine Kollegen hingegen sind überraschend ambivalent gezeichnet und strahlen deutlich mehr Persönlichkeit aus. Dass niemand Nathan "Buck" Fillion die Butter vom Brot nehmen können wird, hatte ich mir aber auch vorher schon gedacht. Ich kann mir hingegen nur schwer vorstellen, dass Halo-Fans hier wirklich eine Kampagne erhalten haben, die ihre Geschichte auf dem gewohnt hohem Niveau erzählt.

Im Weltraum (Gott sei Dank) nichts Neues

Wo die Geschichte mich nie richtig ins Boot ziehen konnte, holt mich das Gunplay von Halo 5: Guardians direkt ab. Ich hatte erwartet, dass sich das Halo-Franchise sehr klassisch spielen wird und sich nur wenig von den Pionierpfaden der frühen Konsolen-Shooter entfernt hat. Das hat sich bestätigt und ich könnte damit zufriedener kaum sein. Auch wenn längst die 343 Studios das Ruder übernommen haben, bleiben die Mechaniken der Schießprügel so sauber, wie wir sie aktuell von Bungies Destiny gewohnt sind. Jede Waffe fühlt sich anders an, auch wenn sie eigentlich derselben Klasse angehören. Die Missionen (und Karten im Multiplayer) sind zudem in Weitläufigkeit und Vertikalität abwechslungsreich genug, sodass es für jeden Zweck die passende Waffe gibt.

So klassisch das Gameplay daherkommt, so unaufgeregt verbleibt auch der Multiplayer. Der Arena-Modus beherbergt die üblichen Verdächtigen und lässt uns in kleinen Spielertrupps Flaggen stehlen, generische Teams auslöschen oder einfach auf jeden ballern, der gerade die Runde macht. Der Breakout-Modus war dank seiner “Ihr habt nur ein Leben!”-Attitüde für mich am interessantesten, auch wenn ich hier am stärksten gemerkt habe, wie blutig der Anfänger in mir tatsächlich ist. Ganz neu hingegen ist der Warzone-Modus, der keine keine klar umrissenen Matches bietet, sondern eine Schlacht simuliert, in der an mehreren Fronten gleichzeitig gekämpft wird. Ich muss mich gegen die Anhänger des gegnerischen Teams erwehren, treffe aber auch KI-Gegner und befreundete Soldaten. Die zahlreichen Möglichkeiten, wertvolle Punkte für das Team zu gewinnen, sorgen für fließende Dynamiken, die in den starren Arena-Modi nicht aufkommen würden.

Warzone

Näher auf den Requisitions-Fortschritt und das allgemeine Balancing der Multiplayer-Gefechte kann ich hier nicht eingehen. Dafür habe ich schlicht viel zu wenig Zeit auf den Servern verbracht. Auf technische Probleme bin ich bislang aber nicht gestoßen und auch der befürchtete Mikrotransaktionswahnsinn scheint sich nicht bewahrheitet zu haben. Der Koop-Multiplayer der Kampagne funktioniert ebenso tadellos, wobei es aber eine wirklich sträfliche Entscheidung ist, auf einen Splitscreen-Modus zu verzichten. Sich gemeinsam vor dem Bildschirm zu versammeln, um erzählerisch aufbereitete Missionen zu spielen, passt meiner Meinung nach deutlich besser zum konservativem Auftritt von Halo 5: Guardians. Wer den angeblichen Verrat des Master Chiefs lieber allein erlebt, kann seine drei Gefährten mit einem einzigen Knopfdruck befehligen. Mehr taktischen Freiraum als “Gehe dahin” und “Erschieße den da” bekommen wir dabei aber nicht an die Hand.

Fazit

Das Halo-Franchise wirkte auf mich immer wie dieser eine Typ auf den Partys meiner Freunde. Seit Jahren wird er immer wieder eingeladen und jeder scheint ihn zu kennen und zu lieben. Anstatt aber einfach nur unverständlich diese Existenz hinzunehmen, habe ich mich auf Halo eingelassen und ich wurde nicht enttäuscht. Von der Geschichte hatte ich mir nicht viel erwartet, mir war bewusst, dass sie mir längst über den Kopf gewachsen ist. Doch die Spielbarkeit der Shooter-Reihe scheint mir zu liegen und Halo 5: Guardians präsentiert mir die mechanischen Möglichkeiten schnell und unkompliziert.

Die etwas generisch wirkende Ästhetik der Reihe erfährt auch in am aktuellsten Ableger trotz aller Opulenz nur wenig Persönlichkeit. Doch mich hat Halo 5: Guardians vor allem durch die Arbeit überzeugt, die hinter dem dick aufgetragenem Militärfetisch und dem Actionfiguren-Look schlummert. Selten war Konservatismus so sexy.

Halo 5: Guardians wurde uns in Form eines Review-Codes von Microsoft zur Verfügung gestellt.

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