Tatort Kritik

Tatort - Auf den Spuren der Wegwerfmädchen

Darauf einen Schluck Schampus!
© ARD/NDR
Darauf einen Schluck Schampus!

Tatort: Wegwerfmädchen verzichtet zwar nicht auf die privaten Probleme von Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler). Doch anders als bei einigen vergangenen Fällen der Kommissarin findet Wegwerfmädchen die richtige Balance zwischen persönlichen Dramen und kriminalistischer Ermittlungsarbeit. Der neue Tatort aus dem Hause NDR macht mit seinen einprägsamen Bildern menschlicher Kälte Lust auf den Nachfolger, Tatort: Das goldene Band , der nächsten Sonntag den Fall rund um die Rockerbande Hunnen und ihre Geschäfte mit der Zwangsprostitution fortführt.

Lokalkolorit: Ausgerechnet der Streik der Müllabfuhr in Hannover sorgt dafür, dass die Leiche eines 16-jährigen Mädchens gefunden wird. Wie die überlebende Larissa (Emilia Schüle aus Rock it!) sich zu Beginn mühevoll aus dem Berg Müll gräbt, dürfte als einer der schockierendsten Tatort-Momente des Jahres 2012 in Erinnerung bleiben. Dreck und Unrat verfolgen uns insbesondere in der ersten Hälfte dieses Falls. Dessen Kamera bleibt immer wieder an den Bordsteinrändern haften, um den Abfall in Augenschein zu nehmen, an dem die Passanten genauso blind vorbeilaufen, wie an dem Mädchen im Prinzessinnenkleid, dessen blutiges Gesicht niemanden zu rühren scheint.

Plot: Die reichen und einflussreichen Herren der Hannoveraner Oberschicht vertreiben sich bei einer Party mit Zwangsprostituierten aus Weißrussland die Zeit. Diese werden von den Hunnen herangeschafft, einer Rockerbande ganz im Stile der Hell’s Angels. Charlotte Lindholm nimmt in Tatort – Wegwerfmädchen die Spur der Menschenhändler auf, als eines der Mädchen tot aufgefunden wird. Doch die in den Fall verwickelten Herren – allesamt Politiker, Ärzte, Staatsanwälte – versuchen die einzige Zeugin Larissa mit allen Mitteln mundtot zu machen. So muss Lindholm einen einsamen Kampf gegen die Mächtigen antreten, ohne zu ahnen, dass ihr Freund Jan (Benjamin Sadler) am Abend der Party vor Ort war. Die Verwicklung des Lovers in den Fall wirkt erzwungen. Dafür nagen die Beziehungsprobleme an einer Kommissarin Lindholm, die ausgerechnet in diesem Tatort eine starke Schulter zum Anlehnen gebraucht hätte.

Unterhaltung: Vom erschütternden Bild der Müllkippe bis hin zur vorletzten Szene baut Tatort – Wegwerfmädchen eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit auf, die selbst die so standhafte Charlotte Lindholm zermürbt. Ihr Kampf gegen die von Verhör zu Verhör immer vehementer werdende Mauer des Schweigens sowie den steigenden Einfluss der Mächtigen (personifiziert durch den ‘Opferanwalt’ Michael Mendl) gerinnt zur Sisyphos-Aufgabe. Als auch noch Staatsanwalt Von Rost (André Hennicke) unter dem Druck des Hunnen-Führers (Robert Gallinowski) einknickt, schwindet die letzte Hoffnung auf Lindholms Erfolg.

Tiefgang: Tatort – Wegwerfmädchen zeigt sich niemals so interessiert am Rockermilieu wie zuletzt Polizeiruf 110: Stillschweigen. Stattdessen punktet der Krimi mit dem, was Furtwängler/Lindholm am meisten liegt. Die starrsinnige Kommissarin nimmt es im Alleingang mit dem Who-is-Who der Hannoveraner Schickeria auf, weil es ihr Mitgefühl gebietet. Werden die Wegwerfmädchen im toten Winkel der Gesellschaft ausgebeutet und brutal gequält, tritt Lindholm als Rächerin der Entrechteten auf. Was auch immer wir von Maria Furtwänglers Tatort halten, ihre kratzbürstige Kommissarin mit dem Herz aus Gold ist für solche Fälle wie geschaffen. Einziger Wermutstropfen dieses Tatorts bleibt die Art und Weise, wie er uns entlässt. Anstatt mit den Mädchen abzuschließen, die in einen Container gesperrt werden, endet der Krimi mit Journalist Jan, der endlich die nächste Phase der Beziehung zu Charlotte Lindholm in die Wege leitet. Wie lang diese Harmonie hält, werden wir im Nachfolger Das goldene Band erfahren. Immerhin war Jan bei der Party zugegen, mit der alles anfing.

Mord des Sonntags: Das Wegwerfmädchen liegt in einem Haufen Müll verborgen.

Zitat des Sonntags: “Ich bin aus Rache reich geworden.”

Tatort – Wegwerfmädchen treibt seine Kommissarin an den Rand ihrer Kräfte. Seid ihr nun gespannt auf die Fortsetzung Das goldene Band?

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

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