Tatort - Tote Erde und ein miserabler Krimi
the gaffer (Jenny Jecke), Veröffentlicht am 21.10.2012, 21:45
Hier gibt's nix zu grinsen - Tatort: Tote Erde
© ARD/SWR
Manchmal fragt sich der Zuschauer, was zum Teufel im Kopf eines Drehbuchautoren vorgeht. Gerade beim Tatort spricht das oft für unerhörte Ideen und kreative Experimentierfreude. Nicht so bei Tatort: Tote Erde, dem neuen Einsatz des Stuttgarter Teams um Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). Nein, dieser Tatort über Öko-Aktivisten, verknallte Staatsanwälte und buddhistische Wahrsagerinnen, die Hindu-Gottheiten anbeten, strotzt nur so vor geschmacklosen Karikaturen, überflüssigen Erzählsträngen und überspannten Plot-Wendungen.
Lokalkolorit: Stuttgart hat nicht nur beim Bahnhofsumbau so seine Probleme. Auch die Umwelt ist in der schwäbischen Metropole nicht vor den bösen Kapitalisten sicher, was die Eco-Pirates auf den Plan ruft. Vielmehr als einen nächtlichen Weinberg und Stadtbilder von der Stange bekommen wir in dem Tatort allerdings nicht zu sehen, was angesichts der Umweltthematik doch ein wenig verwundert. Aber die Verwunderung hört beim mangelnden Lokalkolorit, der einzig durch die Dialektoase Natalia Wörner am Leben erhalten wird, nicht auf.
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Plot: Ein junger Mann will einfach nur des Nachts an einem alten Brückenpfeiler herumklettern, wie das junge Männer eben machen. Einige Schüsse mit dem Luftgewehr (bzw. einer Luftpistole) später, liegt er tot am Boden, Lannert und Bootz stehen vor einem neuen Fall. Dabei haben die Gesetzeshüter schon im Privatleben alle Hände voll zu tun. Bootz’ Frau könnte tödlich krank sein (ist sie aber nicht), Lannerts Nachbarin wandert nach Südamerika aus, was der Tatort in einer ebenso unvermittelten wie wirkungslosen Abschiedsszene ausschlachtet, und Staatsanwältin Habermas (Wörner) verliert sich in einer Affäre mit dem Geschäftsmann Riether (Mark Waschke), der so perfekt wirkt, dass er Dreck am Stecken haben muss (hat er auch). Da gerät die Story rund um ein paar Umweltaktivisten, die einen Chemieskandal aufdecken und dafür mit dem Leben bezahlen, glatt ins Hintertreffen.
Unterhaltung: Aber nur fast, denn immerhin beschert uns Tatort – Tote Erde die brillante Idee einer buddhstischen Wahrsagerin mit lauter Hindu-Gottheiten im Laden, die 50.000 Euro ausgibt, um den Eco Pirates Internetpräsenz zu kaufen. Jedes Mal, wenn dieser Begriff mit völligem Ernst und einer Aura von Kompetenz benutzt wurde, musste ich laut lachen, insbesondere wenn im der selben Szene die Website der Eco Pirates zu sehen war, die, wie alle Websites im Tatort, aussieht, als wurde sie seit 1998 nicht mehr aktualisiert. Ansonsten bot dieser Tatort reichlich wenig Anlass zum Schmunzeln und noch weniger Grund, sich gespannt im Sessel vorzubeugen. Mit seiner lächerlichen finalen Auflösung, dass die buddhistische Frau Saraswati zum Riether-Klan gehört und den jungen Mann ermordet hat, um mit dem Stiftungsgeld der Firma Gutes zu tun, setzte Tatort – Tote Erde dem gelangweilten Treiben die Krone auf. Zumindest hoffe ich, dass die Versatzstücke des Krimis aus Langeweile zusammengeschustert wurden und nicht im vollen Glauben, einen cleveren Tatort abzuliefern, der Öko-Aktivisten, Piraten und auch noch dieses Internet für die ARD-Zielgruppe verwurstet.
Tiefgang: Wo wir schon beim Verwursten sind: Ich würde jetzt gern etwas über Idealisten schreiben, die übers Ziel hinausschießen und Liebespaare, die vom Zweifel wie von einem Krankheitskeim zersetzt werden. Die wahre Moral von der Geschicht’ aber lautet, dass ‘Mitbürger mit Migrationshintergrund’ diesem Tatort nur als Stoff für peinliche Karikaturen taugen, wie etwa die asiatische Putzfrau im Hotel und der Hausmeister im Studentenwohnheim unterstreichen, oder aber zum bösen Osteuropäer degradiert werden, der dann auch noch alle zwei Minuten als schmierig oder zwielichtig oder beides bezeichnet wird. Mit so etwas darf der deutsche Geschäftsmann natürlich keinesfalls anbandeln. Ich möchte hier ungern als Zeigefinger der political correctness auftrumpfen, aber wenn ein Krimi solche befremdlichen Stereotype derart konsequent von Anfang bis Ende durchzieht, ist’s mit Schönreden nicht getan, erst recht nicht, wenn der Tatort dann auch noch so hundsmiserabel ausfällt.
Mord des Sonntags: Wie der junge Mann da so an dem alten Pfeiler herumkrackselt und darüber die neue Betonbrücke zu sehen ist, findet der Tatort tatsächlich ein ausdrucksstarkes Bild. Nur leider fällt der junge Mann dann in die Tiefe und die Handlung nimmt ihren Lauf.
Zitat des Sonntags: Die Zeit ist unsere Geld.
Qualitativ ist der neue Stuttgarter Tatort ein Sturz ins Bodenlose oder seid ihr anderer Meinung?
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Kommentare
über Tatort - Tote Erde und ein miserabler Krimi
Vallestrasse Mon, 22 Oct 2012 13:58:34 -0000
Kommentar löschenGuter Artikel zu unterirdisch schlechtem klischeebeladenen Tatort.
Ich hätt dann auch noch ne Frage zur Logik. Wer hat denn bitte den Film mit dem intelligenten Titel friss_erde gemacht, den die auf dem Handy von dem einen "eco-pirate" (Timo glaub ich) gefunden haben. Immerhin ist der Handy Besitzer zu sehen. Da fehlt für mich irgenwie jede Logik oder bin ich da nur zwischendurch eingeschlafen.
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the gaffer Mon, 22 Oct 2012 14:04:59 -0000
Antwort löschenDas Handy-Video war echt ein Knaller. Das wirkte wie die Produktion einer Laientheatergruppe. Herrlich.
N. Hornblower Mon, 22 Oct 2012 15:26:48 -0000
Antwort löschenIch BIN zwischendurch eingeschlafen... :)
Vallestrasse Mon, 22 Oct 2012 15:33:20 -0000
Antwort löscheneinschlafen war auch sinnvoller als weiter zu schauen :)
Aber ich hatte eigentlich noch Hoffnung auf ein wenigstens halbwegs sinnvolles Ende
the gaffer Mon, 22 Oct 2012 16:05:14 -0000
Antwort löschenIch beneide euch ja ein bisschen, dass ihr beim Tatort einschlafen dürft. ;)
N. Hornblower Mon, 22 Oct 2012 18:19:53 -0000
Antwort löschenDu darfst nicht, weil das Arbeit ist? Grundsätzlich schaust Du aber schon gern?
the gaffer Tue, 23 Oct 2012 07:12:58 -0000
Antwort löschenJa klar, aber normalerweise würde ich bei einem schlechten Tatort eben wegzappen und nicht bis zum Ende leiden.^^
Ronek Mon, 22 Oct 2012 06:44:17 -0000
Kommentar löschenEs ging beim "Internetpräsenz"-Kaufen nicht um die Website an sich, sondern darum, dass die Seite bei den Suchergebnissen auf Suchseiten wie google, bing etc. weit vorne landet ("obwohl die Seite kaum Klicks hat, ist sie mit ganz vorne, wenn man nach 'Stuttgart' sucht"). Dies funktioniert über "Sponsored Links" und/oder sog. "Suchmaschinenoptimierung". Beides kostet tüchtig Geld, ist also in dieser Höhe vielleicht schon teuer gewesen, aber wirklich nicht unwahrscheinlich.
Mit der "Aura von Kompetenz" sollte man folglich vorsichtig sein ;)
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the gaffer Mon, 22 Oct 2012 07:36:24 -0000
Antwort löschenMir ist schon klar, dass es bei der Internetpräsenz um SEO-Maßnahmen geht und je nach Keyword dürften die auch teuer bzw. zeitintensiv sein. Mir geht's eher darum, wie das im Tatort ausgedrückt wurde. ;)
skyfall23 Sun, 21 Oct 2012 21:20:50 -0000
Kommentar löschenEin guter Artikel,wie ich finde...Besonders die Darstellung der Reinigungskraft und des Hausmeisters fand ich diskriminierend (Bsp. Der Hausmeister will seine Aussage bekräftigen und sagt: " Ich schwöre." ----" Worauf ? " ----"Auf Allah." Meiner Meinund nach völlig unpassend ,lächerlich und beleidigend.
Zu der angesprochenen Schwäche der Story und Realisation (Details wie z.B. die Website )kann ich nur sagen,dass mich der Tatort in dieser Hinsicht immer wieder enttäuscht hat. Das Konzept von Comedy/"Beamtenkrimi" geht meiner Ansicht nach nicht auf und ermüdet nur.
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viewer Sun, 21 Oct 2012 21:04:46 -0000
Kommentar löschenDie 3. Szene: die Staatsanwältin hat Sex in einem Hotel, als eine asiatische Putzfrau kommt und die beiden Nakten stört: "Brauchen sie Zimmerservice? --- Brauchen sie Früchstück? --- Und sonst alles noch gefüllt in ihrer Minibar?" - Wäre die Figur komisch und das Ganze eine Szene von "Little Britain" hätt ich vielleicht gelacht. Aber so: what the fuck!? Was treibt diese Nebenfigur auf Komparsen-Niveau dazu, ein fickendes Paar minutenlang mit dämlichen Fragen zu löchern?! Und wieso schmeißt das Paar diese dämliche Putzfrau nicht nach der 1. Frage hochkant raus?! Nein, sie lachen sogar noch anschließend. Ja klar, das kennen wir doch alle, dieses Reinigungspersonal in Hotels...
Nennt mich kleinlich, aber genau nach dieser Szene habe ich weggezappt - weil auch schon die 2 Minuten davor nicht wirklich überzeugend waren.
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Khold88 Sun, 21 Oct 2012 20:45:02 -0000
Kommentar löschenZwei Absurditäten: Die Staatsanwältin babbelt als Einzige auf schwäbisch daher, wobei alle anderen feinstes Hochdeutsch sprechen und der Satz von Richy Müller am Ende war für mich ein wenig rassistisch. Stuttgart: Lahm und zäh, wie eh und je.
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JustJonas Sun, 21 Oct 2012 22:11:11 -0000
Antwort löschenWas war der letzte Satz von Richy Müller?
(Habe mir nach 60min eine DVD reingeschoben)
filmschauer Sun, 21 Oct 2012 22:22:40 -0000
Antwort löschen@JustJonas: Steht auch bei der Rubrik 'Zitat des Sonntags' in Jennys Artikel oben: "Die Zeit ist unsere Geld." in Bezug auf eine 'gute' indische Weisheit.
the gaffer Mon, 22 Oct 2012 07:58:08 -0000
Antwort löschenIch fand's zwar charmant, dass die Wörner so konsequent schwäbelt, aber umgeben von lauter Hochdeutsch wird einem da erst bewusst, wie wenig Dialekte im Tatort überhaupt noch eine Rolle spielen und wie fehl am Platz sie deswegen wirken können.
Weiterführendes zum Artikel ?
Wirf einen Blick in unser Fernsehprogramm, um herauszufinden, was heute im Fernsehen so läuft.






Ein solider Tatort, der etwas langweilig anfängt, ab der zweiten Hälfte aber spannender wird, wenn man so langsam durch die Geschichte und die Zusammenhänge durchblickt. Zum Ende kommt dann alles Schlag auf Schlag und die ein oder andere „kleine“ Story klärt sich auf. Insgesamt war dieser Tatort sehr spannend anzuschauen und ist wieder mal ein Highlight auf dem Sonntagabend.
http://wp.me/p1hcQg-5qQ
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