Die nächste Preiserhöhung: Netflix hat es diesmal übertrieben

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Redakteur bei Moviepilot. Glaubt, dass Netflix sich irgendwann noch durchsetzen wird und schreibt deshalb hauptsächlich über VOD und Streaming. Schöner als Sport sind nur Filme darüber.

Die ärmste Sau der Welt war letzte Woche der stets entwaffnend gut gelaunte Twitter-Account von Netflix Deutschland. Dafür ist er ja da: Er ist ein Schutzschild, der eine selbstironische Schicht um den Streaming-Dienst schmiert - und zur Not schlechte Nachrichten erklärt. Diese Woche gab es viel zu erklären. Die meisten deutschen Netflix-Nutzer müssen eine Preiserhöhung verkraften. Das Premium-Modell kostet jetzt 15,99 Euro, das Standard-Modell 11,99. Nur der Preis für das Basis-Angebot blieb gleich.

Netflix schlägt nach der letzten Preiserhöhung so viel Unmut entgegen wie nie zuvor

Netflix hat die Mitgliedsbeiträge beileibe nicht zum ersten Mal angehoben, aber diesmal ist irgendwas anders. Es scheint, als hätte Netflix in Deutschland eine Schmerzgrenze erreicht, die es einer Studie zufolge durchaus gibt. Sie liegt bei 16 Dollar. In Deutschland zahlen wir für das teuerste Abo jetzt umgerechnet etwa 18 Dollar.

Wie sich die Netflix-Preise in Deutschland entwickeln

  • Beim Start im Jahr 2014 kostete das Basis-Abo 7,99, das Standard-Abo 8,99 und das Premium-Abo 11,99 Euro.
  • Juli 2015/16: Der Preis für das Standard-Abo steigt von 8,99 ab 9,99 Euro, erst für Neukunden, dann für alle.
  • Oktober 2017: Standard-Abo wurde auf 10,99 Euro angehoben. Der Premium-Tarif stieg erstmals, auf 13,99 Euro.
  • April 2019: Netflix hebt die Preise des Standard-Abos auf jetzt 11,99 Euro. Das Premium-Abo kostet nun 15,99 Euro

Netflix-Nutzer machen nicht jede Preiserhöhung mit. Der Unmut regt sich jetzt vor allem bei denen, die schlicht nicht mehr zahlen wollen als vorher. Wobei es weit triftigere Gründe gibt, sich über die neuen Preise aufzuregen als deren schiere Höhe.

(1) Deutsche Netflix-Kunden zahlen mehr als in anderen Ländern

Zumindest mehr als in den USA, wo Nutzer für das teuerste Abo seit der letzten Erhöhung im Januar 15,99 Dollar monatlich zahlen. Auch in Europa liegt Deutschland unter Ländern mit einem vergleichbaren Pro-Kopf-Einkommen jetzt an der Spitze, wobei Netflix hier voraussichtlich die Preise noch in diesem Jahr anpassen wird. In Frankreich kostet Premium (noch) 13,99 Euro, genau wie in Spanien. In England müssen Nutzer 12,99 Pfund (ca. 15 Euro) zahlen. In den Niederlanden sind es nur 11,99 Euro. In Österreich wurden die Beiträge in einem Abwasch mit Deutschland erhöht.

(2) Das Netflix-Angebot wird teurer und gleichzeitig schlechter

Manche Kunden wollen schon jetzt eine immer breitere Schere zwischen Qualität und Preis erkennen. Das ist bisher nur ein gefühlter Rückgang und natürlich schwer messbar. Aber auf lange Sicht werden Nutzer für ein zunehmend einseitigeres und wahrscheinlich auch kleineres Angebot mehr bezahlen. Netflix bereitet sich auf diesen Fall schon jetzt vor und investiert kräftig in Eigenproduktionen, in besonders viele aus Deutschland übrigens.

Wenn die großen Streaming-Dienste von Warner und Disney sich und ihre Filme in Stellung bringen, muss Netflix diese Lücke ausgleichen. Das wird teuer. Für Netflix und wahrscheinlich auch für die Netflix-Kunden. Netflix hat jetzt schon mal vorgesorgt, um eine weitere Preiserhöhung nicht in einen spürbaren Abschwung des Streaming-Angebots fallen zu lassen.

(3) Die Netflix-Entschuldigung für die Preiserhöhung ist scheinheilig

Die Kommunikation der Preiserhöhung wirkt etwas fade. Am Tag der Preiserhöhung antwortete Netflix bei Twitter auf unzählige enttäuschte, wütende und in ihrer Treue gekränkte Nutzer mit beeindruckender Ausdauer. Hier nur ein Symboltweet:

Netflix führt die Preiserhöhungen offiziell auf das ausgebaute Angebot zurück. Das Unterhaltungsgeschäft ist nun mal teuer. Bei Twitter wurde daraus: Netflix braucht mehr Geld von seinen Mitgliedern, um ihnen noch mehr Serien und Filme zu schenken. Als würde jeder Cent von Jan Müller, 22, Maschinenbaustudent, in die Produktion der nächsten Staffel Stranger Things fließen.

Die Botschaft: Wir machen das alles nur für euch. Wir alle gewinnen, wenn ihr mehr zahlt. Das börsennotierte Netflix inszeniert sich als eine Art Crowdfunding-Projekt, das unmittelbar vertrocknen würde, würden die Nutzer aufhören, ihre Beiträge fließen zu lassen.

Was hinter der Erklärung wirklich steckt

Der Cashflow von Netflix fließt selbstredend in viel verzweigteren Bahnen. Was richtig ist: Die Produktion von Serien und Filmen wird teurer, weil Autoren und Darsteller stärker nachgefragt werden und mehr verlangen können. Außerdem muss Netflix Verbindlichkeiten bedienen, Aktiendividenden auszahlen und einen ständig wachsenden Milliardenschuldenberg abarbeiten.

Die Preiserhöhung mit dem Löffel Zucker und Emoji :D

Aber das kommt als "Ausrede" bei den Nutzern natürlich nicht so gut an wie: "Mehr Geld von euch = mehr Serien von uns." Und wie passt diese welpenäugig vorgebrachte Entschuldigung eigentlich zu dem eiskalten Netflix, das vor ein paar Monaten durchaus freche Preistests durchführte, die wohl die Schmerzgrenze der deutschen Streaming-Nutzer bei Preiserhöhungen erspüren sollten?

Preiserhöhungen gehören zum Geschäft. Netflix macht ein Geschäft mit seinen Nutzern. Dazu sollte der Streaming-Dienst einfach stehen und die bittere Pille nicht mit einem Grinse-Emoji drauf servieren. Das geht auf Dauer allein deshalb nicht gut, weil nach der Preiserhöhung vor der Preiserhöhung ist.

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