Flug in die Nacht könnte einer der besten Fernsehfilme 2009 sein. Ohne Pathos, ohne Kitsch wurde in dem Fernsehfilm eine Geschichte erzählt, die auf wahren Begebenheiten beruht, aber von den Filmemachern nicht als Schreckensdrama inszeniert wurde. Um dem Zuschauer die Dramatik der Ereignisse zu vermitteln, setzte Flug in die Nacht alles auf ein ausgewogenes Drehbuch und erstklassige Darsteller und ersparte uns auf wohltuende Weise voyeuristische Bilder von einem Unglück, bei dem 71 Menschen starben.
Das Flugzeugunglück von Überlingen beschäftigte die Öffentlichkeit zweimal: Nachdem zwei Flugzeuge im Jahr 2002 über dem Bodensee kollidiert waren, erstach ein russischer Familienvater, der Frau und Kinder bei dem Unglück verlor, den verantwortlichen Fluglotsen. Gestern Abend zeigte nun das Erste den feinfühligen deutsch-schweizerischen Fernsehfilm Flug in die Nacht – Das Unglück von Überlingen, welcher die beiden Vorfälle in den Mittelpunkt rückte und dabei das Hauptaugenmerk auf den Schuldkonflikt legte. Ein großer Vorteil, wie sich gestern Abend erwies.
Die beeindruckenden Schauspielerleistungen von Ken Duken und Jevgenij Sitochin waren es, die das Drama um Verantwortung, Schuld und Sühne zu einem intensiven Filmerlebnis machten. Offenkundig schien es den Filmemachern wichtig, Verständnis für das Schicksal beider Männer zu erwerben: Auf der einen Seite der “schuldige” Fluglotse, auf der anderen der russische Familienvater, der eine Entschuldigung einfordert, um verzeihen und vergessen zu können – diese aber nicht erhält, da der Arbeitgeber des Fluglotsen Entschädigungszahlungen fürchtet. Beide werden so Opfer einer Rechtsgesellschaft, die auf Schadensbegrenzung ausgerichtet ist, anstatt auf Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. Duken gelingt es, den inneren Konflikt des Fluglotsen Lenders eindringlich darzustellen; seine Machtlosigkeit und Verzweiflung, seine Schuldgefühle und Sühne für das Geschehene. Sitochin wiederum verkörpert hervorragend den trauernden Vater und Ehemann, dessen persönliche Überzeugung und kulturelle Prägung nach einer öffentlichen Entschuldigung seitens der Flugsicherheitsfirma verlangt. Als ihm diese aus Eigennutz verweht wird und er sie persönlich von Lenders einfordern möchte, fallen die letzten Überbleibsel seiner Familie, Porträtfotos in den Schnee – und Balkajew sticht blindlings zu.
Lob gebührt vor allem auch dem Nachwuchsregisseur Till Endemann, den der SWR trotz seiner Unerfahrenheit zu Recht auswählte. Die seichte, unaufgeregte Inszenierung harmonierte stets mit dem starken Spiel der Hauptdarsteller und unterstrich den Fokus auf die fragile Psyche der Figuren. Keine schaurigen Bilder der Katastrophe, keine Schwarzweißmalerei und keine Extravaganzen – Flug in die Nacht – Das Unglück von Überlingen blieb ganz nah am Menschen, an seinen Fehlern und Makeln und der Bürde, die ein Einzelner zu tragen hat, wenn er eher zufällig als bewusst 71 Menschenleben zu verantworten hat.
Und was meint ihr: Konnte Flug in die Nacht – Das Unglück von Überlingen überzeugen?
annaberlin (Anna Sita Zinn) 2009/07/30 06:49:00
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Kommentare
über Schuld und Sühne statt Katastrophe
Kommentar schreibenC.Behlen 2009/07/30 10:11:12
Kommentar löschenErstklassiger Fernsehfilm. Absolut nachvollziehbar und glaubwürdig hat er das erreicht, was er wohl auch sollte.
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Cabdriver 2009/07/30 11:03:10
Kommentar löschenEin tragischer Unglücksfall, wie er sich Täglich auch in anderen Bereichen ereignen kann, wenn die Technik versagt und der Mensch ihr hilflos ausgeliefert ist. Eine Selbstjustiz wie es in dem Film dargestellt wurde, rechtfertigt dies jedoch nicht. Lebenslängliche Haft, wäre in diesem Fall, für den Russen angebracht gewesen, denn er hat mit Vorsatz gehandelt. Der Fluglotse war bereits, mit seinem aufrichtigen Schuldgefühl, lebenslänglich "verurteilt"!
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Leider ist dieser Film wie in so vielen Fällen,in denen wahre Tragödien verfilmt werden, komplett an der wirklichen Problematik vorbei gegangen, da man keine Wertung der Vorgänge vornehmen wollte. Die Schuldgefühle des verantwortlichen Fluglotsen war die einzige glaubhafte Darstellung in diesem Film. Wie konnte es dazu kommen das ein Familienangehörigersich frei auf einem ansonsten abgesperrten Unglücksgebiet bewegen konnte. Warum konnte ein offensichtlich gefährlicher Fanatiker wie dieser, permanent durch seine Hassreden auffällig gewordene, Russe ungehindert in die Schweiz einreisen um dort den Fluglotsen kaltblütig vor den Augen seiner Familie zu ermorden. Wie kommt es dazu das dieser danach mildernde Umstände bekommt? Die Tat erfolgte über ein Jahr nach dem Unglück. Der Russe ist nachweislich mit Tötungsabsicht zu dem Fluglotsen gefahren, warum hätte er sich sonst vorher noch extra ein Messer kaufen sollen. Und nach einer verkürzten Haftzeit wird dieser Mörder in seinem Land auch noch als Held gefeiert.
Ein Film über eine solche Tragödie kann nicht ohne Bewertungen der Vorkommnisse glaubhaft sein. Entweder mache ich einen Dokumentarfilm mit Aussagen der echten an der Tragödie beteiligten Menschen oder ich mache einen Spielfilm in dem ich dann aber auch eine klare Aussage über die Fehler im Verfahren mit diesem Mörder machen muss.
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rosel 2009/07/30 10:44:11
Antwort löschenLeider hat es mit meinem ersten Kommentar zu roady010 nicht geklappt.
Bin selber vom Bodensee und habe das Unglück live erlebt und es erschütterte die ganze Region!
Alle Menschen der Region hatten Mitgefühl der Familienangehörigen, weshalb sollten diese nicht am Platz des Geschehns sein??
Der Film war super gemacht und die Schweizer nicht unschuldig (der Lotse hatte seine Arbeit gemacht) und hier sieht man wieder einmal das sich die Hauptschuldigen aus der Sache rausziehen wollten und andere dafür verantwortlich zu machen, denn im Film wurde nicht gezeigt das die Schweiz auch die Schuld auf Deutschland schieben wollte.
Es waren unglückliche Umstände und dieser Vater hat seine ganze Familie verloren was nicht heissen soll gleich deshalb einen Menschen umzubringen und ich denke er ist nicht mit dem Vorwand den Lotsen umzubringen hingegangen, eher hat es sich so ergeben da der Lotse (aus verstänlichen Gründen - ihn hatte das Unglück sehr mitgenommen) die Bilder nicht anschaute. Von dem Messerkauf zuvor habe ich erst in diesem Film erfahren und kann nicht beurteilen ob dies der Wahrheit entspricht.
Mich hat die Meldung im örtlichen Radio "Kinder vielen vom Himmel" wie auch alle Menschen dieser Region sehr mitgenommen.
Allen Angehörigen spreche ich auf diesem Wege (auch der Ehefrau dieses Lotsen) mein Mitgefühl aus.
Hätten die Schweizer eine Entschuldigung zum damaligen Zeitpunkt gemacht wäre es niemals zur Ermordung gekommen.