The Last Tycoon - Träumen ist verboten in Amazons Hollywood-Serie

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Traumfabrik und Höllenloch, Erschaffer und Zerstörer, gestatten: Hollywood. Amazon nimmt sich mit seiner neusten Original-Produktion The Last Tycoon der US-amerikanischen Filmindustrie in den 1930er Jahren schonungslos an. Lose basierend auf dem gleichnamigen, nie fertiggestellten Roman aus der Feder von F. Scott Fitzgerald, erzählt Serien-Schöpfer Billy Ray, dessen adaptiertes Drehbuch zum Geisel-Thriller Captain Phillips 2014 für den Oscar nominiert war, die Geschichte des erfolgreichen Jungproduzenten Monroe Stahr (Matt Bomer) und dessen konfliktreiche Reise durchs alte Studiosystem.

Wo Träume geschaffen werden, werden Träume zerstört. Es geht um Machtkämpfe, Gerechtigkeit und ums nackte Überleben. The Last Tycoon erinnert mit seiner desillusionierenden Darstellung Hollywoodlands thematisch an andere Werke Fitzgeralds bzw. dessen Adaptionen für die große Leinwand: Erinnert ihr euch an Tobey Maguires Leere nach den Ereignissen in Baz Luhrmanns schillerndem Der große Gatsby?

So faszinierend der Blick ins Old Hollywood mit seinem mächtigen, verzweigten Studiosystem auch ist, so laden die ersten zwei Folgen von The Last Tycoon erzählerisch erschreckend generisch und verhindern das Träumen.

Nazis bedrohen den American Dream

Als Teil von Amazons hauseigener Pilot-Initiative erschien die erste Episode von The Last Tycoon bereits im Juni vergangenen Jahres. Erschaffer Billy Ray webt hierin ohne Atempause ein Netz aus Beziehungen und Konflikten, in dessen Mittelpunkt Matt Bomers ambitionierter Filmproduzent Monroe anno 1936 steht: Mit seinem Studioboss Pat Brady (Kelsey Grammer) verbindet ihn ein treues Freundschafts-, wie sich abstoßendes Feindschaftsverhältnis im Hexenkessel Kunst gegen Kommerz, das durch eine Affäre mit dessen Frau Rose (Rosemarie DeWitt) womöglich noch auf die Probe gestellt werden wird. Lily Collins als Tochter des Chefs, Cecelia, bringt indes neuen Schwung in den Produktionsalltag, zu dessen Teil die junge Frau unbedingt gehören will und die mehr als ein Auge auf den namhaften Monroe geworfen hat.

Dessen bedrohtes Herzensprojekt, ein Film über seine zwei Jahre zuvor verstorbene Schauspiel-Gattin, avanciert denn auch zu einer Art Symbol sowohl des universalen Amerikanischen Traumes, das Hollywood(land) wie kaum eine andere Insititution der Vereinigten Staaten verkörpert, wie auch des ganz persönlichen. Billy Ray und sein sechsköpfiges Autorenteam erzählen von der Schönheit wie Hässlichkeit und jener soghaften Anziehungskraft der Traumfabrik in einer Zeit der wirtschaftlichen Depression, die ihre Opfer fordert. Denn das mächtiger werdende Hitler-Deutschland wirft seine braunen Schatten bald über den großen Teich und verdeckt die glitzernde Sonne Kaliforniens, unter der sich die Schlachten ums Überleben und Träumen, vom Neuankömmling bis zum erfahrenen Player, noch weiter verschärfen.

Träumen unerwünscht

Der Last der vielen Charaktere und dessen konfliktreiche Beziehungen weiß The Last Tycoon hierbei zumindest innerhalb der ersten zwei Folgen nicht standzuhalten. Amazons Eigenkreation eilt ohne einschlagende Eigenidee von einem Plotpoint zum nächsten und gibt uns kaum einmal die Chance, den Hauch des alten Hollywood zu spüren. Jede Szene dient quasi der Etablierung oder Zeichnung eines Konfliktes vor nostalgischer, aber eben auch ungewollt künstlicher Kulisse - sie existiert als toter, opulent ausgestatteter Raum ohne Eigenleben. Es ist somit kaum möglich, tiefer und emotional gebundener in die Traumwelt einzutauchen, denn im Grunde wäre das narrative Konstrukt so auch mit unzähligen anderen Settings kompatibel. Hollywood als Handlungsort gerät zum reinen Selbstzweck altbekannter dramaturgischer Schablonen.

Dass sich The Last Tycoon hierbei fast ausschließlich auf seine bedeutungsschwangere Dialoghaftigkeit verlässt, scheint kaum verwunderlich. Dieser Ort, also Hollywood, sei nicht wie in den Filmen, heißt es einmal. Oder: "Du kannst keine Kunst ohne Kommerz haben", so Studioboss Brady. Ist diese ausgesprochene, zumal ausschließlich wörtliche Deutlichkeit wirklich notwendig? Leider ja, denn inszenatorisch präsentiert sich der Serienauftakt zwischen prächtiger Ausstattung und perfekt sitzenden Anzügen überaus bieder. Kaum eine Impression heißt uns in die alten Tage des Filmemachens willkommen. Kaum eine Szene weiß sich in all der dominierenden Wortschwere wirklich zu entfalten. Jede Figur ist bloßes, dramaturgisches, aber immerhin hübsch dekoriertes Ausstellungsstück.

Das Problem liegt nicht in dem, was The Last Tycoon erzählen will, sondern wie diese Erzählung vonstatten geht. Schon die zwei ersten der insgesamt neun Episoden der ersten Staffel lassen erkennen, wie vorhersehbar die Kriegsverläufe unter all dem Glitzer offenbar konstruiert wurden. Es fehlt an Überraschung, Schwung und somit auch Faszination für das, was auf dem Bildschirm entlang zuckelt. Wenn es auch nur ein Ersteindruck ist: In dieser Traumfabrik ist Träumen strengstens verboten.

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