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Wir schauen The Leftovers - Staffel 1, Folge 10

09.09.2014 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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HBO
© The Leftovers
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In der letzten Folge der ersten Staffel wagt Damon Lindelof keine Risiken mehr. Viel mehr beruft sich The Leftovers auf die bisherigen Kernthemen und liefert eine emotionale Tour-de-Force ab, die vor allem visuell und durch preisverdächtige Darbietungen überzeugen kann.

Finale Folgen sind schwer zu gestalten und als Zuschauer aufzunehmen, egal ob es sich um das Ende einer Staffel oder einer Serie generell handelt. Nun hat HBO The Leftovers bereits vor einigen Wochen für eine zweite Staffel verlängert, doch so richtig wäre das nicht nötig gewesen. Die dominierenden Themen dieser Finalfolge sind nämlich von Abschluss und Vollendung definiert. Damon Lindelof und Buchautor Tom Perrotta, der hier erneut als Co-Autor mitwirkte, begehen nicht wie andere Autoren den Fehler und lassen die Handlung diesen Abschluss bestimmen, stattdessen konzentrieren sie sich auf die emotionale Ebene ihrer Figuren. Dabei bleiben einige Handlungsstränge auf der Strecke zurück, doch die zentralen Figuren und ihre Depression sowie ihr Frust mit dieser Welt werden zu einer befriedigenden Übereinkunft geführt. Dies schaffen die Autoren, mit einigen wenigen Ausnahmen, in gerade einmal drei größeren Sequenzen.

Die Folge beginnt zunächst mit Kevin, der sich neben der toten Patti in der Waldhütte eine Zigarette anzündet. Eine Zigarette ist auch Streitpunkt zwischen Jill (Margaret Qualley) und ihrer Mutter im Hauptquartier des Guilty Remnant, dessen Mitglieder in Abwesenheit ihrer Anführerin entschlossener denn je sind. Es ist ein stimmiger Auftakt für diese mitreißende Folge und der Soundtrack erhöht erneut das Gewicht dieser emotionalen Momente. Musikalisch ist diese Anfangsphase nämlich mit Nina Simones packendem und passendem Song Ne Me Quitte Pas unterlegt, welcher sich als Track in Christines iPod entpuppt. Wir finden hier alle Figuren an ihrem absolut dunkelsten und traurigsten Punkt wieder. Christine, konfrontiert mit Waynes Lügen, entschließt sich allem zu entziehen und lässt Tom alleine mit dem Baby zurück.

Kevin (Justin Theroux) kann sich seiner Situation nicht direkt entziehen. Er ist kein guter Mann, hat schlimme Dinge getan und Hilfe braucht er auch, denn alleine befreit er sich nicht aus seiner misslichen Lage. Glauben würde ihm ohnehin niemand. Hundemörder Dean (Michael Gaston) bleibt für diese Folge mysteriöserweise komplett verschwunden. Zur Hilfe eilt ihm Pfarrer Jamison (Christopher Eccleston), der mit Kevin Patti (Ann Dowd) unter die Erde bringt und seinen Chief das 23. Kapitel aus dem Buch Hiobs verlesen lässt. Und hier kommt auch der Episodentitel ins Spiel. Die gesamte Staffel über war es Tommy, der die Rolle des Verlorenen Sohnes einnahm, doch im Finale wird Kevin zu dieser Figur. Er ist gebrochen, am Boden, außerhalb seiner Stadt und findet über Matt und nicht subtile (Kein Problem, denn es passt zum alles andere als subtilen Charakter), dafür aber schön eingefangene Taufsymbolik des Christentums seinen Weg zurück. Kevin ist wieder ein gemachter Mann. Ein Mann, der mit seinem Wissen um seine schlechten Taten zu kämpfen hat, sich aber dennoch für das Gute entscheiden will. Doch gute Intentionen sind oftmals nicht genug, wie ihm sein Unterbewusstsein in einer Projektion seines Vaters vermittelt.

Aus der restlichen Traumsequenz will ich nicht ganz schlau werden. Sie hat einige Lost -Parallelen in ihrer Konzeption und endet mit einem der sonderbarsten und unbequemsten WTF-Momente des Fernsehjahres. Trotzdem ist sie inhaltlich und thematisch komplett durcheinander. Es gibt zwar nette Callbacks wie die Ausgabe des National Geographic, die ich willkommen heiße, doch diese Sequenz dient keinem direkt erkennbaren Ziel. Für diese erste Staffel ist dies geradezu typisch und bisher haben Lindelof und seine Autoren Zweifel des Zuschauers rückwirkend stets aufgeklärt, doch die bisherigen textuellen Aussagen zur metaphysischen Seite der Serie lassen eher darauf schließen, dass es sich nur um Kevins fortwährende Schizophrenie handelt – und um nichts mehr. Dies wird in der Zukunft wohl für vor allem visuelle Höhepunkte sorgen dürfen, doch die metatextuelle Debatte von Mysterien scheint vorerst von der Realität gewonnen zu sein. Die Finger wird Lindelof davon wohl trotzdem nicht lassen können, natürlich zum Vergnügen des geneigten Zuschauers.

Zu Kevins Glück handelt es sich bei alledem jedoch nur um einen Alptraum und schon bald sitzt er mit Matt bei Cheeseburgern am Tisch eines Diners und gibt zum ersten Mal wirklichen Einblick in seine Ansichten zum Sudden Departure. Vor dem Ereignis war er unzufrieden, er wollte seine Familie verlassen und fühlt sich nun schuldig und bestraft. Er hat nur einen Wunsch: Irgendwie muss sich seine Familie doch wieder zusammenfügen lassen. Diesem Wunsch wird stattgegeben. Auf der Toilette des Diners treffen wir auf Holy Wayne, angeschossen (zuvor hörte man im Autoradio etwas über eine Schießerei) und von ATFEC-Beamten verfolgt. Wayne stirbt, kann Kevin jedoch zuvor noch augenscheinlich seinen Wunsch erfüllen und auch die Musik ertönt fröhlich aus dem Radio auf der Heimfahrt.

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