Dominik Graf zum 60. Geburtstag
Lord C (Christoph Dederichs), Veröffentlicht am 06.09.2012, 08:50
Dominik Graf, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, ist tatsächlich einer jener vielbeschworenen Wanderer zwischen den Welten und das gleich auf mehrfache Weise: Seine Karriere spielt sich sowohl auf der großen Leinwand als auch auf der heimischen Mattscheibe ab und seine Filme erzählen häufig von zwei gegensetzlichen Parteien: Polizisten und Verbrechern. Eine unbeabsichtigte Zweiteilung in seinem Schaffen ist zudem der Gegensatz zwischen Kritikerlob und kommerziellem Misserfolg, der etliche seiner Werke begleitet.
Dominik Graf zum 60. Geburtstag (8 Bilder)
Schon früh in seiner Laufbahn arbeitete Dominik Graf fürs Fernsehen, unternahm jedoch immer wieder Ausflüge ins Kino. Für den Heimkonsum drehte er einige Episoden renommierter Krimi-Serien wie Tatort, Polizeiruf 110 oder Der Fahnder, aber auch eigenständige Filme. Er selbst findet die Bezeichnung Krimi laut einem Interview in der Neuen Osnabrücker Zeitung jedoch schrecklich und spricht lieber von Thrillern, was schon auf seine Orientierung am amerikanischen Kino hindeutet. Gewissermaßen die Krönung seines Fernsehschaffens ist die zehnteilige Serie Im Angesicht des Verbrechens aus dem Jahre 2010, die sich mit den Umtrieben der Russenmafia in Berlin beschäftigt. Hier wie in seinen anderen Thrillern beschäftigt er sich sowohl den Verbrechern als auch den Gesetzeshütern; das eine ohne das andere interessiert ihn, ebenfalls laut NOZ-Interview, nicht.
Im Kino widmete er sich mit Die Katze oder Die Sieger durchaus konkurrenzfähig mit dem Hollywoodkino dem in Deutschland vernachlässigten bis nicht existenten Genre des Action-Thrillers, das mit dem kommerziellen Misserfolg von Die Sieger allerdings auch gleich wieder beerdigt wurde. Abgesehen von seiner Vorliebe für Räuber und Gendarme wagte Graf jedoch auch den einen oder anderen Abstecher ins Historien- oder Komödienfach, so mit dem Fernsehdrama Das Gelübde über die Beziehung von Clemens von Brentano und der Nonne Anna Katharina von Emmerick oder der Kinokomödie Drei gegen drei mit der Neue Deutsche Welle-Band Trio, die sich jedoch aufgrund des finanziellen Misserfolgs des Films auflöste.
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Dominik Graf unternimmt es oft, amerikanisches Genrekino auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. So ist Die Katze die Geschichte eines Bankraubs mit Geiselnahme, geplant von einem kriminellen Strippenzieher (Götz George), der den Coup von Handlangern durchführen lässt und selbst zunächst nur eine Beobachterposition einnimmt. Hierbei zeigt Die Katze als einer der ersten deutschen Filme die Technisierung sowohl der Polizei- als auch der Verbrecherarbeit gegen Ende der 80er-Jahre. Beide Parteien belauschen und belauern sich und jeder versucht, dem anderen eins auszuwischen. Die entscheidende Eingebung kann jedoch auch die beste Technik nicht ersetzen. In der Schilderung der Polizeiarbeit setzt Die Katze gewissermaßen sogar das fort, was einst mit M – Eine Stadt sucht einen Mörder von Fritz Lang begann, wenngleich in einem viel kleineren Rahmen (hier die stadtweite Menschenjagd, da die klaustrophobische Geiselnahme); und das, obwohl Graf laut einem Interview in torrent gerade keine Kunstkrimis à la Lang machen möchte, sondern sich dem unbedingten Realismus verschrieben hat. Auch ein weiteres Markenzeichen Dominik Grafs findet sich in Die Katze, nämlich die leicht überkandidelten Sexszenen.
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Dominik Grafs Neigung zu TV-Arbeiten hat, abermals laut NOZ-Interview, den Grund, dass es dort neben ihm als Regisseur nur drei bis vier Leute gebe, die etwas zu sagen hätten, was es ihm erlaube, mehr Risiken einzugehen. So mutet Polizeiruf 110: Cassandras Warnung dem Zuschauer wüste kameratechnische Kapriolen zu, und ein Projekt wie Im Angesicht des Verbrechens, Grafs zehnteiliges Großwerk, besticht durch eine hohe erzählerische Komplexität; doch auch hier gab es Querelen mit den Geldgebern um die inhaltliche Gestaltung, und die Produktionsfirma ging letztendlich pleite. Künstlerisch bot die Serie Graf jedoch eine Entfaltungsmöglichkeit, die er im Kino nie gehabt hätte, wären doch einige Spielfilme nötig gewesen, um die Geschichte in ihrer ganzen Vielschichtigkeit zu erzählen. Einen besonderen Dreh bekommt die Geschichte dadurch, dass Polizist Marek Gorsky (Max Riemelt) der Schwager von Großverbrecher Mischa (Misel Maticevic) ist, die Handlungsstränge beider Seiten also noch enger miteinander verbunden sind und sich gegenseitig noch vielfältiger beeinflussen.
Im Dreierfilm-Projekt Dreileben übernahm Graf neben den Berliner Schule -Regisseuren Christian Petzold und Christoph Hochhäusler die Regie eines Teils (Dreileben – Komm mir nicht nach) und bewies damit, dass sich seine seit den 80er-Jahren gepflegte Genrefilm-Begeisterung durchaus mit derjenigen einer jüngeren Generation von Filmemachern versteht, auch ohne dass diese direkt von ihm beeinflusst wurden. Seine eigene Vorliebe für Genrekost begründet Graf im torrent-Interview damit, dass er als Regisseur dort nicht das ganze “Kunstgewerbe und Themengewese” des deutschen Films mitmachen müsse. Auch sollten Thriller kein zu großes Thema haben, sonst würden sie zusammenbrechen, wie er bemerkt. Dass sich trotzdem die Balance zwischen inhaltlicher Relevanz und spannender Unterhaltung halten lässt, hat Dominik Graf jedoch nicht zuletzt mit Im Angesicht des Verbrechens bewiesen.
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Kommentare
über Dominik Graf zum 60. Geburtstag
FranklinFlyer Thu, 06 Sep 2012 17:12:26 -0000
Kommentar löschenNeben Lars Becker einer der wenigen qualitativen Fernsehregisseure.
Er macht auch mal Scheiß, aber dann ist es sein Scheiß und unverswechselbarer Grafscheiß ist besser als 08/15 Soko Pimmelsberg.
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Narrisch Thu, 06 Sep 2012 14:22:28 -0000
Kommentar löschenNoch einer der in Deutschland verhungert und gerne kaputt geschrieben wird. Graf steht in der Reihe mit Tykwer und Petersen. Gegen alle Widerstände alles Gute zum Geburtstag!
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DeDavid Thu, 06 Sep 2012 12:11:53 -0000
Kommentar löschenZu diesem Anlass heute: WDR 20.15 Uhr "Polizeiruf 110: Er sollte tot..."
Selbst noch nicht gesehen, aber wenn dieser Virtuose seine Finger im Spiel hat, kann es nur toll werden.
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lieber_tee Thu, 06 Sep 2012 07:38:30 -0000
Kommentar löschenWenn es mehr mutige und genreaffine Regisseure wie Dominik Graf geben würde, sähe die deutsche Fernsehlandschaft besser aus.
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Markbln Thu, 06 Sep 2012 07:56:45 -0000
Antwort löschenDas Ding ist: es gibt sie. Aber sie dürfen nicht ran.
Markbln Thu, 06 Sep 2012 09:31:52 -0000
Antwort löschenbesonders einer vom BR, deren Brustwarzen schon stehen, wenn sie den namen bloß liest.
lieber_tee Thu, 06 Sep 2012 11:00:54 -0000
Antwort löschen@ Mark,
gibt es Beispiele, hast du Insider-Wissen? Das ist keine ironische sondern eine ernsthafte Nachfrage.
Markbln Thu, 06 Sep 2012 12:14:06 -0000
Antwort löschenIch habe eine zeitlang für 3sat gearbeitet und kenne ein wenig die Strukturen der Redaktionsstuben, ja. Es gibt tatsächlich eine Redakteurin, die würde glaube ich ihr Haus verkaufen um Dominik Graf zu fördern.
@Max natülich ist das super, wenn jemand gefördert wird. Leider ist das in dem Fall (aus meiner Sicht) total einseitig, und auf Kosten von anderen Talenten, die in Deutschland sicher schlummern, aber auf diese Weise keine Chance kriegen, was ich als eklatante Misswirtschaft sehe, da es um öffentlich-rechtliches Fernsehen geht. Dominik Graf wird schon extrem unterstützt in Deutschland, für mich in krassem Widerspruch zu dem, was er wirklich leistet. Ist nicht unüblich im deutschen Beamtenbetrieb, wenn man sich auf einen eingschossen hat, der ein bisschen anspruchsvoll daherkommt und den man für förderungswürdig hält, wird er unreflektiert supported.
Markbln Thu, 06 Sep 2012 13:32:22 -0000
Antwort löschenDu weißt, dass das eine metapher war.
Und Fassbinder war ein Genie und lebte in den 70ern. Heute würde vermutlich keinen Stich mehr machen im deutschen Fernsehenredaktionen.
Anyway, ich wollt nur mal einen anderen Blick auf Graf werfen zwischen all den Bejubelungen.
Markbln Thu, 06 Sep 2012 07:19:33 -0000
Kommentar löschenEs stimmt, einer der wenigen, die etwas eigenständiges versucht bzw. versuchen kann. Das liegt nämlich (für die TV-Arbeit zumindest) vor allem daran, dass er wie kein zweiter von Redakteuren gepampert und hofiert wird. Leider dreht dadurch seine Hybris so richtig durch, seine Talent halte ich für ziemlich begrenzt. Ein Trauerspiel.
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Sigmund Thu, 06 Sep 2012 07:10:33 -0000
Kommentar löschenEiner der wenigen Regisseure, dessen Werken man einen originären Blick anmerkt und eine spielerische Experimentierfreude, die sich der gängigen Konventionsstarre entzieht. Trotz seiner Genrevorliebe gelingt es Dominik Graf wie kaum einem anderen, die Schubladen der Vereindeutigung zu meiden - was ihn zum vielleicht größten Lichtblick der deutschen TV-Landschaft macht.
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Dominik Graf
Beteiligt an 38 Filmen (als Akteur, Drehbuch, Regisseur und Komponist) und 3 Serien
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Sorry, jetzt wird's niveaulos, aber: Bei Dominik Graf muss ich kotzen! Kack Kerl, gibt wenig schlimmere hierzulande. I hate him - und das aus vollstem Herzen!
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