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Kill Bin Laden als kostenlose Wahlkampfwerbung

the gaffer (Jenny Jecke), Veröffentlicht am 04.06.2012, 09:06

Als vor kurzem herauskam, dass das Pentagon Kathryn Bigelow umfangreiche Informationen über die Tötung von Osama bin Laden gewährt hatte, war die Aufregung groß. Doch ist die von vielen Konservativen bemängelte Sicherheitslücke der Kern des Problems?

Kathryn Bigelow gewann zuletzt für The Hurt Locker den Regie-Oscar Kathryn Bigelow gewann zuletzt für The Hurt Locker den Regie-Oscar © Concorde

Beim letzten Mal ging es um den Einfluss des Pentagons auf den Kriegsfilm Act of Valor. Dass die potenzielle Instrumentalisierung von Filmen durch die Politik auch subtiler vonstatten geht, bewies vor wenigen Tagen die Obama-Administration. Auf Drängen einiger Republikaner wurde bekannt, dass Regisseurin Kathryn Bigelow (Tödliches Kommando – The Hurt Locker) zwecks Recherche für ihren neuen Film Zero Dark Thirty exklusive Hintergrundinformationen über die gezielte Tötung des al-Quaida-Gründers Osama bin Laden erhalten hatte. Der Aufschrei unter den Obama-Kritikern war natürlich groß. Gefährliche Sicherheitslücken seien in Kauf genommen worden, um für ein bisschen gute PR zu sorgen. Abseits dieser parteipolitisch angehauchten Querelen rückt dieses Prozedere der Recherche das Scheinwerferlicht jedoch auf die gern diskutierte Unabhängigkeit der Kunst.

Hier steht niemand über dem Gesetz
Schon Anfang des Jahres haben wir berichtet, dass Kathryn Bigelow womöglich sensible Informationen von Mitarbeitern des Verteidigungsministeriums erhalten hat. Bigelows neuer Film handelt bekanntlich von der jahrelangen Suche und höchstwahrscheinlich auch der Tötung des Terroristen Osama bin Laden. Der Republikaner Peter King hatte im Januar eine Untersuchung der Vorgänge im Pentagon angestrengt und deren Ergebnisse sind nun zu Tage getreten. Die Organisation Judicial Watch (Wahlspruch: Because no one is above the law!) veröffentlichte Dokumente von Pentagon und CIA, die den Informationsaustausch zwischen Regisseurin, Drehbuchautor und hochrangigen Sicherheitsbeamten festhalten. So haben Bigelow und Autor Mark Boal letztere getroffen, außerdem sollen sie Zugang zum Kommandeur des Navy SEAL-Teams bekommen haben, das den Angriff auf Bin Ladens Unterschlupf am 2. Mai 2011 durchgeführt hatte. Die Besonderheit: Die Namen der SEALs werden in der Regel nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben. Außerdem, so Judicial Watch, hätte Kathryn Bigelow gar das geheime CIA-Gebäude “The Vault” von innen gesehen, in dem die umstrittene Aktion geplant worden war (ich stelle es mir ungefähr so vor).

Die konservativen Kritiker der Obama-Administration bemängeln nun natürlich deren leichtsinnigen Umgang mit Top Secret-Informationen. Das Weiße Haus wiederum hat zugegeben, dass die Filmemacher sich mit Sicherheitsbeamten getroffen haben. Das Ziel sei gewesen, dass diese die “Fakten korrekt abbilden sollten und keine geheimen Informationen nach außen dringen” (Slate). Bestritten wird dagegen das Meeting mit dem SEAL-Teamleiter.

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Das pikante an der Situation rund um Kathryn Bigelows neuen Film ist nun, dass der Informationsaustausch zu einem Zeitpunkt geschah, als der Starttermin von Zero Dark Thirty (so der neue Titel des Streifens) noch im Oktober 2012 lag, also vor den Präsidentschaftswahlen, die am 6. November über den Verbleib von Barack Obama im Weißen Haus entscheiden werden. Da die Tötung Osama bin Ladens als wichtiger Pluspunkt im sicherheitspolitischen Wahlkampf der Demokraten verkauft wird, wurde der Obama-Administration schon Ende letzten Jahres eine Instrumentalisierung des Films als Image-Kampagne vorgeworfen. Immerhin sind die Filmemacher, sofern sie um einen wie auch immer gearteten Realismus bemüht sind, von Informationen aus Regiserungskreisen abhängig. Die Frage lautet jedoch, ob das Pentagon überhaupt an einer wahrheitsgemäßen Abhandlung der Jagd nach Osama bin Laden interessiert ist oder Barack Obama das Image eines eisern durchgreifenden Präsidenten verschaffen will.

Wie viel Raum den Geschehnissen vom 2. Mai 2011 in Pakistan in Zero Dark Thirty gegeben wird, ist noch unklar. Die Vorproduktion des Films wurde durch den Tod bin Ladens letztes Jahr überrascht und umfangreiche Änderungen am Drehbuch können schon vom neuen Arbeitstitel abgelesen werden. Zero Dark Thrity ist nämlich Militär-Sprech für 30 Minuten nach Mitternacht, der ungefähren Zeit, in der Navy SEAL Team Six in Abbottabad zuschlug. Es darf also bezweifelt werden, dass sich der Streifen, wie ursprünglich geplant, auf die Jagd nach Osama bin Laden zu Zeiten der Clinton-Adminstration beschränkt. Immerhin aber wurde der Kinostart von Sony in der Zwischenzeit auf Mitte Dezember verlegt, so dass der Vorwurf der Wahlkampfhilfe nun ins Leere zielt.

Ist der Realismus das wert?
Die grundsätzliche Zwickmühle, in der sich Kathryn Bigelow und ihre Kollegen befinden, aber bleibt. Um die Inhalte des Films auf den neuesten Stand zu halten, ist die Produktion von Informationen aus Regiserungskreisen abhängig, so lang entsprechende Dokumente nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben oder durch investigative Recherchen ans Tageslicht befördert werden. Die Gratwanderung, die insbesondere Filmemacher in den USA immer wieder unternehmen müssen, ist eine, die nur schwer ohne Opfer vollbracht wird. Jede Zusammenarbeit mit der Politik, ob es nun um die Weitergabe von Informationen oder die Bereitstellung von militärischer Technik geht, birgt die Gefahr in sich, zum Handlanger bestimmter Institutionen zu verkommen. Das fängt bei der gezielten Streuung von beschönigenden Informationen an und hört im schlimmsten Fall bei Eingriffen in Drehbücher auf. Der Wunsch nach Authentizität kann hier sehr schnell auf Kosten der künstlerischen Integrität erfüllt werden.


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Kommentare

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lieber_tee

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Guter Artikel über die Verflechtung von künstlerischer Freiheit, Politik und möglicher Instrumentalisierung im (US) Film. Gefällt mir.

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Commentator

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Ist es nicht ähnlich wie bei der Pressefreiheit. Man beißt nicht die Hand, die einen füttert. Ich fände es lustig, wenn mir ein Journalist das Gegenteil beweisen würde. Sich darüber zu erheben, wäre unehrlich und verlogen oder einfach nur naiv. Bei der Presse finde ich es deshalb auch weitaus schlimmer, weil so manche Dinge gar nicht ans Tageslicht kommen. Wie ist es bei Filmen? Hier kann sich jeder extra informieren oder einfach nur den Film genießen. Filme werden bewusster gefiltert. So fällt es vielen leicht "Act of Valor" in den richtigen Kontext zu setzen. Für mich deshalb kein Aufreger was Filme betrifft, eher ein Aufreger, der die Presse betrifft.

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Anton Chigurh

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Das ist mal wider so ein Gehirnwäsche Film der mich überhaupt nicht interesiert, und auch als bestes beispiel das die Menschen die Politiker für Götter halten und denn auch jeden scheiss glauben.

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Narrisch

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Wahlkampfhilfe für Obama ist mir im Zweifel 1000 mal lieber als Wahlkampfhilfe für Romney. Ist doch klar das die Obama Administration das versucht auszunutzen. Schliesslich war es eben Obama und nicht Superkrieger Bush der das Schwein zur Strecke gebracht hat.

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Mein Senf

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Die Gefahr sehe ich bei (Hollywood-)filmen noch mehr als bei anderen Medien.

Zunächst birgt ja erstmal jede Recherchearbeit die Gefahr des Verlustes der künstlerischen Unabhängigkeit. Ob man nur ein Regierungsmitglied interviewt oder ein Sachbuch bzw. wissenschaftlichen Text liest - alles ist mehr oder weniger Propaganda für den subjektiven Standpunkt des Urhebers der entsprechenden Quelle.

Die Aufgabe des Künstlers besteht auch darin, nicht der Versuchung zu erliegen, sich eine vorgefertigten Meinung nicht zu Eigen zu machen. Vielmehr muss man es schaffen, die subjektive Färbungen abzuschälen, die pure Information zu extrahieren und aus der Fülle an unterscheidlichen Einschätzungen und Persepktiven seinen eigenen Standpunkt zu entwickeln.

Das Medium Film, zumal aus Hollywood, besitzen aber wie kaum eine andere Kunstform eine kommerzielle Orientierung und zielt auf den Massenmarkt. Zwangsläufig schafft das Begehrlichkeiten bei dritten Parteien (sei es nun politische Institutionen, die Werbeindustrie oder religiöse Vereinigungen), die Massenwirksamkeit für ihre Zwecke zu intrumentalisieren. Das kann durch Belohnung (Sponsoring), aber eben auch durch Sanktion (Boykottaufrufe, Androhung des Entzugs zukünftiger Zusammenarbeit) geschehen. Je einflussreicher diese dritten Parteien sind, desto stärker sind auch deren Hebel (Geld, bzw. gesellschaftliches Aktivierungspotential).

Die natürliche Reaktion der großen Studios ist es, sich nicht mit diesen großen Spielern anzulegen und so ihr Risiko für eine Konfrontation, möglichst gering zu halten. Deshalb landen polarisierende Projekte auch selten bei den Majors, bzw. werden in ihren kritischen Aussage abgeschwächt. Wie vielen Regisseuren gewähren die Majors bspw. schon das Recht auf einen Final Cut? Letztendlich begibt sich ein Künstler wie Kathryn Bigelow theoretsich schon in dem Moment in eine künstlerische Zwickmühle, sobald Sie für ein Major-Studio arbeitet.

Sprich, Major Studios können gar kein wirtschaftliches Interesse daran haben, sich mit extremen Positionierungen zu sehr in die Nesseln zu setzen. Aus diesem Grund werden reine Propaganda-Filme wie Commercials der Werbeindustrie, Wahlwerbespots, Bekennervideos von islamischen Fundamentalisten oder Filme wie "Battlefield Earth", "Act of Valor", aber auch dieser Christenkitsch auf dessen Name ich grad nicht komme, werden i.d.R. weitgehend unabhängig produziert.

Bei Major ist die Kontrollinstanz viel höher. Deswegen werden ja auch regelmäßig Drehbücher, aber auch fertige Filme immer wieder umgeschrieben und in ihrer Aussage abgeschwächt, auch, um sie gesellschaftlich opportun zu machen. Kathryn Bigelow Arbeitsweise passt da ganz gut in dieses Schema. Sie ist eben keine politische Agitatorin, sondern beschränkt sich auf bloßes (perfektes) Handwerk. Künstlerische Kompromisse muss sie mutmaßlich weniger wegen einer politischen Aussage, sondern -wenn überhaupt- aufgrund der Radikalität der Inszenierung oder Erzählweise machen.

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marty-f

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So schnell wie die Pläne aufgetaucht sind einen Film über die Tötung von Osama Bin Laden zu machen, könnte man wirklich meinen, dass es da auch noch andere Hintergründe gab, den Film so schnell rauszubringen. Im Prinzip wird es nach der Wahl sowieso egal sein, ob wirklich jemand einen bestimmten Nutzen durch den Film erzielen wollte.

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stuforcedyou

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Zwiespältige Sache, in der Tat. Ich hoffe aber mal das Bigelows Film diesen schweren Spagat schafft und wenn der Film nur halb so gut wird wie dein Artikel, regnet es eh Oscars, goldene Palmen und den Filmpreis der Stadt Memmingen. ;)

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