The Wars to Come

Wir schauen Game of Thrones - Staffel 5, Folge 1

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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Disclaimer: Die Recaps werden von Buchlesern und reinen Serien-Fans gleichermaßen gelesen. Damit hier niemandem der Spaß verdorben wird, solltet ihr Diskussionen über künftige Entwicklungen in Buch und Serie (!) mit einem SPOILER-Warnhinweis kennzeichnen.

Wie hieß es einmal so poetisch in einer anderen großartigen TV-Serie: "Freiheit ist das Band, mit dem auch der wilde Mann die äußeren Wappen seiner Seele zu verzaubern vermag". Und außerdem: "Freiheit! Freiheit! Freiheit!" Nachdem die 4. Staffel von Game of Thrones den Zerfall einer weiteren bedeutenden Familie der Serie verfolgte, finden sich immer mehr Figuren ziel- und führerlos wieder. Diese Sache mit der Freiheit gewinnt an Relevanz, sobald sich am anderen Ende der Befehlskette eine Blutlache ausschweigt. Für Brienne zum Beispiel, die immer nur dienen wollte. Oder Cersei und Jaime, deren Leben nicht mehr von ihrem Vater Tywin gelenkt wird. Und Tyrion, der die gesprengten Ketten erst einmal mit Wein benässt. In The Wars to Come, Episode 1 der 5. Staffel von Game of Thrones, geleiten uns die Macher ins Machtvakuum von King's Landing und zu den sich etablierenden Kräften in der Peripherie. Dermaßen ausschweifend fällt die Erzählung aus, dass die Folge sogar mit einer Szene aufwartet, in der Ser Loras mehr als zwei Sätze von sich gibt!

Der Kampf um die Macht: Staffel 4 von Game of Thrones wurde durch Tywin eröffnet, der das Stark-Schwert Ice einschmelzen und den valyrischen Stahl in zwei neue Schwerter für seine Familie schmieden ließ. Es war eine hochgradig symbolische Szene, die den Niedergang der Lannisters in der 4. Staffel einläutete. Insofern bietet sich die Rückblende zu Beginn von The Wars to Come als Wegweiser der neuen Staffel an. Immerhin weichen die Showrunner D.B. Weiss und David Benioff bewusst von ihrem Grundsatz ab, keine Flashbacks zu nutzen. Der Szene fehlen welterschütternde Offenbarungen, die mancher Fan vielleicht erwartete. Mit ihrer verwunschenen Atmosphäre hebt sie sich vom Rest der Episode ab, ohne aus dem narrativen Rahmen zu fallen. Eine junge, aber nicht umgänglichere Cersei (erstklassig herrisch: Nell Williams) stapft mit einem anderen Mädchen mitten hinein in ein Märchen. Eine Hexe sagt ihr die Zukunft voraus: Sie werde einmal Königin sein, doch ihre Kinder würden in goldenen Totenhemden enden. Es käme eine jüngere, schönere Frau, um ihren Platz einzunehmen. Auf Margaery lastet der Verdacht Cerseis in der Gegenwart und wenn Lena Headeys Blicke töten könnten, wäre der Leichenschmaus zu Ehren Tywins ein Massaker.

Während die Herrschaften in der Hauptstadt der Sieben Königreiche im eigenen Intrigensaft schmoren, bietet sich Daenerys in der ehemaligen Sklavenmetropole Meereen als Kandidatin für die Prophezeiung an. Sie sei eine Königin, keine Politikerin, betont Dany. Mit dem Abriss der Harpyien-Statue von Meereen besiegelt sie ihre Funktion als neuer Souverän und zeigt sich mit dieser Aufgabe zunächst überfordert. Der Geheimbund "Sons of the Harpy" ermordet à la Samson und Delilah ihre Soldaten, die früheren Sklaventreiber wollen nicht auf ihre Gladiatorenkämpfe verzichten und ihre beiden eingekerkerten Drachen möchten Mutti am liebsten grillen. Daario rät zur Gewaltdemonstration, aber was tut eine Herrscherin ohne ihre stärksten Waffen? Alle Wege führen zurück zur Politik - Kompromisse, Konzessionen - über die sich Daenerys erhaben fühlt.

Insofern verspricht die Aussicht auf einen betrunkenen Tyrion, der der Mother of Dragons Ratschläge vor die Füße reiert, Abwechslung und endlich Bewegung im trägen Daenerys-Plot. Varys erhofft sich etwas mehr von dem Trip nach Meereen. Er will nichts weniger, als die Restauration der Targaryens vollenden, mit einem besoffenen Lannister als Steigbügelhalter. Wir erinnern uns: In der freien Stadt Pentos wurde die Hochzeit zwischen Daenerys und Khal Drogo durch Varys' Bekannten Illyrio Mopatis eingeleitet. Durch diese sollte Goldkrönchen Viserys Targaryen an eine Streitmacht gelangen, um seinen rechtmäßigen Thron in King's Landing wieder zu erlangen. "And thus began the chain of mistakes that led us both here", fasst Varys die vergangenen vier Staffeln Game of Thrones zusammen. Daenerys hätte ohne ihre Zwangsverheiratung wohl niemals den Sturm der Sklavenbefreiung in der Slaver's Bay entfacht. Damit eröffnet Varys nach der deterministischen Prophezeiung, die Cersei Jahrzehnte später nicht loslässt, eine alternative Deutungsweise des Handelns im Game of Thrones-Universum. Zwischen den religiösen Eiferern, die in King's Landing auftauchen, den weissagenden Hexen und dreiäugigen Raben, wirkt Varys' Weltsicht fast schon modern. Um gar nicht weiter auf dem allseits bekannten Naturgesetz herumzureiten, wonach jede Varys-Tyrion-Szene eine gute Szene ist.

Im Gespräch mit Tyrion entpuppt sich der Eunuch schließlich als politischer Idealist, bemüht um Frieden und Wohlstand im Reich. Das mag in dieser Welt blauäugig wirken, und Tyrion quittiert die Äußerungen mit einer Prise Realität: "The powerful have always preyed upon the powerless, that's why they became powerful in the first place." Im Gegensatz zu vielen Figuren und vor allem Herrschern in Game of Thrones strebt Varys eine Veränderung der allgemeinen Zustände an, nicht nur der Machtverhältnisse. Wer will da nach vier Staffeln und noch mehr Leichenbergen nicht "Yes we can" schreien? Vielleicht jene, die sich an die letzte Targaryen-Regentschaft erinnern.

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