Wilde Maus - Josef Hader zerlegt vergnüglich das Bürgertum

Wilde Maus
© Majestic/Twentieth Century Fox
Wilde Maus
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Mit der einen Klinge kann man sägen und mit der anderen die Bauchdecke eines Tieres aufbrechen, erklärt der Ladenbesitzer dem Stadtmenschen[1] . Als der zufriedene Käufer Georg das Jagdtaschenmesser das nächsten Mal zückt, zieht er die Klinge genüsslich durchs Verdeck eines rosenroten Sportwagens. Gedärm schwappt nicht hervor, dafür darf sich Georg für ein paar Minuten mächtig vorkommen. Er hat ihn erlegt, seinen Ex-Boss, symbolisch immerhin. Die Wilde Maus, ihres Zeichens seit 25 Jahren Musikkritiker mit Klassik-Fokus, wurde nämlich ohne Vorwarnung entlassen. Seiner Frau verschweigt Georg den Sockelstoß, dem Chef will er's heimzahlen, also ihm die Rechnung in Form der Sachbeschädigung sozusagen vor die Tür legen. Wenn er aber die Feder mit dem Messer ersetzt, wirkt Georg nichts weiter als mickrig. In Wilde Maus dürfen wir dabei zusehen, wie Josef Hader (Der Knochenmann) das Mickrige im Menschen aufbläst bis zur größtmöglichen Dehnung, kurz vorm Platzen, und dann tief Luft holt. Das Regiedebüt des österreichischen Kabarettisten schaffte es in den Wettbewerb der Berlinale und ist ein Vergnügen geworden, ein wohlvertrautes, aber ein Vergnügen.

Morgens geht der von Hader gespielte und geschriebene Georg aus dem Haus, liest in der Liliputbahn im Prater Zeitung. Abends zerkratzt er fremden Autolack. Seine Ehefrau Johanna (Pia Hierzegger), eine Psychologin, zieht seine Männlichkeit weiter in Zweifel. Vielleicht klappt's mit dem Kinderwunsch nicht, weil Georgs Spermien zu langsam schwimmen? Die Satire auf den bürgerlichen Größenwahn ("Ich bin eine Instanz", hält Georg dem Chef entgegen bei der Kündigung) untermalt Hader mit dem Hintergrundrauschen von Fernsehberichten über den Vormarsch des IS und die Anstrengungen der Flüchtenden. Alldieweil freundet sich Georg mit seinem alten Schul-Alptraum (Georg Friedrich in einer Georg Friedrich-Rolle) an. Gemeinsam pimpen sie eine Achterbahn, die Wilde Maus. Da soll noch einer Georg vorwerfen, er würde nicht arbeiten! In den Stufen der Eskalation mit Georgs Chef (Jörg Hartmann) deutet Wilde Maus eine härtere Gangart an, man wähnt sich fast - fast! - in einer Satire, die das Unwohlsein des Zuschauers in Kauf nimmt. Nur werden diese Ansätze dank des Dursts nach der nächstmöglichen skurrilen Wendung stets unterminiert.

Und wo wir schon bei der Zersetzung des Bürgertums angelangt sind: Hier hätte sich eine bemühte Überleitung zu Der junge Karl Marx angeboten, Raoul Pecks (I Am Not Your Negro) Historienfilm mit August Diehl. Marx muss warten, dank eines zu kleinen Kinos für den dieses Jahr oscarnominierten Regisseur. Die bürgerliche Fassade schien mir aber auch hier der Zersetzung nahe, als sich ein Grüppchen Verzweifelter kurz davor befand, die Polyester-Absperrung zu stürmen, oder zumindest ein bissel daran zu zerren. Angriffslust lag in der Luft und mit sich sammelnden Schweißtröpfchen auf den Augenbrauen und lauter werdenden, fordernden Stimmen, bot der Festivaltag dann noch das vermisste Unwohlsein. Tatsächlich erscheint mir der Wettbewerb der Berlinale bisher zahm. Selbst die quasi-dokumentarischen Schlachthausszenen im ungarischen On Body and Soul werden von einer Liebesgeschichte, die ich so schon nuancierter in Harry Potter-Fan-Fiction-Foren gelesen habe[2], umspannt. Dann lieber nochmal Secretary schauen.

The Dinner, der neue Film von Oren Moverman (The Messenger - Die letzte Nachricht), fällt ebenfalls in die Sparte bürgerlicher Selbstzerfleischung. Basierend auf einem Roman des Niederländers Herman Koch (in Deutschland als Angerichtet erschienen) treffen sich zwei gut situierte Ehepaare, um eine "Tragödie" zu besprechen. Keine Spielplatz-Prügelei, wie in Der Gott des Gemetzels, etwas, das Schlagzeilen macht. Die kann der als Gouverneur kandidierende Stan (Richard Gere) nicht gebrauchen und der frühere Geschichtslehrer Paul (Steve Coogan) schwerlich verkraften. Die beiden sind Brüder. Das hebe ich hervor, weil mich die Idee, Steve Coogan und Richard Gere als Brüder zu casten, über weitere Strecken mehr gefesselt hat, als die zunehmend von Flashbacks überladene Erzählung. Ich bin davon überzeugt, Steve Coogan kann, trotz seiner komödiantischen (britischen) Wurzeln, jeden Bruder spielen. Nur erscheint mir die Tatsache, eine Filmmutter könnte nach Richard Gere einen weiteren Menschen gebären, wie der Pitch eines Fantasy-Films. Was ist nun abwegiger: Richard Gere und Steve Coogan als Brüder oder Richard Gere als Obdachloser in Movermans letzter Regiearbeit Time Out of Mind?

Jedenfalls wird in The Dinner viel gesprochen, nur selten über den Grund fürs Dinner. In gewisser Weise ist Movermans Wettbewerbsbeitrag das genaue Gegenteil von Gott des Gemetzels. Wo Yasmina Reza einen Kleinkrieg über Nichtigkeiten entdeckte, reißen Moverman/Koch alle großen Themen an, die ihnen über den Weg laufen: Rassismus, Gesundheitswesen, Privilegien der weißen Mittelklasse, psychische Krankheiten, Krieg, fangfrische Regebogenforellen. Strukturiert wird das Dinner durch die Gänge eines fast peinlich edlen Abendessens, doch in der zweiten Hälfte wirft der orgiastische Redeschwall die Ordnung über den Haufen. Rebecca Hall und Laura Linney spielen die Ehefrauen, die eine wohlwissend in der Rolle der Trophy Wife eines Politikers, die andere als Glucke ihres leidenden Mannes. Beide wachsen, anders als im eleganten Polanski-Film, über diese Klischees hinaus. Insbesondere Linney darf gegen Ende aufdrehen und zeigen, wie oft sie als "Film-Ehefrau, die in der Küche steht und telefoniert", verschwendet wird (um Kollege Matthias zu paraphrasieren).

Im Zentrum jedoch stehen die beiden Brüder und insbesondere Steve Coogan ist es zu verdanken, dass die vielen monologisierten und trotzdem nicht zu Ende gedachten Ideen in The Dinner der Langeweile entgehen. Coogans Paul neidet seinem älteren Bruder Erfolg, Zuneigung, das Richard-Gere-Sein, seit er laufen kann. Der Ex-Lehrer ist auch so einer, der sich für eine Instanz hält, nur sägen Zweifel und Selbsthass an seinem Sockel. Moverman versetzt uns im gekonntesten Streich des Films in Coogans Kopf. Seine Gedanken (die Zeilen eines Buchs, das er gerade liest, oder eines, das er niemals schreiben wird...) brutzeln auf der Tonspur. Coogans Paul, von der Schlacht bei Gettysburg besessen, scheint sich zerebral 24 Stunden am Tag im Kriegszustand zu befinden. Der Gegner ist er selbst. So verbeißt sich jedes Satzende in den Anfang des nächsten. Wie Coogan das wachsende Knäuel in seinem Kopf physisch darzustellen vermag, jede stotternde Bewegung wie die lange ausgefochtene Satzung eines Friedenvertrags erzwungen wird, das hat was Großes, größer als der Film auf jeden Fall. Das Knäuel wird im viel zu späten Finale von The Dinner zusammengezurrt und keinem am Tisch fällt auf, wie Paul vor aller Augen erstickt.


[1] Das Stadtmädel, das diese Wörter tippte, musste den Begriff "Aufbrechklinge" erst googlen.

[2] In Harry Potter-Fan-Fiction geht es erstaunlich selten um Aufbrechklingen.

Hier geht's zum Berlinale-Kritikerspiegel von critic.de.

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