Bares für Rares – Vom Geheimtipp zum Quotenkönig

Bares für Rares mit Horst Lichter
© ZDF / Frank W. Hempel
Bares für Rares mit Horst Lichter
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Meint es gut mit den Menschen.

Die Prämisse der ältesten Trödelshow im deutschen Fernsehen ist so einfach wie spröde. Zuschauer können darin Antiquarisches, egal ob auf dem Flohmarkt erworben oder von Familienangehörigen geerbt, einem Gutachterteam zur Prüfung vorlegen und den Wert ihrer mitgebrachten Antikwaren ermitteln lassen. Seit über 30 Jahren ist das stilecht in Schlössern, Burgen und Museen aufgezeichnete Kunst und Krempel ein tiefenentspannter Klassiker des Bayerischen Rundfunks. Nachahmer wie Lieb & teuer (NDR) oder echt antik?! (SWR) hat die zuverlässig laufende Reihe mühelos überlebt, einzig ihr britisches Vorbild Antiques Roadshow (BBC) ist noch länger auf Sendung. Gab es zwischenzeitlich nur vereinzelt ähnliche Shows, erleben sie jetzt einen regelrechten Boom: Das Flohmarkt-Duell (WDR), Schatz oder Trödel (HR) und der ständig Ableger produzierende Trödeltrupp (RTL 2) sind nur einige von aktuell unzähligen Sendungen, die im Ramsch nach Reichtum suchen. Mit Die Drei vom Pfandhaus (RTL Nitro) oder Auction Hunters - Zwei Asse machen Kasse (DMAX) laufen nebenbei auch deutsch bearbeitete Ausgaben amerikanischer Entrümpelungs- und Goldgräberformate.

Keine dieser Tand zu Talern machenden Antiquitätenshows kann es allerdings mit Bares für Rares aufnehmen. Die von Fernsehkoch und Trödelfan Horst Lichter moderierte Doku-Soap startete 2013 zunächst unscheinbar auf ZDFneo und wurde zwei Jahre später ins Hauptprogramm verschoben. Von ihrem neuen festen Nachmittagssendeplatz aus eroberte sie sich eine stetig wachsende Fangemeinde, die über das eigentlich eher skletorische Stammpublikum des ZDF weit hinausgeht: Bis zu 25 Prozent Marktanteil erreicht Bares für Rares nach nunmehr sieben Staffeln und fast 400 Folgen; in der werberelevanten Gruppe der 14- bis 49-jährigen werden ÖRR-unübliche Spitzenwerte von 16 Prozent erzielt. Hinzu kommen hervorragende Quoten für die Wiederholungen auf ZDFneo, überdurchschnittliche Abrufzahlen in der sendereigenen Mediathek und millionenfache Hits auf dem YouTube-Fankanal. Videos der Sendung können dabei auch viral gehen, über sechs Millionen Mal geklickt wurde zum Beispiel dieser Ausschnitt eines Goldmünzenfundes. Was unterscheidet Bares für Rares, die momentan erfolgreichste Sendung im deutschen Nachmittagsfernsehen, von vergleichbaren Formaten?

Die ZDF-Show erweitert zunächst einmal die Form des BR-Klassikers, möglicherweise inspiriert von der kurzlebigen britischen Reality-Show Dealers. Die Experteneinschätzungen der alten und (gar nicht so selten auch) neuen Stücke bekommen etwas weniger Raum als bei Kunst und Krempel, ihnen angeschlossen ist der Verkauf der Waren bei fünf direkt im nächsten Stockwerk sitzenden Antiquitätenhändlern. Somit geht es nicht nur um die Wertbestimmung einer Rarität, sondern auch deren Veräußerung – was unweigerlich die Kandidaten in den Mittelpunkt der Sendung rückt: Sie dürfen erzählen, wie sie an ihre erinnerungsreichen Stücke geraten sind, sollen eine besondere Beziehung zum Gegenstand pflegen und finanzielle Vorstellungen deutlich machen. Es werden also Geschichten gebaut, die der nüchternen Bewertung von Altertümern einen persönlichen Anstrich verleihen. Dafür sorgt auch Horst Lichter, der zum Thema der Sendung nichts Fundiertes beizutragen hat. Stattdessen rückt er den potenziellen Verkäufern mit ramponiert-rheinischem Charme auf die Pelle, knutscht vornehmlich ältere Damen ab und verpasst der Sendung mit Gender-Sprüchen von anno dazumal einen tatsächlich sehr antiquierten Stempel.

Am Erfolg von Bares für Rares hat die ostentative Begeisterung des Moderators für seine Kandidaten sicherlich großen Anteil, obwohl viele Horst Lichter für das verzichtbarste Element der Show halten (besser verstehen lässt sich dessen Beliebtheit vielleicht, wenn man die ihm gewidmete Ausgabe der ZDF-Serie Kessler ist ... gesehen hat). Überhaupt setzen die Produzenten im Sinne der Zuschauerbindung auf Protagonisten mit Wiedererkennungswert und eigenen Marotten. Die Sachverständigen, deren Aufgabe es ist, eine kunsthistorische Verortung und marktpreisorientierte Bewertung vorzunehmen, bilden ebenso wie die feilschenden, bewusst kontrastreich zusammengesetzten Händler identifikatorische Bausteine – wichtiger als die Antiquitäten selbst scheinen deren Handhabung und das daraus folgende Rezeptionsspektrum zu sein. Bares für Rares kann demnach affirmativ gesehen werden, mit Freude an den ausgestellten Neckereien von Lichter und Co. oder der auf Spannung abzielenden Frage nach Differenzen zwischen Schätz- und Verkaufswert. Zugleich aber kann es auch Vergnügen bereiten als in sich abgeriegelte Show, die aufgrund kurioser Typen und einer intervallartigen Struktur mehr Soap als Doku ist.

Zur bloßen Ironisierung eignet sich Bares für Rares andererseits nicht, das wäre auch langweilig. Reizvoll wird die Sendung dort, wo ihre Mischung aus Infotainment und Schicksalsnarrativen nicht aufgeht. Dr. Heide Rezepa-Zabel, die Schmuckexpertin mit dem bemerkenswerten Desinteresse an der menschelnden Showprozedur, wirkt beispielsweise relativ immun gegen das eigene Format. Sie tut, was zu tun ihr vorgegeben ist, Ausgabe für Ausgabe eine fachkundige und vergleichsweise anspruchsvolle Expertise abzugeben, soll aber offensichtlich auch das Lichtersche Spiel um Emotionen und Witzeleien befeuern. Damit hat Heide Rezepa-Zabel merkliche Schwierigkeiten: Der Kandidatenhändedruck schon wirkt bei ihr wie eine Zumutung, die ausgestellten Kumpaneien zwischen Moderator und Verkäufer befremden sie sichtlich. Einen entsprechend ungelenken, will heißen erhabenen, Eindruck macht sie in den unumwunden gescripteten Teilen der Show. Einstudierte Gags, überraschtes Staunen angesichts lange vorher begutachteter Objekte und die wortlose Interaktion mit Statisten im Bildhintergrund entlarvt niemand zärtlicher als sie. Ohne Heide Rezepa-Zabel wäre Bares für Rares nicht halb so gut.

Es ist daher vielleicht müßig, über konzeptionelle Schwächen der Show zu debattieren, wie es an vielen Stellen im Internet und auch hier auf der moviepilot-Seite energisch getan wird, wenn diese bereits durch innere Reibungspunkte sichtbar gemacht werden. Bares für Rares ist kein komplexes, aber sehr redliches Feierabendfernsehen, das erstaunlicherweise gerade durch Hysterieverzicht gute Quoten generiert. Es hat den deutschen TV-Nachmittag gewissermaßen mit einer Gegenstrategie aus jenem lange währenden Tief befreit, in dem Streifenpolizisten und Privatdetektive die vom Ende der glorreichen Prekariat-Exploitation eingerissenen Gräben des Seelsorgefernsehens ambitionslos aufzufüllen versuchten. Ganz anders als ebendiese Bemühungen simulierter Alltäglichkeit setzt man in Mainz auf anachronistisch anmutende Harmonie durch das materiell Vergängliche. Schöne Pointe obendrein, dass ausgerechnet eine ZDF-Trödelshow, deren Highlights Porzellangeschirr und Holzspielzeug sind, die Generation YouTube für lineares Fernsehen zu begeistern weiß. Offenbar braucht es nur eine Dr. Heide Rezepa-Zabel, um die medienpolitischen Herausforderungen des ÖRR zu meistern.


Bares für Rares läuft werktags um 15:05 Uhr auf ZDF, jeden Sonntag ist außerdem die Sonderausgabe "Lieblingsstücke" zu sehen. Am 15. Juni und 13. Juli 2017 zeigt der Sender Spezialfolgen zur Primetime, unterstützt wird Horst Lichter von Deutschlands bestem Red-Carpet-Moderator Steven Gätjen.

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