American Gods - Die aufregende Neil Gaiman-Adaption im Pilot-Check

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American Gods
30.04.2017 - 11:00 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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American Gods, die Serien-Adaption von Neil Gaimans gleichnamigem Bestseller, erzählt eine epische Geschichte vom Krieg der alten Götter gegen die neuen. Dazwischen befindet sich der Mensch und wir Zuschauer. Was taugt die Pilot-Episode?

Mit der anhaltenden Serienflut bekommen wir es aktuell nicht nur mit Mittelmaß in Hülle und Fülle zu tun, sondern ebenfalls mit einigen Highlights, die unter anderen Umständen wohl nie entwickelt worden wären. Wenn wir von Peak TV reden, schwingt in der Masse neu angekündigter Formate ebenfalls die Hoffnung mit, dass sich unter all den üblichen Drama- und Comedyserien ebenfalls einer der raren Glücksfälle befindet, die unsere Erwartungen auf den Kopf stellen und mit einer ungeahnten Überzeugungskraft begeistern. Ausgerechnet Starz hat sich in den vergangenen Jahren mit The Girlfriend Experience und Ash vs Evil Dead als mutiger Spieler in dieser Hinsicht erwiesen. Auch 2017 ist auf den US-amerikanischen Kabelsender Verlass, der mit American Gods eine gleichermaßen aufregende wie visuell faszinierende Adaption von Neil Gaimans gleichnamiger Romanvorlage geschaffen hat. Ein erster Blick lohnt sich.

Nachdem die ersten Minuten in grellen Neonlichtern die verschiedenen Götter unserer Zeit in einer psychedelischen Collage aufeinandertreffen lassen, stellen Bryan Fuller und Michael Greene in ihrem martialischen Prolog eine Sache fest: American Gods ist keine kleine Geschichte, die sich irgendwo im amerikanischen Nirgendwo ereignet, sondern ein gewaltiges Epos, das sich über die Grenzen von Raum und Zeit hinwegsetzt. Hier geht es um die Grundfesten der Existenz, um den Glauben und die Götter, die auf diesen angewiesen sind. Sollten sich die Menschen dazu entscheiden, ihren Schöpfern den Rücken zu kehren, so bleibt den Mächtigen, die über das irdische Leben herrschen, nichts als Frust, Verzweiflung und ein gewisses Gefühl des Versagens. Vorerst lernen wir die Menschen jedoch als unterwürfige Kreaturen kennen, die von ihren einfachen Instinkten in die Verdammnis getrieben werden und sich schließlich gegenseitig an die Gurgel gehen.

American Gods

Das Blut spritzt in den ersten Minuten von American Gods in beachtlicher Menge und Zeitlupe noch dazu. Regisseur David Slade, der sich im Serien-Metier bereits köstlich im Rahmen von Hannibal ausgetobt hat, genießt auch unter dem Dach von Starz sämtliche Vorzüge des Kabelfernsehens, wo Gewalt bis zur Abartigkeit ästhetisiert werden kann, ohne Rücksicht auf etwaige Altersfreigaben zu nehmen. Doch dieser blutrünstige Rausch ergötzt sich nicht bloß am eigenen Ekel, sondern dient als nahrhafter Boden für die Geschichte, die im Anschluss folgt, nämlich die Geschichte des Sträflings Shadow Moon (Ricky Whittle). Haben Bryan Fuller und Michael Green erst einmal ihre monströse Welt vorgestellt und gezeigt, zu was für unfassbaren Taten der Mensch im Angesicht der Götter fähig ist, so wirkt die Einführung des Protagonisten von American Gods wie ein betäubter Gang durch die monotonen Hallen eines Gefängnisses, in dem die Gleichgültigkeit regiert.

Selbst wenn auch hier die Anzeichen von Gewalt deutlich spürbar sind und der Tod hinter jeder Ecke lauert, bewegt sich Shadow Moon wie ein teilnahmsloser Gast durch das Gelände, der vergessen hat, was er eigentlich hinter all den grauen Gittern und Wänden zu suchen hat. Tatsächlich gehört Shadow Moon nicht mehr lange an diesen trostlosen Ort, denn bereits in wenigen Tagen steht seine Entlassung bevor. Dann spielt ihm allerdings das Schicksal einen Streich, indem es ihn gleichermaßen mit Glück und Unglück beehrt, wobei letzteres deutlich überwiegt: Entgegen der gerichtlichen Auflage darf er seine Zelle früher verlassen als geplant - der Grund dafür ist aber ein verheerender, denn Shadow Moons Frau Laura (Emily Browning) ist soeben bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Eine unbeschreibliche Ungerechtigkeit liegt in der Luft und nicht lange soll es dauern, bis sich Shadow Moon an Hiobs Stelle wiederfindet und seine Existenz klagend in Frage stellt.

Im Gefängnis hat er sich in einen anderen, in einen neuen Menschen verwandelt, der nach Hause zurückkehren und all das wiedergutmachen wollte, was er in den letzten drei Jahren versäumt hat. War Shadow Moon eine gefühlte Ewigkeit isoliert von allem Übel dieser Welt, bekommt er nun die geballte Ladung Leid zu spüren, die er die ganze Zeit über verpasst hat. Wo sind die Götter, wenn man sie braucht? Shadow Moon soll schneller Bekanntschaft mit ihnen machen, als ihm lieb ist. Auf den Weg zur Beerdigung seiner Frau trifft er auf einen zwielichtigen Mann, der sich als Mr. Wednesday (Ian McShane) vorstellt, damit jedoch sicherlich nicht seine komplette Identität verraten hat. Besagter Mr. Wednesday verfügt über eine bemerkenswerte Menschenkenntnis und befindet sich offenbar auf einer wichtigen Mission. Was ihm allerdings fehlt, ist ein Chauffeur, der ihn durch die Gegend kutschiert. Shadow Moon erhält ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.

American Gods

Genauso wie der Protagonist der Geschichte wissen wir Zuschauer nicht, worauf wir uns mit American Gods einlassen. Eine feindselige Stimmung, die vor allem Ungewissheit versprüht, breitet sich fortwährend aus. Zum Glück lässt sich die Pilot-Episode vom raschen Tempo vergleichbarer Artgenossen nicht beeindrucken, sondern schreitet sorgsam beobachtend voran. Alleine das erste Gespräch zwischen Shadow Moon und Mr. Wednesday bietet sowohl den Schauspielern als den Figuren unglaublich viel Raum zur Entfaltung, obgleich sich alles in einer kleinen Flugzeugkabine abspielt, die zudem von einem unerbittlichen Gewitter ständig in Unruhe versetzt wird. Alleine die Kulisse fördert die Anspannung zwischen den beiden Gesprächsteilnehmern, die sich langsam zueinander vortasten, ehe sie nach und nach ihre Karten aufdecken. Auch später bleibt diese Intensität in den Unterhaltungen zwischen den verschiedenen Figuren erhalten.

Abseits der umfangreichen Dialogpassagen lässt sich American Gods hingebungsvoll von seinem fantastischen wie eigenwilligen Setting treiben. Auf den Prolog, der viele Jahrhunderte in der Vergangenheit angesiedelt ist, folgen faszinierende Traumwelten, die durch ihrer Gestaltung jeglichen Atem rauben und einen Vorgeschmack auf das liefern, was uns in dieser Serie alles erwartet. Es ist ein bisschen so, als hätte sich die visuelle Kraft aus The Fall mit Neil Gaimans göttlicher Abenteuergeschichte vereint: Wo eben noch ein Büffel mit brennenden Augen direkt aus der Hölle gekrochen kam, erstrahlen im nächsten Moment die Sterne des Himmels in allen erdenklichen Farben, während die Wurzeln der Bäume in einem Meer aus Knochen und Schädeln verschwinden. American Gods ist in ihrem Eigensinn eine überaus ambitionierte, ja vielleicht auch fordernde Serie und könnte sich in den nächsten Wochen ein ein prächtiges Götter-Monstrum verwandeln.

American Gods ist ab heute, dem 30.04.2017, auf Starz in den USA zu sehen. In Deutschland zeigt Amazon die einzelnen Episoden jeweils einen Tag nach Erstausstrahlung.

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