Aufreger der Woche

Deutsches Breaking Bad - Mit ZDF seht ihr doppelt

"Deutsches Breaking Bad" zu wörtlich genommen
© AMC/moviepilot
"Deutsches Breaking Bad" zu wörtlich genommen

“You mustn’t be afraid to dream a little bigger, darling” wurde Joseph Gordon-Levitt in Inception ans Herz gelegt. Ein Rat, den der ZDF-Chef nicht nötig hat. Wenn sich Norbert Himmler abends in sein Rundfunksteuer subventioniertes Bettchen legt, sprudelt er förmlich über vor “Big Dreams”: “Mein Ziel ist es, dass unsere fiktionalen Programme die Referenz für den europäischen Markt sind.” Da könnte sich selbst Tom Hardy noch eine Scheibe abschneiden. Aber ob diese hoch gesteckten Ziele mit einer aufgewärmten Kopie einer längst abgeschlossenen US-Serie zu erreichen sind? Ein Aufreger der Woche über hohe Ziele und erschütternd tief angesetzte Serienformate.

Der ZDF-Chef hat nach mehrjähriger Entwicklungsphase (denn gut Ding will bekanntlich Weile haben…) angekündigt, mit ihren neuen Serienformaten ambitioniertere Wege zu gehen (moviepilot berichtete). Formate mit komplexeren Charakteren und sogenannten horizontal erzählten Geschichten. Im gemeinen Fanmund ist dies schlicht als Folgen-übergreifende Handlungsstränge bekannt, welche wir aus dem Ausland seit Jahrzehnten kennen und lieben, mit denen sich die Sender hierzulande aber immer noch ungemein schwer tun. Eine davon ist Morgen hör ich auf, eine Miniserie mit Bastian Pastewka, der darin einen arbeitslosen Grafiker spielt, der seine Fertigkeiten nutzt, um seine Familie durchzubringen und beginnt, in seinem Reihenhaus Falschgeld zu drucken. Eines Tages steht jedoch die Mafia vor seiner Tür.

Lieber schlecht geklaut als…
Liebes ZDF, als wir nach einem "deutschen Breaking Bad verlangten, da meinten wir eigentlich, dass ihr euch an den US-amerikanischen Serienmachart orientieren sollt. Ihr euch deren Qualität, Komplexität und erzählerische Tiefe erarbeitet, indem ihr Writer’s Rooms etabliert, komplexere Geschichtsschreibung, Figurenzeichnung und neue Ideen zulässt. Die Erprobung des Showrunnerkonzepts wäre ebenfalls eine Überlegung wert. Vielleicht sogar frischen Talenten eine Chance geben. Aber wir sprachen nicht davon, Breaking Bad zu “sweden”, erst recht nicht zu “schlanden”. Nicht davon, den Weg des geringsten Wiederstandes zu gehen, indem ihr das Konzept einer der erfolgreichsten Dramaserien einfach recycelt.

Die Zeiten, als in Deutschland noch versucht wurde, mit offensichtlichen, billig produzierten Serienkopien ein Stück vom Kuchen abzubekommen, sind eigentlich längst vorbei. Wer erinnert sich noch an Hilfe, meine Familie spinnt, einer peinlich genauen Nachstellung nach den originalen Eine schrecklich nette Familie -Drehbüchern? Verschollen hieß das deutsche Lost, gedreht im Studio zwischen Plastikpalmen. Aus The West Wing wurde Kanzleramt. Allen drei Serien wurde aus offensichtlichen Gründen kein Erfolg beschieden. Aber zumindest waren sie authentisch in ihrem Bestreben, erfolgreiche Vorbilder auf billigste Art und Weise zu kopieren. Morgen hör ich auf dagegen wird vom ZDF-Chef Himmler so gnadenlos verzerrt, dass ich nicht weiß, ob man ihn nun in eine Zwangsjacke stecken oder zum Heilsbringer erklären soll. Die Serien, welche unter ihm entwickelt werden, sollen "Referenz für den europäischen Markt“ werden. Er wolle “Programm machen, das nicht nur Erwartungen erfüllt, sondern darüber hinaus positiv überrascht.” Sollte Morgen hör ich auf es zur Referenz für den europäischen Serienmarkt schaffen, wäre das wirklich eine Überraschung.

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goodspeed alias Orlindo liebt, lebt, hört, fühlt und atmet Filme. Er arbeitet als Online- und Videoredakteur für eine Filmproduktionsfirma und betreibt mit ANIch das einzige (lesenswerte?) deutschsprachige Blog zum Thema Animation und VFX.
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Ab 22. August im Kino!Good Boys
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