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Aktion Lieblingsmonster

Frankensteins Monster und das Monster Dr. Frankenstein - Eine kleine Hommage

19.10.2016 - 09:00 Uhr
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In sturmumtoster Nacht zum Leben erwacht - Frankensteins Monster
© Universal/moviepilot
In sturmumtoster Nacht zum Leben erwacht - Frankensteins Monster
1818 veröffentlichte Mary Wollstonecraft Shelley mit "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" einen der ganz großen Klassiker der Horrorliteratur. Knapp 100 Jahre später entstand die erste Verfilmung des Stoffes, 1931 dann die erste Tonfilmfassung, die zum Genre-Meilenstein avancierte und meine Leidenschaft an der Geschichte um den künstlich erschaffenen Menschen weckte.

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Aktion Lieblingsmonster.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Premiere des Films, es muss meinen Erinnerungen nach Mitte der 80er Jahre gewesen sein, sah ich den Frankenstein-Film mit Boris Karloff zum ersten Male, Jahre bevor ich schließlich den Roman las. Sowohl das Original wie auch die zwei Fortsetzungen ("Frankensteins Braut" (1935) und "Frankensteins Sohn" (1939)) entfachten meine Liebe zum Genre des Horrorfilms und zu den alten Universal-Klassikern. Zweifellos lag dies zum großen Teil am Hauptdarsteller, nicht dem titelgebenden Schöpfer des Monsters, sondern dem Monster selbst, kongenial verkörpert von Boris Karloff, der der Figur Schrecken, aber auch eine zutiefst tragische Note verlieh. Noch heute, wenn ich die Augen schließe und an "Frankensteins Monster" denke, sehe ich unweigerlich Boris Karloff in dieser Rolle vor mir. Selten sind Darsteller und Figur solch eine Symbiose eingegangen. Fast drei Stunden dauerte es, bis sich Karloff unter den Händen von Maskenbildner Jack Pierce in jenes Monster verwandelte, das optisch zwar nicht der Romanvorlage entsprach, aber trotzdem als Blaupause für spätere Umsetzungen des Stoffs diente. Doch selbst die maskenbildnerische Meisterleistung wäre nur eine Randerscheinung gewesen, wäre es Karloff nicht gelungen, mit seiner nuancierten Schauspielkunst meinem Lieblingsmonster eine Tiefe fernab jeder Schwarz-Weiss-Malerei zu verleihen.

Der künstlich geschaffene Mensch handelt zu Beginn wie ein unschuldiges Kind mit dem Antlitz eines Monsters, in die Welt hinausgestoßen, unverstanden, verzweifelt auf der Suche nach Menschen, die es verstehen, die sich nicht vor Abscheu von ihm wenden. Wie bedauernswert diese Kreatur ist, zeigt sich im Film beispielsweise in jener Szene, in der der Freiheitsdrang und die Sehnsucht nach Leben offenkundig werden. Symbolisiert wird dies relativ schlicht und doch genial durch die einfallenden Sonnenstrahlen, nach denen das Monster seine Hände ausstreckt. Im nächsten Augenblick schließt sich die Luke zur Freiheit, die Sonnenstrahlen erlischen, hüllen das Szenario in düsteres Schwarz, die Hände sinken schlaff herunter, der fragende Blick nach dem Warum bleibt unbeantwortet.

Recht, Ordnung oder Moral sind keine Maßstäbe innerhalb des Horizonts der Kreatur. Letztlich ist es ein Geschöpf, zurückgeworfen auf seine Urinstinkte und ein Wesen ohne Wissen um gesellschaftliche Normen und Wertvorstellungen. Das Monster sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit in einer ihm feindlich gesinnten, fremden Welt, scheitert aber an einer nicht stattgefundenen Sozialisation. Die Kreatur hat keinen Namen, keine Identität, erst aus den gewonnenen, zumeist schlechten Erfahrungen, kristallisiert sich allmählich ein Individuum heraus. Die äußere Hässlichkeit des Wesens kehrt sich aufgrund der Ablehnung nach innen, die kindliche Reinheit verwandelt sich in Wut, Hass und Rachegefühle, da ihm essenzielle Dinge und Bedürfnisse des menschlichen Lebens verwehrt bleiben. Ursächlich hierfür ist sein Vater, Victor Frankenstein, ein narzisstisches Genie, von Wissensdurst getrieben, allerdings mit soziopathischen Zügen ausgestattet. Sein Handeln, das als Versündigung an der Schöpfung Gottes interpretiert werden kann, gleichzeitig aber auch den Aufbruch in die Moderne symbolisiert, zeigt, dass er sich der Folgen seines Experiments zu keinem Zeitpunkt bewusst ist. Frankenstein stellt sich nicht seiner Verantwortung als Vater und genau dies ist der Ausgangspunkt des Unglücks, welches über ihn hereinbricht.

Wenn also Dr. Frankenstein im Roman vielleicht noch kein "menschliches Monster" gewesen sein mag, so war er es spätestens in den Verfilmungen der englischen Hammer-Studios in den 50er bis 70er Jahren, ein ewig scheiternder Wissenschaftler fernab von Empathie, moralisch verkommen, nur seinem Ziel, Leben zu erschaffen verpflichtet und damit erschreckender als jede von ihm geschaffene Kreatur. Wie schwer die Trennung von Schöpfer und Schöpfung eigentlich ist, wird daran deutlich, dass der Name "Frankenstein" oft sowohl für das eine wie das andere stand. Anknüpfend hieran stellt sich bei genauerer Betrachtung ohnehin die Frage, ob eine strikte Trennung sinnvoll erscheint. Wer ist das eigentliche Monster? Der verantwortungslose, von falschem Ehrgeiz getriebene, schlechte Vater oder seine aus den Fugen geratene Schöpfung? Eine gewisse Faszination geht jedenfalls von beiden aus und bringt mich zu der Antwort auf die Frage, warum nun Frankenstein respektive seine Schöpfung mein Favorit unter all den Monstern ist.

Nun, die Kreatur ist im Literaturklassiker zweifellos deutlich komplexer angelegt als in vielen Verfilmungen der Romanvorlage. Sich vor einem Monster zu fürchten, ist keine große Kunst, Mitleid zu verspüren schon eher. Dies gelingt dem Roman vorzüglich und den besten Interpretationen des Stoffes auf der Leinwand auch. Nicht genug, sollte die Geschichte auch auf einer Metaebene, als Teil eines komplexeren Überbaus funktionieren und losgelöst von Ort und Zeit der Handlung, eine Übertragung in andere Zusammenhänge ermöglichen. Frankensteins Monster ist somit auch Ausdruck der Suche des Menschen nach der perfekten Schöpfung, dem Wunsch, besser als die Natur, für Gottgläubige besser als Gott selbst zu sein. Zur Entstehungszeit des Romans ein frevelhaftes Vorhaben, heute im Zeitalter der Genforschung längst Realität. Und genau deshalb ist die 200 Jahre alte Geschichte nach wie vor von beunruhigender Aktualität. Die Sehnsucht der Wissenschaft nach dem perfekten Menschen, ist sie Traum oder Alptraum? In "Frankenstein" wird diese Frage eindeutig beantwortet. Der Idealist scheitert tragisch, weil er ohne Verantwortung nur im Glauben an das Gute seiner Tat handelt. Und was gibt es Schlimmeres, als unter solchen Vorzeichen zu scheitern? Frankensteins Monster ist ein Mythos, der Mythos von der Suche nach Perfektion in einer unperfekten Welt.

Nachdem nun der Herbst angebrochen ist, die Blätter fallen, die Tage kürzer und das Wetter schlechter wird, verspüre ich sie, die wiederkehrende Lust, in die romantisch-gotische, unheilvolle Welt der Mary Shelley zurückzukehren, in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele einzutauchen und ihn wieder zu erleben, den wonnigen Grusel von "Frankenstein" in Literatur und Film. "It`s alive". Was? Meine Leidenschaft für "Frankenstein"!

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Sponsoren der Aktion Lieblingsmonster:

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