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Mein Herz für Klassiker

Ich, Stalker & eine Reise ohne Ziel

10.08.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Stalker
© Icestorm Entertainment
Stalker
Science-Fiction mag ich, solange ich zurückdenken kann. Wir kennen ja alle die Art von Filmen, die Hollywood auf diesem Gebiet so dreht. Stalker von Andrei Tarkovsky ist das glatte Gegenteil der Science-Fiction, die wir normalerweise im Kino sehen.

An Andrei Tarkowski scheiden sich die Geister, selbst im moviepilot-Team. Die einen können mit seinen Filmen rein gar nichts anfangen und finden sie bloß sterbenslangweilig. Die anderen stufen sie als Meisterwerke der Kinogeschichte ein. Fest steht lediglich, dass alle sieben Spielfilme des leider viel zu früh verstorbenen sowjetischen Regisseurs alles andere als leichte Kost sind. Mit seinen eigenwilligen, bildgewaltigen, ja beinahe metaphysischen Inszenierungen macht es Tarkovsky uns nicht einfach, lässt aber gleichzeitig viel Spielraum für Interpretationen. Der Science-Fiction-Film Stalker aus dem Jahr 1979 gehört zu diesen bedeutungsschwangeren Werken und stellt nebenbei die letzte Arbeit des Regisseurs in der Sowjetunion dar, bevor er seiner Heimat für immer den Rücken kehrte.

In der Regel folgt an dieser Stelle eine Zusammenfassung des Inhalts. Doch wie lässt sich ein Film resümmieren, der keine klare Handlung hat? Wann und wo die Geschichte spielt, erfahren wir nicht genau. Wir wissen lediglich, dass er in einer Stadt spielt, die am Rand der ‘Zone’ liegt. Der Vorspann informiert uns in einem Text darüber, dass in diesem Gebiet seltsame Dinge geschehen. Keiner kann den Grund dafür so recht nachvollziehen, aber die Zone wird deshalb vom Militär fast hermetisch abgeriegelt. Dennoch zieht es immer wieder Abenteuerlustige in das Areal. Im Film heißen sie ‘Stalker’. In gewissem Sinne sind sie sowohl Pfadfinder als auch Reiseleiter. Die Stalker verdienen sich illegal ihren Lebensunterhalt mit Führungen durch die Zone.

Unser Fremdenführer (Aleksandr Kajdanovsky) ist Vater einer kranken Tochter (Natasha Abramova) und kann es kaum aushalten, seiner Frau (Alisa Freyndlikh) und der Tristesse der Stadtexistenz zu entfliehen. Er bietet seine Dienste zwei Kunden an, die im Film schlicht ‘Professor (Nikolai Grinko) und ’Schriftsteller’ (Anatoli Solonitsyn) genannt werden. Aus verschiedenen Beweggründen wollen diese beiden Männer unbedingt in die Zone. Der Legende nach gibt es dort einen Ort, an dem die sehnlichsten Wünsche in Erfüllung gehen. Dem Schriftsteller ist seit geraumer Zeit seine Inspiration abhanden gekommen, während der Professor das Gebiet vernichten will, um dessen möglichen Missbrauch zu verhindern. Im Laufe ihrer Expedition begeben sich die drei Abenteurer nicht nur auf eine äußere, sondern auch auf eine innere Reise. Wohin wird sie ihr risikoreicher Trip durch die eigensinnige Zone letztlich führen?

Warum ich Stalker mein Herz schenkte
Die Gründe für meine eigene Begeisterung für Stalker liegen primär auf der audiovisuellen Ebene. Tarkovsky versteht es wie kaum ein Zweiter, mit vermeintlich geringen Mitteln ein cineastisches Meisterwerk zu kreieren. Einige mögen sich dabei ertappen, wie sie bei seinen Filmen einnicken, denn Tarkovsky ist in punkto Inszenierung der Antipode des modernen Hollywood. Seine Werke entfalten sich gemächlich. Aus heutiger Sicht beinhalten sie nur eine geringe Anzahl an Schnitten und die Kameraführung ist beinahe statisch. Sekundenlang hält Tarkovsky die Linse auf das gleiche Motiv, in der Regel etwas aus der Natur. Manchem Zuschauer werden diese Einstellungen sicher wie Jahre vorkommen, aber genau das macht den Regisseur aus. Er sieht genau hin. Seine Liebe zum Detail ist unvergleichbar.

Warum auch andere Stalker lieben werden
Bildlich gesprochen mag Tarkovsky einfache Kontraste. Das wird besonders in der ersten Hälfte des 163 Minuten langen Films deutlich. Der Anfang ist komplett in schwarz-weiß gehalten. Farbe kommt erst ins Spiel, als die Reisenden endlich in der Welt der Zone angekommen sind. Ob dieser krasse Gegensatz nun Tarkovskys künstlerische Intention war oder nicht, er funktioniert auf jeden Fall grandios. In der Sowjetunion der 1970er kam es häufiger zu Engpässen beim Farbfilmmaterial. Deshalb sind zum Beispiel auch Teile des bekannten Revolutionswesterns Verraten und verkauft von Nikita Mikhalkov in schwarz-weiß. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Anfang von Stalker farblos erscheint. Es ist nämlich bekannt, dass Tarkovsky Teile des Films nachdrehen musste, weil sie durch ein Feuer zerstört wurden. Der Soundtrack zu Stalker von Eduard Armetiev ist ebenso minimalistisch. Die spartanisch eingesetzten Synthesizerklänge aus der ersten Hochphase der elektronischen Musik bilden die perfekte Ergänzung zur sonstigen Geräuschkulisse der Zone. Je nach vorliegender Fassung des Films existieren dabei sogar zwei leicht unterschiedliche Versionen des Soundtracks, die aber beide ihre Daseinsberechtigung haben.

Warum Stalker einzigartig ist
Stalker besitzt keinen konventionellen Plot. Ich würde den Film wohl eher als eine Art Reise beschreiben, bei der für den Zuschauer am Ende mehr Fragen offenbleiben als ihm Antworten geliefert werden. ‘Der Weg ist das Ziel.’ Dieser Gemeinplatz drückt vielleicht am besten aus, was Stalker repräsentiert. ‘Am Anfang war das Wort.’ Das gilt eigentlich für jeden Film von Tarkovsky, obwohl seine Filme recht wortkarg daherkommen. Der Regisseur zitiert trotz alledem in seinen Werken gerne die Gedichte seines berühmten Vaters Arseny, der zu den bedeutendsten russischen Poeten des 20. Jahrhunderts zählt. Neben dessen Gedichten setzt Andrei Tarkovsky bei Stalker auf ein Kapitel aus Picknick am Wegesrand, einen Roman der Brüder Arkadi Strugatsky und Boris Strugatsky, als lose Vorlage für seinen Film. Am Ende eines dreijährigen Hin und Hers zwischen Tarkovsky und den beiden Autoren stand eine eigenständige Erzählung namens Die Wunschmaschine. Je nachdem, wem wir Glauben schenken dürfen, verfassten die Strugatskys sieben bis neun Drehbuchfassungen. Tarkovsky mochte aber nur die letzte von ihnen und verfilmte diese schließlich.

Warum Stalker die Jahrzehnte überdauerte
Es gibt Kritiker, die Stalker als Parabel über die UdSSR lesen. Bis zu einem gewissen Grad trifft das sicherlich zu. Doch der Film ist so viel mehr als das, gerade weil Tarkovsky es sich nicht anmaßt, eine eindeutige Interpretation vorzugeben. Ist die Zone nun ein Heilsbringer oder verschlingt sie die, die an ihre mythische Kraft glauben? Am Ende der Reise kehren wir mit wenig klaren Erkenntnissen aus dieser Welt zurück. In der Realität existieren Landschaften wie die der Zone im postsowjetischen Russland noch immer. Ich habe sie vor wenigen Jahren mit eigenen Augen gesehen. Sie sind gleichermaßen schön wie verstörend, Reste von industriellem Ausschuss inmitten von Wildwuchs. Wer wird die Oberhand behalten, Mutter Natur oder das von Menschenhand Erschaffene? Wie in seinen anderen Werken, benutzt Tarkovsky in Stalker häufig reflektierende Oberflächen. Womöglich möchte er damit seinem Publikum einen Spiegel vorhalten. Wir sollen uns selbst darin betrachten und selbstkritisch hinterfragen.

Was meint ihr zu Stalker?

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