Interview zum Kinostart

Mademoiselle Chambon - einfach, aber voller Gefühl

Mademoiselle Chambon
© Arsenal Filmverleih
Mademoiselle Chambon

Nach Man muss mich nicht lieben erzählt der französische Regisseur Stéphane Brizé in seinem vierten Spielfilm erneut von einem Mann, der aus seinem eintönigen Leben gerissen wird. Das Drama Mademoiselle Chambon handelt vom herzensguten Jean (Vincent Lindon), der bisher stets die ihm zugewiesene Rolle im Leben erfüllte: als tüchtiger Handwerker, vorbildlicher Sohn, guter Vater und vorzeigbarer Ehemann. Sein ruhiger Alltag zwischen Familie und Arbeit gerät völlig durcheinander, als er eines Tages Véronique Chambon (Sandrine Kiberlain), der Lehrerin seines Sohnes, begegnet. Jean, ein eher wortkarger Mensch, tritt in eine ihm vollkommen unbekannte Welt ein. Es werden Gefühle in ihm wach, die er bislang so nicht kannte.

Stéphane Brizé formte aus der Romanvorlage von Eric Holder ein Drehbuch, das das schon unzählige Male verfilmte Dilemma zwischenmenschlicher Beziehungen thematisiert: Es geht um die Spannung zwischen dem eingerichteten und nicht einmal vollkommen unbefriedigenden Leben und der neuen, aufregenden Liebe zu einem anderen Menschen. Im Interview erzählt uns der 44-jährige Regisseur, was ihn zu Mademoiselle Chambon inspiriert hat und was er mit dem Film aussagen will.

Wie kamen Sie auf die Geschichte?
Stéphane Brizé: Florence Vignon, meine Koautorin, begeisterte mich vor ungefähr zehn Jahren für das Buch von Eric Holder. Ich las und liebte es, aber zu der Zeit konnte ich es noch nicht verfilmen. Ich hatte noch zuwenig Erfahrungen gesammelt, als Mensch und auch als Filmemacher, um wirklich zu verstehen, was die Hauptfigur durchmacht. Das Leben sorgte dafür, dass ich jetzt soweit war!

Das ist eine sehr einfache Geschichte. Warum brauchten Sie das Buch für Ihr Szenario?
Stéphane Brizé: Ein Maurer, verheiratet mit einer Frau, die er liebt, verliebt sich in die Lehrerin seines Sohnes. Das ist wirklich eine einfache Geschichte. Es ist auch nicht die Handlung, die mich fesselte, sondern mehr die Art, in der Eric Holder die Gefühle dieser einfachen Menschen übersetzt. Mit seinen erzählerischen Fertigkeiten spricht er über diese Menschen in einer Leichtigkeit und Emotionalität, die mir zu sagen schien: „Das musst du verfilmen, damit musst du dich auseinandersetzen.“ Mit Florence Vignon machte ich mich ans Adaptieren des Buches. Letztendlich haben wir das Buch aber nicht adaptiert. Ich schickte das fertige Drehbuch an Eric Holder, und er antwortete mit einem sehr schönen Brief: „Es ist weniger eine Adaption als eine Fortsetzung, eine Anreicherung, die Enthüllung des Gefühls, das der Roman vermitteln wollte.“

Wollten Sie nicht mit dem Autoren zusammen arbeiten?
Stéphane Brizé: Nein. Für mich war der Roman eine Inspiration. Wie ein Parfüm oder ein Bild, das ein Gefühl hervorruft. Das Buch von Eric Holder war ideal zum „Benutzen“, da es keine komplizierte Handlung hat. Es gibt die inneren Stimmen der Charaktere inmitten einer sehr einfachen Geschichte wieder. Und so habe ich mit Florence Vignon nicht nur die Handlung aus der Sicht von Jean weiter geführt – im Roman ist die Lehrerin viel stärker im Zentrum – wir haben auch zumindest den dritten Teil neu entwickelt.

Der Film endet also nicht wie das Buch?
Stéphane Brizé: Ja, da die Charaktere dieselben Emotionen erfahren wie im Roman, aber auch nein, da dieses Ende völlig anders konstruiert wurde. Ich glaube, man muss manchmal ein Buch „betrügen“, um das literarische Gefühl genauer in eine Kino-Emotion verwandeln zu können. Unsere erzählerischen Mittel sind so unterschiedlich, dass eine wörtliche Umsetzung oft ein Fehler ist. Auf jeden Fall war das bei diesem Roman so. Wir müssen ja nicht verallgemeinern.

Jean erfährt, wie die anderen Hauptcharaktere Ihres Films, ein Bewusstwerden seiner selbst. Hat er sein Leben verpasst?
Stéphane Brizé: Jedes Mal, wenn sich eine Geschichte in meinem Kopf entwickelt, baut sie sich um eine Selbsterkenntnis und eine zu treffende Wahl herum auf. Aber Mademoiselle Chambon unterscheidet sich von meinen vorherigen Filmen: So sehr, wie die Figuren meiner anderen Filme von einer großen Traurigkeit geprägt waren, so wenig ist Jean zu Beginn des Films unglücklich. Jean ist, wie wir alle, das Resultat seiner Erziehung, eines Milieus mit eigenen Regeln und Prinzipien. Er führt ein einfaches Leben, aber das scheint ihn nicht zu belasten. Natürlich spürt er die Last der alltäglichen Routine – wie kann man der entkommen? –, aber er ist nicht zu Tode gelangweilt. Da ist nur sehr viel in ihm selbst, das er gar nicht kennt, und das bringt eine glückliche Begegnung ans Licht, während gleichzeitig alle seine Sicherheiten ins Wanken geraten.
Jeans Alltag zu filmen war für mich im Vergleich zu meinen anderen Filmen sehr schwierig, da ich zum ersten Mal glückliche Menschen drehen sollte. Auf jeden Fall Menschen ohne Spannungen oder echte Not. Ich habe keine Angst davor, Konflikte zu filmen, da ich deren Mechanik beherrsche und sie ja etwas Spektakuläres haben. Aber etwas Harmonisches zwischen zwei Menschen zu drehen, ohne die Zuschauer zu langweilen und gefühlsduselig zu werden, das beunruhigte mich. Um das zu schaffen, musste ich einfach damit aufhören, Angst davor zu haben, dass etwas zu gut läuft.

Welche Aussage hat der Film?
Stéphane Brizé: Ich will keine Aussagen verbreiten, sondern Geschichten erzählen, die die Zuschauer bewegen. Dann können die Leute nach Überstimmungen mit ihrem Leben suchen und sich vielleicht wenigstens eine Frage stellen. Aber sie entscheiden, welche. Ich schaue, ich beobachte und schreibe auf. Jean ist ein Mann, der sich mit Worten und dem Ausdruck von Gefühlen unwohl fühlt. Deshalb ist es interessant und bewegend zu sehen, wie er angesichts dieser überwältigenden Gefühle und des daraus resultierenden Dilemmas reagieren wird. Gehen oder bleiben, das ist die Wahl, die er treffen muss – mit allen guten Gründen, die einen Menschen dazu bewegen, sich so oder so zu verhalten. Ich bewerte das natürlich nicht, sondern beobachte aufs Aufmerksamste die Qualen, die diese außergewöhnliche Situation hervorruft. Und sie ist natürlich außergewöhnlich für Jean.

Mademoiselle Chambon ist ab dem 12. August 2010 im Kino zu sehen, wo, das könnt Ihr in unserem Kinoprogramm nachlesen.

Mit Material vom Arsenal Filmverleih

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