Tatort Kritik

Tatort - Zum Jubiläum gibt's ein Wunder in Wolbeck

25.11.2012 - 21:45 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Ich komm dich besuchen, jedes Wochenende!
© WDR/ARD
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Zum zehnjährigen Jubiläum schickt der WDR sein Münsteraner Tatort-Team aufs Land. Dort müssen Thiel und Boerne gefräßigen Ziegen, zeugungsunwilligen Bullen und schweigsamen Bauern die Wahrheit über den Mord an einem Heilpraktiker entlocken.

Der letzte Tatort aus Münster markierte einen qualitativen Tiefpunkt für das Team um Frank Thiel (Axel Prahl) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers). Insofern waren Sorgen im Vorfeld des zehnjährigen Münster-Jubiläums durchaus angebracht. Tatort: Das Wunder von Wolbeck ist zwar alles andere als ein perfekter Krimi, dessenungeachtet betört er mit seiner ländlich-skurrilen Atmosphäre und einer verstärkten Konzentration auf den eigentlichen Fall. Dass Boernes Exzentritäten diesmal auch nicht vor Tieren halt machen, dürfte wiederum die Münster-Fans bei Laune halten.

Lokalkolorit: Statt der urigen Gassen Münsters müssen wir nun mit dem flachen Land Vorlieb nehmen, auf dem sich ganz offensichtlich eine Fehde an die andere reiht. Dort kreuchen eifersüchtige Eheleute ebenso herum wie allerhand tierisches Gesindel, das in Verbund mit der Western-lastigen Musik eine ganz eigene, gar nicht mal so Münster-typische Atmosphäre schafft. Anstatt sich ganz auf die nach zehn Jahren ermüdenden verbalen Duelle seiner beiden Hauptdarsteller zu verlassen, investiert Regisseur Matthias Tiefenbacher wieder mehr Kreativität in die sie umgebende Szenerie. Dass diese an den kauzigen Polizeiruf 110: Die Gurkenkönigin aus Brandenburg erinnert, dürfte auch daran liegen, dass beide Fälle aus der Feder von Wolfgang Stauch stammen.

Plot: Ein Heilpraktiker ist bei einem Sturz ums Leben gekommen, doch wer hat ihm geschupst? Seine pillenabhängige Frau scheint zu geschockt, um die Mörderin zu sein. Mit der polnischen Ehefrau vom Hof nebenan verband sie einmal eine Freundschaft. Die Harmonie ist aber längst verflogen in diesen Gefilden, wo Bauern ihre herrischen Mütter nicht loswerden und selbst die Zuchtbullen den Dienst versagen. Der Heilpraktiker wiederum führte ein florierendes Geschäft mit zeugungsunfähigen Damen und Herren aus aller Welt. Angesichts dieses Überflusses an Motiven und Tatverdächtigen sei Boernes aufkeimende Liebe zu einer Ziege, die die Haare des vermeintlichen Täters gemampft hat, gerade noch verziehen. Dass der Tatort ein paar Mal zu oft auf ländlichen Matsch und Mist zurückgreift, um vielfach wiedergekäute Pointen an den Mann zu bringen, fällt schon eher negativ ins Gewicht.

Unterhaltung: An Gaudi mangelts Tatort – Das Wunder von Wolbeck trotzdem nicht, obwohl das Gezänk zwischen Thiel und Boerne (diesmal wegen Spielschulden) zu Beginn etwas erzwungen wird. Es kommt dem Fall zugute, dass die beiden jeweils auf eigene Faust ermitteln, der eine immer unterwegs auf seinem Fahrrad, der andere gemeinsam mit Alberich durch den Morast stapfend. Wie Thiel aus ein paar wortkargen Kneipengesellen nach und nach die Wahrheit herauskitzelt, macht ebenfalls Spaß. Dabei schadet es dem Tatort nicht, dass den Nebenfiguren, obschon sie charakterlich nicht besonders ausgebaut werden, zu genug Kontur verholfen wird, um den beiden Kommissaren Paroli zu bieten.

Tiefgang: Besonders den Konflikten zwischen Milena Kintrup (Julia Krynke), Ehemann Moritz (Stephan Kampwirth) und Schwiegermutter Ruth (Hildegard Schmahl) wird immerhin Luft zum Atmen gewährt. Zwischen all diesen Eltern, die sich danach sehnen, endlich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, wirkt die grantige Mutter, die ihren Sohn auch nach seiner Ehe noch zu kontrollieren sucht, wie eine frische, weil realistische Brise. Für den Münsteraner Tatort, der sich in den letzten Jahren darauf spezialisiert hat, sich selbst zu parodieren, ist das allein schon eine Leistung, die gewürdigt werden sollte. Zwar erscheint die spätere Kindesentführung durch die Frau des Toten (Lina Beckmann) wie eine zwanghafte Injektion von Drama. Wenn der Ehemann des entführten Kindes danach endlich seine Liebe für das kleine Wesen eingesteht, gibt sich der ach so ironisch überspitzte Tatort aus Münster dafür endlich mal wieder menschlich.

Mord des Sonntags: Ein an Mord und Totschlag armer Tatort speist uns mit dem verstorbenen Heilpraktiker ab.

Zitat des Sonntags: “Bisher hab ich nicht gewusst, ob Theo mein Kind ist. Aber als er jetzt weg war, da hat sich das so angefühlt.”

In Topform sind die Münsteraner zwar nicht, aber der Jubiläums-Tatort legt wenigstens den Auto-Pointen-Pilot ab. Oder wie seht ihr das?

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