Terry Gilliams Brazil - Sieh den Traum gefangen im Alptraum

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Wie Superman fliegt Hauptfigur Sam in Brazil mit seinen mächtigen weißen Flügeln durch die vom Sonnenaufgang rötlich gefärbten Wolken. Der Himmel ist sein Reich. Hier kann er für den Rest seiner Tage frei leben. Sein langes, feuerrotes Haar weht im Wind, seine mächtige, silberne Rüstung und sein Schwert glänzen, als er durch die Luft schwebt. Kein Feind kann ihm trotzen, denn Sam ist nicht nur der schönste, sondern auch der mächtigste Krieger. In der Ferne hört er die zarte Stimme einer Frau, die wieder und wieder seinen Namen ruft. Mit langem blonden Haar und in einem weißen Kleid schwebt sie verschleiert hinter den Wolken und wartet darauf, ihn zu empfangen.

Das Telefon klingelt, und Sam Lowry (Jonathan Pryce) wacht in seiner 1-Zimmer-Wohnung auf. Sein Wecker funktioniert nicht, und er ist mehrere Stunden zu spät zur Arbeit. In der abschreckenden Realität von Terry Gilliams dystopischer Satire Brazil ist Sam Lowry kein geflügelter Superman sondern nur ein verunsicherter Durchschnittsbürger und öffentlicher Beamter niedrigen Rangs. Tagtäglich ist er gezwungen, für seine Karriere zu kämpfen. Mit seinem Kollegen Harvey (Charles McKeown) muss er sogar wortwörtlich um seinen Platz auf dem geteilten Schreibtisch kämpfen.

Ein System, so perfektioniert, das kann nur schiefgehen

Sam lebt in Brazil in einer Großstadt, die an Filme wie Metropolis oder Das Kabinett des Dr. Caligari erinnert, mit mächtigen Wolkenkratzern, die endlos in den Himmel zu steigen scheinen, sich um einen schlingen, einen komplett einkesseln und dunkle Schatten werfen. Ein majestätisches und einschüchterndes Bild, das direkt aus dem Kopf eines wahren (vielleicht leicht verrückten) Visionärs kommt. Ein System von Röhren und Kabeln verbindet diese Welt. Jedes Detail dieser Welt wird von einer bürokratischen Gesellschaft kontrolliert, die Empathie unterdrückt und den Sinn des Lebens als Erfolg im Berufsleben neu definiert.

Doch selbst Mitarbeiter hohen Rangs wie Abteilungsleiter Mr. Kurtzmann (Ian Holm) leben in ständiger Besorgnis davor, einen Fehler zu machen. Die Verwaltung dieser Welt läuft über Unterschriften und Unterschriften für die Unterschriften. Auch nur der winzigste Druckfehler im falschen Dokument könnte verheerende Folgen haben. Doch bei einem derart riesigen System sind die Ursprünge der Fehler nur schwer ausfindig zu machen, weshalb die allmächtige Verwaltung mit jedem noch so gravierenden Schlamassel durchkommt. Wer soll sie bestrafen? Sie kontrollieren alles. Sam will in dieser Welt nicht aufsteigen, er will einfach nur raus, und der einzige Ausweg aus dem System ist die Welt der Träume.

Brazil: Terry Gilliams Geschichte eines freien Manns in einer unfreien Welt

Brazil sticht unter den kunterbunten Werken von Monty Python-Mitglied Terry Gilliam durch die Größe seiner Produktion und seine thematische Vielfalt stark hervor. Gilliam bezeichnet Brazil sowohl als den zweiten Film seiner "Imagination"-Trilogie (Time Bandits, Brazil, Die Abenteuer des Baron Münchhausen) als auch als den ersten Film seiner "dystopische Satiren"-Trilogie (Brazil, 12 Monkeys, The Zero Theorem). Extravagante bunte Sets, satirische Gesellschaftskritik, die Verrücktheit einer ungeschickt angeordneten Gesellschaft und der Wunsch, dieser zu entfliehen: Brazil enthält all diese Elemente eines Gilliam-Films in Massen. Als ich den Film das erste Mal sah, war ich hoffnungslos in der majestätischen Extravaganz der Bilder gefangen, und der schwarze Humor, die gut verpackte Satire und die urkomischen Darbietungen von Jonathan Pryce, Ian Holm, Michael Palin, Bob Hoskins und Robert De Niro ließen mich nicht mehr los.

Brazil ist zwar eine Science-Fiction-Dystopie, doch schaut sie nicht unbedingt in eine ferne Zukunft. Die Welt aus diesem Film scheint, als wäre sie die Zukunft, wie sie sich in den 40ern vorgestellt wurde, doch im Jahre 1985 wirkt sie mehr wie Terry Gilliams übertriebene Realität. Mit Gesellschaftskritik vom Feinsten kommentiert er eine Welt, die nur wenig Platz für individuelle Entfaltung lässt und selbst die Flucht in die Fantasie einschränkt. Dennoch ist Brazil kein pausenlos deprimierender Film, da der satirische schwarze Humor die Lächerlichkeit hervorhebt, dass ein solch idiotensicheres Systems dennoch zahlreiche Fehler hervorbringt.

"Der einzige Ausweg" oder "Wenn der Traum zur Realität wird"

Das musikalische Leitmotiv des Films ist Aquarela do Brasil (Aquarell von Brasilien), ein Song, den Sam häufiger im Film hört und auch in seinen Träumen im Hintergrund spielt. Das Lied spricht von einem weit entfernten exotischen Ort, an dem man frei lebt und alles herrlich und wundervoll ist. Ein Ort, den Sam nie erreicht, doch von dem er in Gedanken schwärmt. Die Welt der Träume bleibt sein einziger Ausweg. Er vergöttert den Freiberufler Archibald Tuttle (Robert De Niro), der nichts von Papierkram hält und ohne Formalitäten effiziente Arbeit leistet. Diese Unabhängigkeit und Effizienz machen Tuttle in den Augen der Regierung zu einer Bedrohung des Systems und damit zum Kriminellen, was Sam noch mehr bewundert. Davon inspiriert, versucht sich Sam seinen Verantwortungen zu entziehen und gegen Ende des Films sogar die Regierung auszutricksen. Doch das System ist nur schwer zu täuschen und schon gar nicht zu ignorieren.

Achtung, Spoiler: Im Laufe des Films werden Sams Träume mehr und mehr von der Realität beeinflusst. Wolkenkratzer kommen aus dem Boden hervor und versperren ihm die Flugrichtung. Die unterdrückte Bevölkerung des Systems sind kleine, identische Kreaturen, die tun, was immer ihnen vorgegeben wird, Tuttle wird von Zeitungen gefesselt und bewegungsunfähig gemacht, und die wunderschöne Frau im weißen Kleid ist endgültig unerreichbar. Letztendlich ist Sam selbst im Traum nicht vor der harten Realität sicher, und sein Verstand tut das einzig Verbliebene, um weiter träumen zu können. Er lässt die Realität los und Sam wird zu einer regungslosen Hülle eines Mannes, der dauerhaft in einer Traumwelt lebt. Am Ende ist Sam frei, doch um welchen Preis?

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