Tony Jaa im großartigen Action-Film Lethal Warrior

Lethal Warrior – ab sofort auf DVD und Blu-ray erhältlich
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Meint es gut mit den Menschen.

Mit virtuosen Parallelmontagen und einer für den weiteren Verlauf des Films alles andere als programmatischen Erzählökonomie beginnt Lethal Warrior: Ineinander verzahnte Bilder von Recht und Unrecht, Verbrechen und Verbrechensbekämpfung. Zu sehen ist der gesundheitlich angeschlagene Boss eines Organhandel-Kartells, dessen skrupellose Schergen selbst schwangere Frauen in Container zwängen und nach Thailand verfrachten (wo die Opfer, nachdem man ihnen das benötigte Körperteil entnommen hat, einfach ins Südchinesische Meer geworfen werden). Und zu sehen ist auch der ebendies bekämpfende Einsatzleiter der Hongkonger Polizei, dessen Ziel, das Syndikat mithilfe seines in die Organisation eingeschleusten Neffen auszuhebeln, in greifbare Nähe rückt. Das sind der Plot und seine Spannungsverhältnisse, der Rest ausladende Gefühle. Zwei Stunden, gerahmt von Mozarts Requiem in d-Moll, das jedes noch so unwahrscheinlichste Handlungsdetail emotional dirigiert.

Lethal Warrior heißt eigentlich Saat po long 2 beziehungsweise SPL II: A Time for Consequences. Sein Originaltitel suggeriert eine Verbindung zu KillZone SPL, die der deutsche Verleih wohl deshalb zu kaschieren versucht, weil die Filme keine nennenswerten Gemeinsamkeiten haben. Jacky Wu und Simon Yam kehren zwar aus dem namentlichen Vorgänger zurück, sind aber in neuen Rollen zu sehen: Wu als Polizist, den seine Undercover-Mission erst in die Drogenabhängigkeit und schließlich jenes thailändische Gefängnis treibt, das Syndikatsboss Louis Koo als Unterbringungslager für seine Organspender wider Willen nutzt; und Yam als Polizeieinsatzleiter, der alles an die Befreiung seines Neffen setzt. Die deutsche Titelumbenennung dürfte dabei aber noch einen anderen, ungleich profaneren Grund haben: Tony Jaa, dessen Filmen hierzulande stets ein "Warrior" angedichtet wird, ist als Gefängniswärter zu sehen, der Wu und Yam bei ihrer Flucht hilft – und nebenbei einen Knochenmarksspender für seine an Leukämie erkrankte Tochter sucht.

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Inhaltlich verhandelt der Film das Thema Organspende somit auf mehreren Ebenen. Seine Figuren bringt er ins moralische Dilemma und sich selbst in eine dichotomische Form. Permanent produziert die Verkettung schicksalhafter Zufälle und Fatalitäten hier ungeheure Empfindungen der Protagonisten, die durch Flashbacks oder auch einen plötzlichen Umschwung ins Mythologische noch intensiviert werden. Daraus müssen sich, jedenfalls im HK-Actionkino, zwangsläufig Gefühls- und Körpereruptionen ergeben: Männer, die still vor sich her trauern (in enge Zellen oder Operationssäle gepfercht), aber auch Männer, die das nur über Eskalationen können (etwa in einem brachialen – und besser als in The Raid 2 inszenierten – Gefängnisaufstand). Solche quasi-gefühlspornographische Überhöhung von Konflikten mag man gewöhnungsbedürftig finden, aber genredienlicher Selbstzweck sind Kämpfe und Kugelgefechte dieser selbstzerstörerischen Figuren nicht. Für sie geht es um alles, darunter versucht es der Film gar nicht erst.

Die Gewalt seiner Protagonisten versteht Lethal Warrior als Ultima Ratio: Einen Verzweiflungsakt, weil jede andere Art der Verständigung kläglich scheitert (woraus das Actionkino im Allgemeinen und der Martial-Arts-Film im Besonderen natürlich ihre Legitimation beziehen: das Zerbersten menschlicher Körper als unmissverständlichste Form der Kommunikation). Besonders deutlich wird diese Verzweiflung in den aussichtslosen Bemühungen der Figuren, einander telefonisch zu erreichen. In einer Szene, die den mühsamen Kontaktversuchen zwischen Jacky Wu und der an Leukämie erkrankten Tochter seines Ausbruchshelfers zumindest räumlich schnell ein Ende setzen könnte, laufen die Figuren trotz (oder vielleicht gerade wegen) der auf ihren Smartphones aufgerufenen Erkennungsbilder mehrfach aneinander vorbei. Und überhaupt verfehlen Handys, ob als Medium der Verständigung oder Praxis des Aufspürens, hier auf absurde Weise ihren Zweck. Selbst eine zur Überwindung der Sprachbarrieren von Thai und Kantonesisch eingesetzte Dolmetscher-App hat den sonderbaren Effekt gegenseitiger Entfremdung.

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Die Herausforderung des Films besteht also darin, Figuren und Handlungsstränge zusammenzuhalten, gleichzeitig aber auch von einer Verunmöglichung dieses Zusammenhalts zu erzählen. Im knüppelharten Finale, das Tony Jaa und Jacky Wu zum ausgedehnten Kampf gegen Jin Zhang antreten lässt, nimmt Lethal Warrior den einzig über Brutalitäten herstellbaren Zusammenhang in schwindelerregenden Höhen sogar sehr wörtlich. Es ist der nur bedingt kathartische Schlusspunkt eines Films, dessen Mischung aus Martial Arts, Shootouts und gewalt(tät)iger Melodramatik nicht zuletzt die besonderen Spielarten des HK-Actionkinos würdigt, wenn das auf Zeitlupe gestreckte Heroic Bloodshed eines John Woo auf die Neo-Noir-Tristesse von Johnnie To und seinen Milkyway-Produktionen trifft. Ein Dutzend Filme und beinahe ebenso viele Genres hat es für Regisseur Pou-Soi Cheang gebraucht, um aus den Second-Unit-Fußstapfen von Andrew Lau, Ringo Lam oder Wilson Yip zu treten. Mit Lethal Warrior ist ihm das nach Motorway endgültig geglückt.

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