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Anders als die anderen

Warum ich froh bin, dass es Nintendo gibt

Das flauschigste Spiel des Jahres!
© Nintendo
Das flauschigste Spiel des Jahres!
09.07.2015 - 10:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Eigentlich wollte ich nur über Yoshi’s Woolly World schreiben. Aber je mehr ich über das Spiel nachdachte, desto mehr verallgemeinerten sich die Gedanken. Denn Nintendos neuester Titel ist auf viele Arten exemplarisch für diese Firma.

Auf der diesjährigen Spielemesse E3 verfolgte ich ein paar Live-Übertragungen der Pressekonferenzen von Größen der Spielebranche. Sony, Microsoft, Bethesda, Square Enix, Ubisoft… alle zusammen kündigten so viel an, dass ich noch während jeder einzelnen Präsentation vergaß, was zuvor gezeigt wurde. Beim Zuschauen spürte ich fast körperlich die Distanz, die sich zwischen mir und dieser Industrie aufgebaut hat. Und dann begann das "Live Event" von Nintendo, in dem Muppet-Versionen der Firmenchefs sich in die Helden von Starfox Adventures verwandelten und mich das erste mal während all der Stunden voller Ankündigungen zum Lachen brachte.

"Ich bin froh, dass es Nintendo gibt" war einer meiner Gedanken während Nintendos ungewöhnlicher Präsentation. Der Auftritt war ein kurzes Durchatmen von den anderen Keynotes. Es gab keine Trailer, die im trockenen Stil einer Autowerbung "awesome explosions" anpriesen, als seien diese ein Wert in sich selbst. Es gab keine Trailer, die eine Zukunft versprachen, die es so noch nicht einmal im Ansatz gibt. Es wurden keine Features aufgezählt, als ginge es beim Spiele machen nur darum, eine Checkliste abzuhaken. Nintendo zeigte auf der E3 keine Überraschungen, keine verfrühten Ankündigungen, erzeugte keinen Hype. Sie zeigten einfach nur ein paar Spiele, die in den nächsten Monaten erscheinen.


Von den Wörtern, die mir zum Beschreiben dieser Präsentation dieser Firma durch den Kopf flogen, passen "bescheiden" und "aufrichtig" wohl am Besten. Es hatte Charme und Humor und ebenso wie im Vorjahr fiel zur Beschreibung der Spiele vor allem ein Wort: "Spaß". Wo die anderen Firmen vor allem das Spektakel feierten und das Publikum Gewalt und Zynismus bejubelte, ging Nintendo unbeirrt seinen eigenen Weg, fernab von den Zielgruppen-Analysen der anderen Publisher.

Was ich meine, wenn ich sage, dass ich froh bin, dass es Nintendo gibt, ist, dass ich froh bin, dass es zumindest einen großen Publisher gibt, der sein Publikum noch ernst nimmt. Der ein gewisses Maß an kindlicher Naivität nicht als etwas empfindet, das beim Erwachsen werden des Mediums zurückgelassen werden muss. Der Niedlichkeit nicht ironisch brechen muss.

Handwerkskunst und Niedlichkeit

Die E3 liegt inzwischen schon ein paar Wochen hinter uns und Yoshi's Woolly World  ist erschienen. Wer schon einmal ein Spiel aus der Yoshi-Reihe gespielt hat, wird sich direkt zu Hause fühlen: Herumspringen, Gegner fressen, Eier legen und diese dann auf andere Gegner werfen. Der größte Unterschied ist ein optischer, denn diesmal besteht die Welt und alle ihre Bewohner aus Wolle, Stoff und anderen Bastelmaterialien. Kleine Häkel-Yoshis springen auf kleine Häkel-Shy-Guys, ribbeln sie auf und knäulen aus gefressenen Gegnern neue Wurfgeschosse.

Alles ist so unfassbar niedlich, dass die Niedlichkeit manchmal fast vornüber auf die Nase fällt und Yoshi nicht mehr wie eine Cartoon-Figur, sondern wie ein quengelnder Säugling klingt. Je gedämpfter die Farben bei der Konkurrenz werden, desto heller strahlen eben die Farbtupfer von Nintendo. Zuletzt bewies Splatoon , dass das für seine Stagnation verschriene Shooter-Genre immer noch viel Potential für Innovation und Veränderung bietet. Es fehlt eben nur jemand, der den Mut hat alles in Frage zu stellen und Dinge anders zu machen als bisher.

Schaut! Ein doppelter Regenbogen!

Nun mag Yoshi’s Woolly World nicht Nintendos innovativstes Spiel sein, aber es demonstriert eine andere Stärke: Wie kaum eine Firma beherrscht Nintendo das Handwerkszeug des Videospiele Machens. Jedes Detail ist mit so viel Sorgfalt gestaltet, dass auch 30 Jahre nach dem ersten Super Mario Nintendo immer noch als Lehrmeister für angehende Spieldesigner dienen kann, über Level- und Gamedesign, das Spielenden mehr bietet, als es von ihnen fordert. Nintendos hat seine einfache Philosophie auch über Jahrzehnte weitergetragen und das schlägt sich nicht nur in guten Spielen, sondern auch qualitativ hochwertigen Produkten nieder.

In einer Zeit, in der große Titel wie Assassin's Creed Unity  oder Batman: Arkham Knight  nahezu unspielbar auf den Markt geworfen werden, ist das eine nicht zu unterschätzende Tugend. Wer mit überambitionierten Luftschlössern Hype generiert, der muss sich auch die Kritik anhören, wenn der selbst gesetzte Maßstab nicht erfüllt wird. Auch das meine ich, wenn ich Nintendo "Bescheiden" nenne: Sie machen ein Spiel und machen es mit so viel Hingabe, bis es nahezu perfekt ist. Denn Nintendo respektiert seine Kundschaft.

Keine heile Welt

Leider stimmt das mit dem Respekt aber nicht immer. Nintendo ist ein extrem traditioneller Konzern mit extrem traditionellen Werten. Werte, die gleichgeschlechtliche Beziehungen in ihren Spielen  nicht erlauben oder homosexuelle Charaktere "heilen" wollen. Traditionen, die das Bild vom männlichen Helden  unwidersprochen weitertragen, einfach weil es immer schon so war. Zu all diesen Beispielen gab es breite Kritik und auf all diese Kritik reagierte Nintendo erschreckend ratlos.

Nintendo besteht darauf, dass die drei Helden männlich sind.

Das sind keine Kleinigkeiten, die sich mit "aber sie sind ja sonst so nett" wegwischen lassen. Das sind essenzielle Probleme, die Nintendo ebenso wie den Rest der Branche betreffen. Aber die oft an den Tag gelegte Ignoranz bei Nintendo trifft sogar noch tiefer, weil ihre Spiele viele Fans auf einer persönlichen Ebene ansprechen. Unzählige Menschen haben tief verankerte Erinnerungen mit Nintendo, sind mit ihren Spielen aufgewachsen. Jetzt lässt sie der Konzern im Stich, wie jeder andere auch.

Natürlich sind Bigotterie und Ignoranz Probleme, die sich durch die gesamte Videospiel-Branche ziehen. Sich nur auf den japanischen Konzern zu konzentrieren würde das Ausmaß des Problems verschleiern. Und doch tut es bei Nintendo besonders weh. Eben weil ihr Auftreten so aufrichtig und authentisch wirkt, multipliziert es auch die Wirkung noch einmal – weil viele mit Nintendo etwa eben auch einen Teil ihrer Kindheit verbinden. Sie können sich nicht hinter vorgeschobenen "Sachzwängen" oder Marketing- und Zielgruppen-Analysen verstecken, denn Nintendo macht was sie wollen – und scheitern regelmäßig daran, auf diese Form von Kritik zu reagieren.

Der Mut zu Neuem

An diesen Punkten – mehr Diversität und weniger Diskriminierung – scheitert nicht nur Nintendo, sondern die ganze Industrie. Eine Industrie, die wie im Automatismus Spiel um Spiel auf den Markt wirft. Ubisoft macht jedes Jahr das gleiche Spiel. Activision macht jedes Jahr das gleiche Spiel. EA macht jedes Jahr die gleichen Spiele. Es gibt ein paar große Studios, die sich diesem Rhythmus entziehen, die Mut und Ideenreichtum noch immer verinnerlicht haben. Blizzard vielleicht, oder auch Valve.

Dank Amiibo sind Spielzeugfiguren ein beliebtes Sammelobjekt geworden.


Nintendo wird gerne so dargestellt, als würden sie nur noch von ihrer Nostalgie leben. Zum Teil mag das stimmen: Splatoon  war das erste große, neue Franchise seit Anfang der 2000er Animal Crossing  und Pikmin  erschienen. Dabei wird aber übersehen, dass kaum eine Firma so viele Risiken und Experimente gewagt hat. Ein Handheld mit zwei Bildschirmen! Bewegungssteuerung als primäre Eingabequelle! 3D-Bilder ohne Brillen! Ein Tablet als Controller! Spielzeuge mit NFC-Chips statt einfach nur DLC! Und auch die nächste Konsole NX wird schon als etwas neues, etwas anderes angekündigt  … so anders, dass Nintendo Angst hat, dass die Konkurrenz ihre Ideen stiehlt, wenn sie zu früh zu viel verraten.

Nintendo hat sicher Probleme, an denen sie arbeiten müssen. Auch haben sie ihre Vormachtstellung schon lange verloren und treiben die Branche nicht mehr mit ihren dominanten Konsolen und Marken vor sich her. Dennoch bin ich immer noch froh, dass es Nintendo gibt. Ihre Spiele, ihre Konsolen und vor allem ihre Philosophie und ihr Handwerk. Nintendo ist immer noch immer ein wenig anders, als all die anderen großen Namen. Man muss Nintendo wirklich nicht mögen. Aber wem etwas an dieser Branche liegt, der sollte wertzuschätzen wissen, dass dieses Anders sein noch seinen Platz hat.

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