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Assassin's Creed ist tot & Ubisoft weiß es nicht

Assassin's Creed: Syndicate
© Ubisoft
Assassin's Creed: Syndicate
14.10.2015 - 16:00 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Am 23. Oktober diesen Jahres erscheint Assassin's Creed: Syndicate, aber wen interessiert es? Statt Wirbel, Anspannung und Knistern macht sich eine allgemeine Interessenlosigkeit breit. Es ist an der Zeit, endlich Abschied von der Reihe zu nehmen.

30. November 2014: Ich schloss die Hauptgeschichte von Assassin's Creed Unity ab und fühlte mich mies. Geknickt und gelangweilt flegelte ich mich aufs Sofa, das Notebook auf dem Schoß, die Kaffeetasse auf dem Tisch neben mir. Über der Bildfläche meines TV-Geräts schlichen derweil die Namen aller am Spiel Beteiligter, schwarz auf weiß, mit pathetischer Musik untermalt. An diesem Tage missachtete ich das eigentliche Ritual, andächtig auf die Credits zu starren und das Erlebte zu rekapitulieren. Stattdessen schaute ich mir witzige Bilder im Internet an und schlürfte gelegentlich einen Schluck Kaffee. Ich fühlte mich in die neunte Klasse zurückversetzt, als ich Schillers Kabale und Liebe durchlas und mich um drei Wochen Teenager-Zeit beraubt fühlte. Nur Ulk und Koffein sollten mich an diesem Tage wieder aufmuntern.

2. Dezember 2014: Roboterhaft klickte ich mich durch die üblichen Websites, bis eine überraschende Meldung  meinem Hirn den Befehl gab, die schlaffen Augenlider wieder mit Blut zu füllen. Ich sah das Bild eines vermummten Mannes, der auf einem Schornstein hockend auf die dichten Rauchschwaden Londons schaut. Assassin's Creed. Schon wieder. Vor mir entfaltete sich das erste der Öffentlichkeit preisgegebene Bild des nächsten Teils der Reihe. Alles, was mein Körper hervorbringen konnte, war ein kurzes Schnaufen, welches mich bloß dazu anregte, müßig weiter zu dösen.

Assassin's Creed: Syndicate tauchte zunächst unter dem Namen Assassin's Creed Victory im Netz auf.

Heute: Der Release von Assassin's Creed: Syndicate klopft Tag für Tag etwas lauter an der Tür, findet bei mir allerdings kein Gehör. Die verhaltene Euphorie, die sich trotz anfänglicher Indifferenz ansammelte, als mit Evie Frye der erste spielbare weibliche Charakter der Hauptreihe vorgestellt wurde, hat sich schon lange wieder verflüchtigt. Was sieben Jahre lang einen oberen Platz in meiner persönlichen Winter-Wunschliste bekleidete, ist von einem Schwall anderer Titel ins Bedeutungslose gedrängelt worden.

Jährlich grüßt das Murmeltier

Während ich vor einigen Jahren noch einen Titel wie Assassin's Creed II jubelnd und jauchzend mit offenen Armen empfangen habe, liegt mein Begeisterungslevel bezüglich Syndicate bei Null. Kein Kribbeln im Magen, kein Zucken in den Fingerspitzen, kein gar nichts. Mit Syndicate erwartet uns der neunte Ableger der Hauptreihe, der mit dem altbekannten Gameplay-Gerüst überzeugen will. Dass dies irgendwann mal Freude bereitete, möchte ich gar nicht abstreiten. Das tat das Zähneputzen im Alter von drei Jahren auch.

Assassin's Creed IV: Black Flag erfrischte mit Schiffskämpfen.

Auf Schwertkampf folgt Schleichmission. Auf Schleichmission folgt Verfolgungsjagd. Ich renne, meuchele und verstecke mich. Ich erklimme bedeutsame Bauwerke der Menschheitsgeschichte, das Kolosseum, die Hagia Sophia oder die Kathedrale Notre-Dame, um mich danach theatralisch wie ein Adler in einen Heuhaufen zu werfen. Jedes Mal und immer wieder, wenn auch in einem anderen historischen Gewand. Es ist bedauernswert, dass sich die Macher von Ubisoft im Übergang zur nächsten Konsolen-Generation dazu entschieden haben, jeglichen Mut zum Ausfallschritt, den sie mit dem Serien-Sonderling und kurzweiligen Hoffnungsschimmer Assassin's Creed IV: Black Flag gewagt haben, wieder über Bord zu werfen und den vermeintlich sicheren, geradlinigen Weg zurück zu den ausgedörrten Wurzeln der Serie einzuschlagen. Auf Unity folgt Syndicate. Auf Syndicate folgt die Erkenntnis:

Assassin's Creed ist tot.

Dieser Text, der bereits so muffelig begann, wird nicht optimistischer. Die obige Einsicht mag zwar traurig sein, aber vor allem ist sie unausweichlich und notwendig — nicht nur für uns Rezipienten selbst sondern auch für die vielen Köpfe unter dem Dach Ubisofts, die sich mit Assassin's Creed zunehmend in ein wirres, dichtmaschiges Gewächs verstricken, dessen Wurzeln vielleicht einmal Erfolg sprießen ließen, aber nun so viel Denk- und Arbeitskraft verschlingen, dass allem Anschein nach nicht mehr genug für neue Marken übrig bleibt. Nun könnte ich es mir einfach machen und die "Akte Assassin's Creed" mit einem fettgedruckten schicksalsschweren Satz schließen und zum Verstauben in den Keller pfeffern. Doch ganz zufrieden gebe ich mich nicht, sondern möchte stattdessen noch etwas weiter in der Wunde bohren: Die Assassin's Creed-Reihe ist tot, aber wann ist sie eigentlich gestorben?

Antwortmöglichkeit A: Nach der Unity-Tragödie

Tada, hier ist er: Der Bogen zurück zum 30. November des vergangenen Jahres, jenem frostigen Sonntag, an dem ich Assassin's Creed: Unity beendete und anschließend bereute, so viel Lebensenergie an die Vorfreude auf das Current Gen-Debüt der Serie verschwendet zu haben. Letztendlich war ich wohl selbst Schuld: Ich hatte zu viel erwartet, steckte zu große Hoffnung in diesen Titel, der in einer Zeit um meine Aufmerksamkeit buhlte, in der das Spiele-Line-up von PS4 und Co. ohnehin nur spärlich bestückt war. Assassin's Creed: Unity hauchte der Reihe auf den aktuellen Konsolen nicht etwa neues Leben ein, sondern gab ihr den Todesstoß.

Assassin's Creed: Unity entpuppte sich für mich als der schwächste Teil der Serie.

Anstatt das Potenzial der Französischen Revolution völlig auszuschöpfen, schoss Ubisoft mit der Story ins Leere. Diese war wirr, belanglos, hatte irgendetwas mit Rache und Verschwörung zu tun, gähn. Für die besondere bittere Note sorgten Mikrotransaktionen, die stetige Erinnerung an eine zusätzliche Smartphone-App und eine an den Inhalt einer Lego-Kiste erinnernde Map. Getoppt werden konnte dies nur von technischen Unzulänglichkeiten, allen voran eine durch Dauerruckler verdorbene PC-Version und jene verstörenden Bugs in der Charakterdarstellung, über die wir uns auch ein Jahr später gerne noch lustig machen.

Antwortmöglichkeit B: Nach dem Ende Ezios

Da habe ich wohl meine Antwort: Die Assassin's Creed-Reihe kann mir gestohlen bleiben, weil Unity eine herbe Enttäuschung war. Nun kann ich ja zufrieden das Licht ausknipsen, den PC herunterfahren und nicht einen Gedanken mehr daran mehr verschwenden, oder? Nein. Es gibt noch einen weiteren Schicksalsmoment, der nicht mir aber gewiss vielen anderen den Impuls gab, der Reihe den Rücken zuzukehren. Die Rede ist von der Ezio-Trilogie, die mit Assassin's Creed II wie ein Feuerwerk einschlug, mit Assassin's Creed: Brotherhood eine gelungenes Sequel fand und mit Assassin's Creed: Revelations wie ein mit leiernden Geigen begleitetes Trauerspiel endete.

Assassin's Creed: Revelations war der letzte Teil mit Ezio in der Hauptrolle.

Mit Ezio Auditore verabschiedete sich ein markanter und beliebter Held, der umso charismatischer erschien, weil er Altair Ibn-La'Ahad als stumme, gesichtslose Figur ablöste. Jedweder nachfolgende Charakter, der versuchte in dessen Fußstapfen zu treten, stolperte, stürzte und verpuffte in einem Hauch von Nichts. Nicht Connor, nicht Edward und schon gar nicht der glatt geleckte Arno schafften es, sich so fest ins Gedächtnis zu brennen wie Ezio. Während ich selbst auch nach Revelations die Reihe noch nicht aufgegeben hatte, verschwand für andere selbige bereits im Jahr 2011 in der Versenkung.

Antwortmöglichkeit C: Die immer wirrer werdende Rahmenhandlung

Bisher habe ich mich geschickt vor einem relevanten Aspekt gedrückt: Die Rahmengeschichte, jene futuristische Story um Desmond Miles, der in den Fängen der kruden Organisation Abstergo mit dem Animus die Abenteuer seiner Vorfahren nacherleben soll. Was Ubisoft so spannend aufgezogen hat, verhedderte sich Jahr für Jahr zu einem mit esoterischem Geschwafel garnierten Handlungssalat. Dem Geschehen folgen, konnte ich irgendwann überhaupt nicht mehr.

Bis einschließlich Assassin's Creed III drehte sich die Rahmenhandlung um Desmond Miles.

Als Desmond Miles in der letzten Szene von Assassin's Creed III scheinbar endgültig verschwand, riss Ubisoft die Rahmenhandlung, die schon längst hätte zu Ende erzählt werden müssen, gleich mit ein: Während der Nachfolger Black Flag in regelmäßigen Abständen zu nichtssagenden Abstergo-Besuchen in der Ego-Perspektive aufforderte, wurde in Unity ganz darauf verzichtet — vielleicht zugunsten vieler weiterer Ableger, vielleicht aber auch, weil Ubisoft die Fantasie irgendwann selbst ausgegangen ist.

Abschied

Letzten Endes ist jeder der drei Punkte eine jeweils andere traurige Art und Weise, mit der die Serie fortlaufend in den Ruin getrieben wurde. Assassin's Creed ist tot, existiert aber noch immer. Und das ist ein Problem. Das, was sich heute nach acht langen Jahren noch behaupten will, ist nur noch ein Schatten einer vormals erfrischenden Idee, eine zyklisch wiederkehrende leblose Hülle, ohne Geist und Einfallsreichtum.

Assassin's Creed: Syndicate steht bereits in der nächsten Woche in den Läden und noch nie war der Hype so niedrig wie bisher. Neue Trailer, Screenshots oder jedwede andere Information zieht nicht nur an mir selbst sondern allem Anschein nach an der gesamten Netzgemeinde ohne großes Brimborium vorbei, still, unscheinbar und ausgelaugt. Was in jedem Winter zuvor Primus war, ist nunmehr eine Nichtigkeit. Schade.

Lebewohl, Assassin's Creed.

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