American Gods tötet den Donnergott und beschwört einen Sturm

American Gods
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American Gods
16.04.2019 - 09:00 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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In Folge 6 der 2. Staffel erlaubt sich American Gods eine Verschnaufpause. Die wirkt wie Füllmaterial, ist aber wahrscheinlich nur die Ruhe vor einem gewaltigen Sturm.

In den ersten fünf Episoden der 2. Staffel baute sich die Handlung von American Gods in angenehmem Tempo immer weiter auf. Gerade ab Folge 2 befreite sich die Serie gewaltsam von einer Menge altem Ballast. Jetzt, wo es langsam auf das Staffelfinale zugeht, legt die Serie plötzlich noch einmal einen Boxenstopp ein.

In Folge 6, "Donar the Great", machen wir eine unerwartete Zeitreise. Über die Notwendigkeit dieses Abstechers lässt sich je nach Geschmack streiten. Über ihren Unterhaltungswert aber nicht.

Ein Liedchen für Odin und ein Grabgesang auf Technical Boy

Steht da wirklich Odin (Ian McShane) in den 30ern mit Strohhut auf einer Burlesque-Bühne und singt wie ein Gimpel? Wir zwicken uns kurz in den Arm. Nein, kein Traum, das passiert wirklich.

Odin als Clubbesitzer und Showman.

Leider ist das hier kein Musical, sondern ein Rückblick auf Odins frühere Eskapaden. Gemeinsam mit einigen Götterkollegen hat er eine Show hochgezogen, die ihnen die Verehrung der Menschen garantiert. Das bietet was fürs Auge und hält eine gewisse Fassade der Anbetung aufrecht.

Ein gerade zum Gott aufgestiegener Technical Boy (Bruce Langley) stattet der Konkurrenz einen Besuch ab und durchschaut den schönen Schein. Die alten Götter baden im Applaus eines Publikums, das unterhalten sein will, dessen Aufmerksamkeitsspanne aber immer kürzer wird. Odin, von Techboy konfrontiert, erinnert diesen an eine ebenso harte Wahrheit: Die sensationshungrige Gesellschaft frisst nicht nur die alten Götter bei lebendigem Leibe. Den neuen wird es genauso ergehen. Der Rest ist (Techboys) Geschichte.

Ein frischgebackener Gott: Der junge Techboy

Intermezzo: Treffen sich ein Gott, ein Schatten und zwei Zwerge...

In der eigentlichen Handlung der Gegenwart passiert nur wenig, dafür ist dieses wenige durchaus amüsant. Die Runen auf Odins Speer Gungnir müssen erneuert werden. Dafür ist Zwerg Dvalin (Jeremy Raymond) die Expertenadresse. Auf in die Shopping Mall, in der Dvalin und Sindri (Clark Middleton) sich als Souvenirschmiede verdingen!

Sindri stellt klar, dass es die Runen nur im Tausch gegen ein mächtiges Artefakt gibt. Warum, könnten wir fragen, verrennt sich die Serie jetzt in Sidequests wie ein Spieler bei The Witcher? Na, weil das hier eine Göttersage ist. Und da gibt es bei einem Zwerg nun einmal nichts umsonst. So will es die Tradition. So passt es perfekt in eine Serie mit dem Titel American Gods.

Odin und Shadow beim Raub des mächtigen Artefakts.

Da die Welt und der Anspruch für die alten Götter aber kleiner geworden sind, wird hier nicht mehr nach sagenumwobenen Waffen oder Talismanen gefragt. Gefordert wird das mächtigste Artefakt der ganzen...Mall. Das muss reichen. Und dieses Artefakt ist die mit Fanliebe und Kultmacht aufgeladene Lederjacke von Lou Reed.

Es folgen: Odin in Bischofsoutfit mit Lou Reeds Jacke (ein Bild für die - haha - Götter), Shadow mit Horacio Kane-Gedächtnis-Sonnenbrille und eine Demonstration von Shadows Gaunerkünsten. Der wohl beste Moment der Folge.

Das 20. Jahrhundert treibt einen Gott an den Abgrund

Kommen wir zum Namensgeber dieser Episode. Donar, (Derek Theler), besser bekannt als Thor, ist simpel gestrickt und im Chaos des 20. Jahrhunderts verloren. Er ist verwirrt, in seiner Identität, seinem Tun, von der Welt um ihn her. Naiv setzt er seine Hoffnungen in seinen skrupellosen Vater.

Thor verkommt zum Abklatsch eines Kriegers.

Odin verkauft ihn als Strong Man an die Nazi-Sympathisanten in den USA. So wird Thor ironischerweise von Asgards legendärem Krieger zum geschmierten Schaukämpfer. Thors Geliebte Columbia (Laura Bell Bundy), die Verkörperung Amerikas, verschachtert Odin derweil an Techboy, als Medien-Postergirl für den Krieg. Als Thor genug hat und fliehen will, treibt Odin einen Keil zwischen die Liebenden und fordert Thor zum Kampf.

Thor entscheidet den Kampf für sich, Mjölnir schlägt Gungnir. Doch Thors Freiheit kostet ihn die letzte Anbetung, die der Allvater ihm gesichert hatte. Das Lied endet tragisch in Thors Selbstmord. So erzählt es zumindest Odin, als Shadow ihm dank eines Geistesblitzes seine Geschichte abringt.

Intermezzo: Odin weckt den Sturm und Mr. World bereitet seine Geheimwaffe vor

Die ausgedehnte Geschichtsstunde mag die aktuelle Handlung unterbrechen, doch sie ist in zweierlei Hinsicht interessant. Erstens demonstriert sie, wie kompromisslos Odin für seine Macht alles opfert. Zweitens ist sie wieder einmal gut gelungenes Fore-Shadow-ing. Der starke, einfache Mann, der herumgeschoben und manipuliert wird, ohne die wahren Hintergründe zu kennen - das war einst Thor und ist heute Shadow. Wird sich die Geschichte wiederholen?

Gungnir wird wiederhergestellt.

Und das wird nicht einfach, denn Odins Macht wächst. Gungnir wird dank Lou Reeds Leder wiedererweckt. Fast können wir die Kriegstrommeln hören. Das lässt auch einen Ruck durch Mr. World (Crispin Glover) und New Media (Kahyun Kim) gehen. Letztere lässt als Antwort ihre Öhrchen - Verzeihung, Muskeln - spielen. Sie und ihr Chef sprechen vom kommenden Krieg, einem "Launch Day" und einem "neuen Freund".

Beide Seiten rasseln ordentlich mit dem Säbel. So fühlt sich das langsame Tempo dieser Episode zum Schluss doch wie die Ruhe vor dem Sturm an. Liegen wir damit richtig, dürften die kommenden zwei Episoden hochspannend werden. Liegen wir falsch, könnte American Gods nach all den Erfolgen der letzten Folgen auf der Zielgerade stürzen.

Die Gewinner der neuen Folge American Gods:

New Media und Mr. World: Planen offenbar etwas ganz Fieses und wir wollen wirklich wissen, was.

Odin: Intrigiert auf Hochtouren.

Odin schmiedet Pläne.

Die Schauwerte: Die Burlesque-Einlagen (besonders von Columbia) bringen eine ganz neue Ästhetik mit.

Techboy: Hier mit nostalgischem Rückblick auf vergangenen Ruhm, der seinem Sturz in der Gegenwart umso mehr Gewicht verleiht.

Die Verlierer der neuen Folge American Gods:

Odin: So schön er intrigiert - sein Showdown mit Thor ist weniger Game of Thrones, mehr Seifenoper. Inklusive pseudo-dramatischem "NOOO!" und Auf-die-Knie-Fallen im Regen.

Die Story: Ist ein Atemholen vor dem Krieg, aber vielleicht ein etwas zu langes.

Die Musik: Wäre eine Musicalfolge wirklich so verkehrt gewesen?

Göttliches und Gottloses am Rande:

  • "Sometimes you remind me of my son." Behaltet diese Worte im Hinterkopf.
  • Anansi funkt auch in den 1930ern schon dazwischen. Wie lange sind er und Odin eigentlich schon befreundet?
  • "I'm gonna count to seven. And I'm starting at FOUR!"

Die neuen Folgen der 2. Staffel von American Gods erscheinen hierzulande immer montags auf Amazon Prime.

Wie hat euch die neue Folge American Gods gefallen?

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