Kritik

An Sissis Sockel geruckelt, aber die Ikone nicht gestürzt

Sisi
© ZDF
Sisi

Eine Neuverfilmung eines erfolgreichen Originals ist eine schwierige Angelegenheit. Das Leben der Kaiserin Elisabeth zu Österreich in neue Bilder zu zwängen, birgt gleich drei heikle Hürden: 1. Die unvergleichliche Romy Schneider spielte im Original die Hauptrolle, 2. der Spagat zwischen Schmonzette und akkuratem Biopic muss überwunden und 3. dem modernen Publikum muss ein Historienfilm schmackhaft gemacht werden. Xaver Schwarzenberger bemühte sich zwar redlich um eine eigenständige Sissi-Version (nein: Sisi-Version!), verlor aber wohl im Laufe des Drehbuchs seine Absichten aus dem Blickwinkel: Der erste Teil von Sisi war extrem kitschig, schlecht erzählt und bot mit Cristiana Capotondi eine Hauptdarstellerin, die zwar im Äußerlichen der Schneider ähnelte, aber keineswegs eine Neuinterpretation der jungen Kaiserin abgab.

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Keine Neuinterpretation und unnötiger Kitsch

Den Erfolg der erfolgreichsten deutschsprachigen Trilogie aller Zeiten zu wiederholen, das wäre etwas Feines gewesen. So dachte sich zumindest Regisseur Xaver Schwarzenberger, der ähnlich wie einst Ernst Marischka den Deutschen ihren Prinzessinnentraum zurückgeben wollten. Nur mit historischer Genauigkeit, schließlich hieß die bayrische Prinzessin, die nach Österreich einheiratete und zur Kaiserin wurde, Sisi und nicht Sissi. Cristiana Capotondi spielte die junge Kaiserin, was eine Entscheidung der italienischen Produzenten war. Offensichtlich bemühte sich das Team, eine den Deutschen unbekannte, aber der Romy Schneider ähnlich aussehende Schauspielerin zu präsentieren. Mehr Mut hätte Sisi da gut getan, denn Eigenständigkeit erreicht eine Neuverfilmung nicht, indem eine möglichst gleich aussehenden Hauptfigur abgefilmt wird.

In keiner Hinsicht trug der erste Teil von Sisi zu einem differenzierteren Bild der Sissi bei. Porträtiert wurde vielmehr eine junge dumme Gans, die sich in den Kaiser von Österreich (David Rott als sehr guter Karlheinz Böhm – Reboot) verguckt und meint, sie könne das Kaiserhaus plötzlich auf ihre Weise regieren. Dass der erste Teil des Films mit dem Tod der kleinen Sophie endete, verlieh Schwarzenbergers Version zwar einen Hauch von Melodramatik, der im Original nicht vorkam – zunichte gemacht wurde dies jedoch durch die zahlreichen und verzichtbaren Liebesszenen. Sisi übersteigerte den Kitsch aus Sissi und misslang dort, wo der Schwulst besser Platz gemacht hätte für wichtige erzählerische Elemente.

Das Original übertrifft die TV-Version Sisi bei weitem

Ernst Marischka s Sissi-Trilogie erfuhr nicht nur wegen der jungen Romy einen solch überragenden Erfolg, sondern auch wegen des extrem gut erzählten Drehbuchs, das Heimat- und Liebesfilm, Politdrama und Komödie kunstvoll miteinander verwebte. Der österreichische Filmemacher nahm sich im ersten Sissi-Teil viel Zeit, um die bayrische Prinzessin als spontanes, naturverbundenes und liebenswürdiges Geschöpf zu etablieren, welches sich in den gegensätzlichen, ins Korsett gezwängten Kaiser Franz Joseph verliebt. Wo Marischka auf ein liebevolles Drehbuch vertraute, imitierte Schwarzenberger stumpf. Ganze Szenen schienen peinlich genau imitiert und falsch modernisiert. Der Liebe auf den ersten Blick folgte bei Schwarzenberger eine rasch abgehandelte Hochzeit und eine peinliche Sexszene im königlichen Garten. Dort, wo die Bilder zu sehr wie eine Ausgabe der Petra von 1996 wirkten, unterlegten sie die Macher mit schwülstiger Musik, die sogar Oma den Magen umdrehen dürfte. Zu verzeihen ist dies einem Film aus dem Jahr 2009 nicht. Besonders nicht, wenn selbst das über 50 Jahre ältere Original mehr Gefühl und weniger Kitsch aufweist.

Das ist schade für die Hauptdarsteller: David Rott und Cristiana Capotondi fügen sich brav in den Rahmen der TV-Schmonzette und beweisen, dass sie auch vor dem Hintergrund eines klebrigen Drehbuchs glaubhaft agieren können. Die einzige Fehlbesetzung unterlief dem Team mit Martina Gedeck als des Kaisers Mutter. In keiner Szene glich Gedecks Auftreten der bösartigen Strenge, die Vilma Degischer als Erzherzogin Sophie verströmte. Leider verzichteten die Autoren zudem auf die urkomischen Figuren des tollpatschigen Major Böckl (Josef Meinrad) und des Erzherzogs Franz Karl (Erich Nikowitz).

Den zweiten Teil wird der Großteil des Publikums nach dem dramatisch aufgeputschten Ende des Todes der Erstgeborenen wohl nur einschalten, um bei der Krönung zur Kaiserin schluchzend mitzufiebern. Allerdings wäre der Griff zur DVD dann wohl doch emfehlenswerter…

Und was meint ihr: Hat sich Sisi für euch gelohnt? Oder schaut ihr dann doch lieber die Originale Sissi, Sissi – die junge Kaiserin und Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin?

Der zweite Teil von Sisi läuft am Sonntag Abend, dem 20. Dezember 2009, im ZDF.

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