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Kommentar der Woche

Die unwiderrufliche Vergewaltigung des Zuschauers

Irreversibel - Trailer (Deutsch)
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Blut schreit nach RacheAbspielen
© Universum Film
Blut schreit nach Rache
04.04.2015 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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...und warum Gaspar Noés Vergewaltigungs- und Rachedrama Irreversibel trotz aller Empörung, Verstörung und unbarmherziger Gewalt ein Meisterwerk ist.

Im Kommentar der Woche  richten wir jeden Samstag unseren Blick auf einen von Myriaden von Kommentaren auf moviepilot. Der Tatort ist dabei vollkommen egal, Hauptsache euch sind die Worte aufgefallen und haben euch bewegt, euch begeistert oder verstört, euch zum Lachen oder zum Weinen gebracht, euch berührt. Wenn ihr über einen Kommentar gestolpert seid, dem eine ganze Woche gewidmet werden sollte, sagt uns Bescheid, indem ihr eine kurze Nachricht an sciencefiction  oder Kängufant  schreibt.

Der Kommentar der Woche 
Diese Woche erläutert der Kommentar der Woche von moviepilot-User Telebaum  minutiös, warum Gaspar Noés Drama Irreversibel trotz all seiner abstoßenden, ja schmerzhaften Szenen ein Meisterwerk ist. Und warum nach diesem Film eine weitere Symphonie von Beethoven für immer verloren ist...

Woher die Empörung?

Während Noé mit MENSCHENFEIND noch AN die Schmerzgrenze geht, überschreitet er sie mit IRREVERSIBLE ganz klar. Ihm geht es in diesem Film primär nicht darum, etwas Bestimmtes auszusagen, (was einige Kritiker übrigens richtigerweise anmerken, doch fälschlicherweise bemängeln), sondern es geht ihm um den Zuschauer selber, um uns, um unsere Sehgewohnheiten, um das Medium Film und darum, was Film, was Zeit mit uns macht, mit uns machen kann. Dahingehend ist IRREVERSIBLE noch mehr als andere Filme ein Film FÜR den Zuschauer, was in diesem besonderen Fall heißt, GEGEN ihn zu sein, da er unsere Bedürfnisse an das Medium Film weder bedient noch befriedigt, sondern uns ganz im Gegenteil peinigt, vergewaltigt, Schmerzen bereitet, physische wie psychische, und zuletzt ohne Versöhnung und Katharsis entlässt, stehen lässt, wegwirft, bespuckt. Der Film löste so heftige Reaktionen aus, weil er uns unsanft in ein moralisches, wie in ein narratives Dilemma befördert.

Der typische Rape-Revenge-Film gehorcht einem strengen Schema: am Anfang steht der Akt des Bösen (die Vergewaltigung), am Ende wird dieser durch einen (oft noch brutaleren) Akt des Guten gerächt; dazwischen liegt die Suche nach dem Täter, die den Spannungsbogen ausmacht und für die wir die Gewaltakte als Ankerpunkte in Kauf nehmen. Die Narration funktioniert daher auch nur chronologisch. Und auch in der ethisch-moralischen Dimension gibt es keine Fragen: Rache ist, so die stillschweigende Vereinbarung zwischen Genrekonvention und Zuschauer, das legitime Mittel, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun – schließlich haben wir es mit Kinounterhaltung zu tun, wir bewegen uns auf der Ebene des Films und nicht in der Welt da draußen, in der Selbstjustiz nicht weniger strafbar wäre, als das Ausgangsverbrechen. Nur durch die Genreregeln ist es uns überhaupt möglich, einen brutalen Rachefilm zu genießen, erst die Regeln erlauben uns, Gewalt (selbstredend nur im Rachekontext als gewissermaßen kathartische Auf- und Entladung) zu akzeptieren, zu ertragen und zu verdauen. IRREVERSIBLE scheint – zumindest vom Plot her – ein Rape-Revenge-Film zu sein, dekonstruiert aber zugleich seine klassische Struktur, sowie eine Reihe dieser (für uns vermeintlich so fundamentalen) Genre-Regeln. Aber im Einzelnen:

Es beginnt 1.) damit, dass er die Handlung von den gewohnt harten und uns oft fernen Genremilieus in ein Milieu verlagert, das uns allzu vertraut ist: Beziehungsprobleme, Partys, Menschen wie du und ich. Die Hauptfigur, der vermeintliche Rächer (Marcus), ist 2.) ein unausgeglichenes, rassistisches, homophobes, drogenkonsumierendes, egoistisches und genau wie der Vergewaltiger zumeist testosterongesteuertes, zuweilen sogar mit aggressiven Ansätzen ausgestattetes Großmaul, das mit anderen Frauen rummacht, und den wir – nun ja – unmöglich mit einer solchen moralischen Mission betrauen würden. Dann 3.) die Rückwärtserzählung, die den Akt der Rache an den Beginn stellt, und der uns (die wir noch nicht einmal wissen, dass es sich um einen Rape-Revenge-Film handelt) in seiner exzessiven Brutalität völlig im Unklaren lässt, etwa darüber, ob und inwieweit dieser Akt gerechtfertigt ist, was die Figuren verbindet und worum es überhaupt geht. Ganz abgesehen davon, dass 4.) der genretypische Spannungsbogen von der Suche (des Protagonisten) nach dem Täter auf die Suche (des Zuschauers) nach der Ursache für die Tat verlagert wird. Auch deshalb ist IRREVERSIBLE vor allem ein Film FÜR Zuschauer. Die Rückwärtserzählung ist, entgegen dem, was manch Kritiker Noé unterstellten, alles andere als Selbstzweck, vielmehr ganz wesentlich für Wirken und Erleben des Films, da wir, als wir nach der Hälfte des Films endlich die Ursache für die Tat nachgereicht bekommen, schließlich feststellen müssen, dass die Rache 5.) weder vom „Richtigen“, d.h. von der zum Rächer aufgebauten Hauptfigur (Marcus) begangen wurde, noch 6.) den „Richtigen“, d.h. den Vergewaltiger traf. Ich verwende hier die Vergangenheitsform, denn das chronologisch erst Kommende liegt narrativ schon hinter uns; wir wissen bereits um das Verhängnis des fehlgeleiteten Racheakts, so dass uns dieser 7.) nun losgelöst von seiner Ursache erscheinen muss, was es uns 8.) jetzt völlig unmöglich macht, die Brutalität des Täters (Pierre) zu verstehen und zu akzeptieren. Zudem fragen wir uns, wie es 9.) sein kann, dass aus einem Charakter, den wir als eher ruhig, vernünftig und besonnen kennengelernt haben, eine solche Aggression hervorbricht, als hätte der Regisseur einen Rollentausch vorgenommen, den wir ungefragt schlucken, nur da er (für uns) zu Beginn, eigentlich aber am Ende geschieht, wo wir ihn – in chronologischer Narration – vermutlich kaum bereit wären zu schlucken. Es bleibt zudem die Unsicherheit, die aus der Dreieckskonstellation und aus der Unklarheit hervorgeht, in welcher Weise die Trennung von seiner Freundin und die daraus erwachsene Rivalität zu seinem Freund in Pierres mentale Verfassung mit hineinspielt. All diese Unklarheiten werfen eine Reihe von neuen Fragen auf, und vor allem untergraben sie die Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit der vermeintlichen Rape-Revenge-Erzählung, insbesondere aber die für unser ethisches Empfinden kaum zu vernachlässigende Präsupposition, dass die Vergewaltigung auch wirklich die Ursache für Pierres finalen Gewaltexzess ist. Doch Pierres Tat passiert 10.) spontan und als Folge von etwas anderem, nämlich erst in dem Moment, in dem Marcus außer Gefecht gesetzt ist und dessen Vergewaltigung droht. Die Ursache für Pierres Gewaltakt wird damit nicht nur personell von der eigentlichen Racheabsicht abgekoppelt und auf die aktuelle Situation verlagert, womit die Rape-Revenge-Erzählung (ohne dass es uns klar ist) gleich zu Beginn einen dramatischen Bruch erfährt, einhergehend mit der schleichenden Erkenntnis, dass 11.) das Ausmaß der Brutalität (Schädeldeformation), dessen Ursache wir (zumindest emotional) mit der Vergewaltigung rechtfertigen, nun keinesfalls mehr als gerechtfertigt angesehen werden kann. Das ist der eigentliche Schock, der im Nachhinein auf den Vergewaltigungsschock folgt und die Feuerlöschersequenz in der Mitte des Films nochmals in die Gesamtkausalität, die sich gerade in unserem Kopf zusammensetzt, zurückkatapultiert. Es gibt im Mainstreamkino die ungeschriebene Regel, dass Gewaltszenen (die für den Racheplot vor allem Ankerpunkte sind) nur angedeutet oder höchstens angeschnitten werden, aber dann auch bald der erlösende Schnitt zu kommen hat. Das tut Noé nicht. Wir müssen 12.) die Feuerlöscherszene nahezu 5 Minuten, die Vergewaltigungsszene fast 10 Minuten lang ertragen, letztere zudem ohne jede ablenkende Kamerabewegung. Wir werden dazu genötigt, diese beiden Akte der Gewalt mitzuerleben, wenn nicht in ihrer realen, dann doch in ihrer realzeitlichen Dimension. Es ist immer noch die wirkungsvollste Art, wie ein Film uns foltern, quälen kann, indem er den erlösenden Schnitt hinauszögert, solange, bis es nichts mehr zu sehen gibt, bis die Zeit alles zerstört hat. Das Warten auf den Schnitt wird bei Noé über das normative Maß der Erträglichkeit hinaus ausgereizt. In der Tunnelszene kommt noch die plötzliche Erkenntnis vom Irregehen der Rache hinzu, die ja den Falschen treffen wird, wie wir jetzt wissen, und diese Erkenntnis kommt für uns im schlechtmöglichsten Moment, nämlich gerade dann, als wir den Vergewaltiger gern bestraft sehen würden, allein um der Unerträglichkeit der Szene etwas Adäquates entgegenzusetzen. Wir müssen also in diesen knapp 10 Minuten, in denen wir soviel Zeit haben, alles zu reflektieren, nicht nur die Vergewaltigung verdauen, sondern auch noch die neu hinzugewonnene Erkenntnis, dass die Rache nicht den Vergewaltiger treffen wird und zudem 13.) ein Unschuldiger sterben muss, weil Pierre aus schwer nachvollziehbaren Gründen absolut überreagieren wird. In der Tunnelsequenz kulminieren sämtliche Handlungsstränge des Films, inklusive des wegschauenden Komparsen (Cameo-Auftritt von Noé), während wir gezwungen sind, aus halbdistanzierter Frosch-Perspektive hinzuschauen. Das macht es so schwer, das macht diese Szene so unerträglich. Eigentlich möchten wir bereits bei der Feuerlöscherszene abschalten, eigentlich, aber da hat der Film gerade erst begonnen, spätestens aber jetzt, in dieser ewig langen Plansequenz – kurz, wir tun es nicht. Vielleicht weil wir wissen, dass damit das Schlimmste überstanden ist. Jetzt können nur noch die erträglichen, ja jetzt müssen doch endlich die schönen Dinge kommen. Und irgendwann, gegen Ende des Films, kommen die schönen Bilder ja dann auch, Alex auf einer grünen Wiese liegend, Sonne, Rasensprenger, spielende Kinder, Nachwuchsfreuden – es ist 14.) die wohl trügerischste Persiflage, die auf ein Happyend denkbar ist und wird konsequenterweise sofort wieder torpediert, durch ein Lichtstakkato und natürlich durch das omnipräsente Wissen um den Ausgang der Geschichte. Der eigentliche Schluss der Noéschen Rape-Revenge-Erzählung ist dementsprechend 15.) auch vielmehr der grinsende Vergewaltiger in der Feuerlöscherszene, der weder durch Justiz noch durch Selbstjustiz zur Verantwortung gezogen wird, der innerhalb des Plots ungestraft davonkommt. Versöhnung sieht anders aus. Die Auflösung unserer Sehgewohnheiten direkt vor unseren Augen bringt unser genregeschultes Moralverständnis genauso ins Wanken, wie es die Kamera auf visueller Ebene tut. Nach diesem Film fühlt sich alles nur noch falsch an, und wenn nicht falsch, dann nur deshalb, weil wir das Ende noch nicht kennen, weil die Zeit dafür erst noch kommen wird.

Einige Kritiker sahen in dem Umstand, dass die Rache den Falschen trifft, nur den Gipfel der Noéschen Zynik. Im Grunde aber ist es der Kern und steht nicht zufällig am Anfang des Films. Denn auch wenn wir bis zu der Tunnelszene davon ausgehen müssen (oder vielmehr wollen), es wird schon alles seine Ordnung haben, es wird schon den Richtigen getroffen haben, spätestens ab der Tunnelszene in der Mitte des Films muss jedem aufgehen, dass dieser Rape-Revenge offenbar keinen uns bekannten Gesetzen folgt. Die Schwierigkeit, IRREVERSIBLE zu ertragen und die Empörung liegt darin begründet, dass uns von Anfang an Informationen fehlen, um eine derart brutale Tat wie jene mit dem Feuerlöscher (inklusive der Inszenierung) wenn schon nicht zu rechtfertigen dann doch wenigstens erklären zu können. Und deshalb beginnen wir ganz automatisch, die fehlenden Teile auszufüllen: Wir präsupponieren, dass die Tat ihre Ursache in einer vorausgegangenen Tat hat, und vor allem, dass es den Richtigen getroffen hat. Diese Präsuppositionen brauchen wir, um uns sicher, um uns ethisch-moralisch einigermaßen wohl zu fühlen, um uns überhaupt einlassen zu können auf diese Erzählung, in der wir ja offenbar gezwungen werden, brutalste Gewaltszenen minutenlang ertragen zu müssen.

Beide Präsuppositionen erfüllen sich jedoch nicht, der Film setzt sie außer Kraft, indem er die Tat von der Ursache ablöst, und indem er uns in der Mitte des Films ganz apprupt zu verstehen gibt, dass es den Falschen erwischt hat. Neben dem moralischen zwingt uns Noé somit in ein narratives Dilemma, in dem wir uns mehr und mehr unwohl fühlen. Wie wollen wir die zweite Hälfte eines Rape-Revenge jetzt noch genießen, in dem Wissen, dass (neben all dem andern) der Rächer gar nichts mehr wird ausrichten können, sondern mit gebrochenem Arm in einem Hospital enden wird. Mit jeder Einstellung, mit jeder Szene wird uns bewusst, wohin das Ganze führt, nämlich zu Bildern, die wir froh sind, hinter uns zu haben und die wir garantiert nicht noch einmal sehen wollen. Wo der typische Rape-Revenge-Film von der Spannung lebt, wie der Täter gefunden und wie seine gerechte Strafe aussieht, scheint die Handlung von IRREVERSIBLE bis zur Mitte des Films auf dieses eine ursächliche Ereignis zuzusteuern, vor dem wir uns seit der Feuerlöscherszene allerdings vor allem fürchten, während der Film in der zweiten Hälfte harmonischere und versöhnlichere Bilder anbietet, die uns allerdings, angesichts des offensichtlich narrativen Schein und Trugs, fast zu erdrücken drohen, gleichzeitig aber auch irgendwie erleichtern, wäre da nur nicht dieses Zuviel an Wissen, dieses Zuviel an Zeit, jene Zeit, die hinter uns, doch vor den Figuren liegt. Spannung erwächst hier aus einer Art von zeitlicher Suspense, allerdings ohne jede Ungewissheit: wir wissen im Gegensatz zu den Figuren genau, was passieren wird, und doch fiebern wir innerlich mit, sie mögen bitte, bitte einen anderen Weg einschlagen, die Party absagen, sich trennen, was auch immer, nur nicht der Zeitlinie folgen (vielleicht haben wir auch nur zu viele Zeitreise-Filme gesehen). Auf alles, was wir jetzt zu sehen bekommen, fällt ein ambivalentes Licht, während die Kamera nun immer ruhiger agiert.

Fazit: Die Gerechtigkeitserzählung verliert ihre Glaubwürdigkeit, der Rache-Topos seine Zuverlässigkeit und vielleicht stört uns das an IRREVERSIBLE mehr als die explizite Gewaltdarstellung. Wir sind geschockt, denn hier hält eine Geschichte nicht mehr das, was sie seit Ewigkeiten verspricht. Noé verweigert und verwehrt uns die moralische Befriedigung und damit die kathartische Erlösung, was in der Regel die Prämissen für die Zumutbarkeit eines jeden Rape-Revenge-Films sind. Doch Noé führt uns nicht nur die Mechanismen des Rape-Revenge-Konstrukts vor Augen, sondern vor allem unsere Abhängigkeit von diesem Konstrukt und seinen Regeln, zumindest solange wir uns (moralisch) wohl fühlen wollen, solange wir Kino genießen wollen. Und als die Abhängigsten entlarvt er jene, die sich in seinem Kino am wenigsten wohlfühlen, die sich empören, die seine Filme ablehnen und beschimpfen. Wir, die wir nicht zu Letztgenannten gehören, die wir das Kino nicht bei der Feuerlöschersequenz verlassen oder abschalten, uns entlarvt Noé als Masochisten. Härter kann ein Film seine Zuschauer kaum bestrafen. Nicht zufällig beklagten einige Zuschauer körperliche Reaktionen. Und genau dafür hat der Film diese Härte auch nötig, um uns zu Komplizen zu machen, zu Mittätern. Daher die Empörung. Durch den Bruch mit den Genreregeln erschüttert IRREVERSIBLE das für uns notwendige moralische Fundament, das es uns normalerweise erst erlaubt, filmische Gewalt ertragen zu können – kein äußeres, sondern ein für uns innerliches Beben, das noch einmal potenziert wird durch Länge und Ausdrücklichkeit der Gewaltdarstellung, der wir beiwohnen. Der Regisseur setzt die Regeln außer Kraft und wir folgen ihm. Bereitwillig oder nicht. Auch das ist irreversibel. Wie können wir jetzt noch Beethovens 7te hören? Vielleicht so, wie die 9te nach CLOCKWORK ORANGE.

Den Orginalkommentar findet ihr übrigens unwiderruflich hier .

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