Zum 80. Geburtstag

Dustin Hoffman - Warum bloß hört niemand auf ihn?

Dustin Hoffman in Kramer gegen Kramer
© Columbia
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Hollywood verwandelt Menschen, seht euch nur den pummeligen Chris Pratt in Parks and Recreation an, der, um Star zu werden, sich einen Superheldenkörper erbauen ließ und auch sonst irgendwie sexyer wurde. Wie genau und woraus diese plötzliche körperliche Attraktivität besteht, das lässt sich bei Hollywood-Stars nicht wirklich sagen, da Hollywood-Stars Schönheitsstandards nicht folgen, sondern sie etablieren. Aber Pratts Haar wurde schöner, seine Haut klarer, seine Haltung besser, der Körperfettanteil auf ein Minimum geschrumpft, seinem Blick diese Golden Retriever-artige Treue und Schlitzohrigkeit noch tiefer eingeschärft. Aus Andy wurde Star Lord. Er stellte sich mit allem, was er hatte, auch mit seinem Charme und seinem Gefühl für Timing, den Leading Man-Erfordernissen des Franchise-Hollywood zur Verfügung. Chris Pratt ist ein großer Klotz, viel Masse, viel Material, das sich abschaben und zurechtbiegen und formen lässt, bis ein Superheld dabei herauskommt. An Dustin Hoffman ist hingegen nicht viel dran, nur eben explosives Talent und ein unverwechselbares Gesicht, in dem die faltigen Verzerrungen des Grinsens verstaut liegen, wie nach einem dieser minutenlangen Lachkrämpfe, überschüttet von Fröhlichkeit und vollständig erschöpft, unendlich sympathisch. Dustin Hoffmans Casting in der düsteren Coming-of-Age-Tragödie Die Reifeprüfung verwandelte Hollywood. Dustin Hoffman wurde ein Superstar und blieb, wie er war.

Eine Unachtsamkeit des Systems

Das Hollywood, das Hoffman kannte, wollte die großen, weißen Helden vom Typ Cary Grant sehen. Für einen wie Hoffman war da kein Platz, weshalb er den Acker umstrukturierte. Hoffman war wie dieses eine chemische Element, das in ein Reagenzglas gegeben wird und dort die Verhältnisse als Eindringling grundlegend ändert. Eine wilde Unwahrscheinlichkeit entsandte Dustin Hoffman in das damals von Bonnie und Clyde aufgewühlte Hollywood-System Ende der Sechziger, das den Stürmen des Chaos zugeneigt war. Der verrückte Chemiker war Die Reifeprüfung-Regisseur Mike Nichols, der aus einer künstlerischen Eingebung, vielleicht auch aus der Not heraus, vielleicht einfach, weil er es so wollte, den damals bereits 30-jährigen Dustin Hoffman in die Rolle des im Laufe des Films 21 Jahre alt werdenden Benjamin Braddock schubste: ein Zufall, Schicksal, eine Laune, eine Unachtsamkeit des Systems. Auch Hoffman kann sich dieses Glück nicht erklären. "Nichols entschloss sich, diesem kurz geratenen, wunderlich aussehenden jüdischen Typen eine Rolle zu geben, die sonst einem großen, gut aussehenden Protestanten vorbehalten war", erinnerte er sich nicht ohne Erstaunen in einem Interview mit dem Guardian, das er anlässlich des Kinostarts von Kung Fu Panda 3 gab, über den im Gespräch kaum ein Wort fällt, nur ein lapidares Wortspiel ("I can't bear it") und diese Bemerkung: "Fünf Jahre lagen zwischen Teil 2 und 3, und und jetzt heißt es so: Oh Gott, sie machen noch einen weiteren."

Will man ins Staunen geraten über das Kino in seiner jetzigen Form, wie Dustin Hoffman selbst, muss man auf Dustin Hoffman hinaufklettern. Ein toller Ausblick ergibt sich einem dort. Vergraben unter Zeitmüll erstrahlt hier seine Karriere, so groß, farbenreich, so vollgestopft mit den Spuren ausgereizten Talents. Er spielte einen amoklaufenden Mathematiker (Wer Gewalt sät), ein autistisches Genie (Rain Man) und einen hinkenden Verlierer und Tuberkulosekranken (Asphalt Cowboy), einen Piratenkapitän. Die Anomalie Dustin Hoffman ermöglichte Hollywood einen neuen Leading Man-Typus. Hoffman wohnte zu jener Zeit Tür an Tür mit Superhelden des New Hollywood, Robert Duvall und Gene Hackman, die seinerzeit ebenfalls nicht so Grey Fox-mäßig toll aussahen wie James Stewart. Hoffmans Freund Gene Hackman, sieben Jahre älter, erhielt erst nach Benjamin Braddock seine große Hauptrolle in French Connection. Und wahrscheinlich auch ermöglichte Hoffmans kümmerlicher Antiheld Michael Keaton mit seinem fliehenden Kinn, den Batman zu spielen. Aber wen kümmert das jetzt noch, gibt es sowas wie ein Hoffman-Vermächtnis, ein New Hollywood-Erbe? Nicht in den Institution, die das neue Hollywood mit Inhalten füllen, glaubt Hoffman.

Ein Inquisitor des Neuen, ein Advokat des Alten

Die Reifepüfung ist 30 Jahre jünger als Dustin Hoffman, der Schauspieler wird heute 80, der Film im Dezember 50. Hoffmans Lebenszeit, oder zumindest die Zeit seiner andauernden Schauspielaktivität, stellt für das aktuelle Kino und den darüber Schreibenden ihren sehnsuchtsvollen Bezugsrahmen. Hoffmans 80-jähriges Leben erzählt alles über Film und Hollywood, was es zu erzählen gibt, seine Meilensteine sind Meilensteine des amerikanischen Films.

Für den Film des 21. Jahrhunderts hat Dustin Hoffman wenig übrig: "[...] Ich denke, der Film ist so schlecht, wie er noch nie war. In den 50 Jahren, die ich dabei bin, war er nie schlechter." Er stimmt dabei ein in die Strukturkritik namhafter Filmschaffender wie Steven Soderbergh. Hoffman und Soderbergh bemängeln das Filmverständnis der Studiobosse und weisen auf den schwindenden Mittelstand hin, der Filme wie Die Reifeprüfung hervorbrachte. Hoffman ist erbost über das Kino in seiner jetzigen Form, und er wird nicht müde, die Errungenschaft, die Einfachheit und Schönheit einer Produktion wie Die Reifeprüfung hervorzuheben, als würde das nicht schon genug getan. Er ist ein Inquisitor des Neuen, zu dem er wenig beiträgt, und ein Advokat des Alten.

Aber es hört ihm niemand zu, weil Hollywood gerade sein ganz eigenes Ding macht. Das Neue wird gefeiert, das Alte und Vergangene verehrt, aber in isolierter Verwahrung, einer Asservatenkammer der Kinokunst. Auf Hoffman blickt Hollywood wie auf eine Kathedrale des Schauspiels und des Films, die sich nicht mehr einreißen lässt, von deren Berg jedoch Lawine um Lawine ins Tal der Geschichte abgeht. Die Zeit bröckelt, sie ist nichts mehr wert. Vielleicht war Hoffman genau in der richtigen Zeit Schauspieler, der Dustin Hoffman-Zeit, der Zeit also, in der Dustin Hoffman Schauspieler, populär und jung war.

"Wir sind auf dem Weg nach draußen."

Als wäre ihm die Liebe zum Film unangenehm, spielt Hoffman sie heute herunter. Er wäre viel lieber Jazz-Pianist geworden als Schauspieler, und an Schauspielschulen hätte er sich nur eingeschrieben, um Mädchen kennenzulernen. Er spürt, es sind die Zeiten gekommen, da ihm die Branche ihre Liebe und Aufmerksamkeit entzieht. Filme wie The Program, die mit Hoffmans Namen werben, wollte lange niemand verleihen. Er ist am Ende eines Zyklus angelangt, das sieht er ein: "Die meisten Schauspieler beginnen mit [...] unterstützenden Rollen, die kaum richtige Nebenrollen sind. Wenn du Glück hast, kriegst du eine richtige Nebenrolle und dann Hauptrollen. Und dann erreichst du ein bestimmtes Alter [...] und du bist nicht länger der Leading Man, dann wirst du wieder Nebendarsteller und dabei nicht selten der Mentor der Hauptrolle. Das ist der Kreis."

Jetzt sind es wieder die großen, muskulösen Typen, die die großen Rollen bekommen, was weniger an den Schauspielern als vielmehr an den zur Verfügung stehenden Filmen und den Leading Man-Rollen darin liegt.

Hoffman schauspielert irgendwie trotzdem regelmäßig weiter, die Teilhabe am Film ist ihm wichtig, er dreht selber (Quartett) und gibt sich als Gimmick für Komödien her, Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich-Zeug, Kung Fu Panda 3, bald The Meyerowitz Stories für den Kinofeind Netflix. Er ist an den Rand geraten, wie der dicke, großnasige Gérard Depardieu, hat aber noch nicht aufgehört wie etwa Gene Hackman, der immer die verlotterten Typen mit den durchgeschwitzten Sakkos spielte. Aber wie alle alten Männer sieht Hoffman das Ende kommen, nicht nur das eigene, sondern auch das seiner Branche, die er mit aufgebaut hat und die nun eingerissen wird und er mit ihr, wie ein Handlungsreisender, der nicht mehr gebraucht wird. Etwas Vorübergehendes habe der Film heute, sagt Dustin Hoffman. Er erwähnt in einem Gespräch den Modebegriff Streaming und das Wort rückt bei ihm ganz nahe an seinen natürlichen Ursprung heran, der Fluss, das Fließen, das Vorüberziehen, das Verwischen der Farben zu Gleichförmigkeit, Langeweile, Rauschen. Der ewige Wettkampf der kleinen Dinge um Anerkennung in geschwind strömender Zeit.

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