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Aktion Lieblingsmonster

Hannibal - Im Bann der ästhetischen Gourmetmörderküche

Der Koch und seine Tätigkeiten sind besonders...delikat zu beobachten
© HBO/moviepilot
Der Koch und seine Tätigkeiten sind besonders...delikat zu beobachten

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Aktion Lieblingsmonster.

Die von Mads Mikkelsen perfektionierte, facettenreiche Verkörperung des kochenden Hannibals versprüht feurige Leidenschaft sowie pure Energie und hat wohl nicht nur mich inspiriert. Es ist sicherlich stark der gekonnten Art der Präsentation zu zu schreiben, die in mir letztendlich einen schlummernden Nerv traf und ihn aus seinem 100-jährigen Schlaf erweckte.

Die entscheidende Tatsache, dass es sich hierbei stets um Menschenfleisch handelt, welches auf höchstem Niveau der Kulinarik zubereitet wird, wurde von meiner Wenigkeit vom ersten Moment an entschieden und mit solch einer Leichtigkeit verdrängt, dass es mich für einen winzigen Augenblick an meiner eigenen Menschlichkeit zweifeln ließ. Es fröstelte mich nur wenige Sekunden lang, bis ich meine Entscheidung zu den toten Winkeln meiner emotionalen sowie optischen Wahrnehmung verbannen konnte. Dieses kleine nichtige Faktum sollte niemals wieder nur einen Hauch einer Chance erhalten an die Oberfläche zurück zu gelangen. Und es gehorchte.

Die kurze aber genüssliche Belustigung dieser Situation ist dem schwarzen Humor geschuldet, wich aber recht schnell der Begeisterung für das doch pittoresk morbide Kochspektakel der adretten sowie harmonischen Konzeption an Speisen, wo zumeist Zutaten aus der europäischen Gegend bevorzugt Verwendung finden.


Die verführerische Vorspeise

Einem poetischen Augenblick des anfänglichen Vorgeschmacks beiwohnend kann ich bereits das beinah perfekt konzipierte Vorspiel der himmlischen Düfte genießen, verströmen diese doch in meiner ausreichend ausufernden Vorstellung unübertreffliche Aromen dem Dasein eines Paradieses gleich.

Gewiss hat die Vorfreude das Talent zur höheren Entwicklung ihrer selbst, welche hier bis zum höchsten Maße ausgemerzt wird. Gekonnt, nicht zu viel des Guten wohl bemerkt, wird diese Schiene positiv manipulativ gesehen, auch bis zuletzt bedient und entfacht seine Wirkung grandios.

Der eingeübte, Entspannung entfachende Kochtanz beginnt mit ruhiger Choreografie umrahmt mit passend ausgewählter, klassischer Musik, deren Töne die bloße Einverleibung der Tätigkeit als Fusion darstellen. Es ist eine Vereinigung der belebenden Künste, nicht minder eine Sinnesheirat von Bewegung, Ästhetik und Akustik. Mein Geist, meine Ohren und meine Augen waren fortan in einer nicht greifbaren Welt gefangen, denn sie waren beflügelt.

Wetzende Messer sind nicht länger Werkzeuge zum Zweck der Schlachtung, sie sind notwendige Utensilien zur Zurechtmachung der Zutaten. Blut als solche ist kein entnommener Lebenssaft, dessen Einverleibung dem zum Opfer gefallenen Wesen die zukünftige Existenz verwehrte, sondern reiht sich als eine exotische Geschmacksnote unproblematisch mit ein.

Dekadent unschuldig präsentiert mir der Koch stets stilvoll garniert seine eigenwilligen Kreationen, an denen wohl nicht nur meine Augen, sondern erschreckenderweise auch mein Gaumen Gefallen finden sollte.


Die anregende Hauptspeise

Das überraschend dezente Ästhetikum der Hauptmahlzeit gelangt in meinen Sehradius und Bach samt goldiger Arie in meine Hörreichweite.

Zuvor eingelegt in einem genau abgestimmten Cocktail aus sorgsam ausgesuchten Kräutern, frischem Ingwer und erlesenen Cognac wird das zarte Fleisch eines äußerst seltenen, musikalischen Süßlings, der erst kürzlich für immer verstummen musste, gebadet, und darf abschließend in der Pfanne tänzelnd braten. Die Quelle des aufflackernden Lichts ist die gebändigte Verbrennung, die feurige Erlösung schimmert immer noch anmutig edel.

Zur goldenen Perfektion gebracht wird er in Flammen stehend mitsamt zierenden, frischen Feigen serviert und zentral garniert mit einem Hauch von Initiation und Respekt, um alsbald am Stück im Schlund des Genießenden zu verschwinden, nämlich in meinem.

Ertränkt, gerupft und gebraten erscheint nicht nur dieses unschuldige Wesen, sondern im Moment der Verzerrung auch das meine geworden zu sein. Der Sprung ins kalte Nichts und dabei der Schande ausweichend im nächsten Moment ein solch bedrohtes Wesen zu verspeisen, macht die Versuchung umso größer. Die Skepsis weicht der Erkenntnis und man versucht dieser ungewöhnlichen Einzigartigkeit dieser seltenen Speise gerecht zu werden. Den Abgang des Geschmacks möchte man nun letztendlich so lang wie möglich hinauszuzögern, denn eine solche Gelegenheit wird sich wohl nie wieder bieten.

Euphorisch ist die Mahnung an die Macht von Leben und Tod und doch ist sie unverhofft stimulierend für meinen Geist. Ich will mehr, ist mein Impuls.


Der ganz und garnicht bittere Nachgeschmack

Die feinen Klänge von Schuberts Adagio in E flat, D. 897 'Notturno erreichen meine Ohren als der Zustand der dunklen Bitterschokolade von fest in flüssig umgewandelt wird. Fast einschläfernd, meditativ wirkt die beruhigend kreisende Bewegung, in der sich das unschuldige Weiß und das satte, edle Rot mit dem des Sepiabrauns vermischt. Kardamom als das primäre Gewürz entfacht dabei gekonnt seine intensive, aromatische Wirkung. Die fruchtige Note versprüht die reife Orange, dient allerdings nur als Gefäß der Präsentation. Den tatsächlich erschmeckbaren, fruchtigen Part übernimmt eine Auswahl an Beeren, sowie die geschmacklich als auch optisch reizvolle, gold-orange Mutter der Fruchtparade, die Physalis. Der Köder ist ausgelegt und schnappt zu.

Das Dessert ist serviert, doch bleibt dies nicht das einzige, was man als solches bezeichnen kann, denn es gibt noch etwas weitaus Befriedigenderes:

Es ist der erwartungsvolle Blick des Kochs, den ich neben der immer währenden Ewigkeit, als recht aufmerksamer Zuschauer als eine weitere Speise wahrnehmen kann.

Während des Kochvorgangs beobachtete ich genüsslich dessen Entwicklung von vergnüglich bis hin zu der jetzt vorherrschenden glitzernden Erwartung, die in der Genugtuung und der Befriedigung mündet, welche sich wunderbar in dessen Augen abzeichnen. Seine Vorfreude wird zu der meinen, genauso wie seine entflammte Leidenschaft für die Tätigkeit. Das macht mich wiederum immer wieder zum mit Vorfreude gewürzten Fernsehkannibalen, der freudig darauf wartet erneut solch Delikatessen serviert zu bekommen.

Die Frage, ob es die Macht des beeinflussten Willens oder die des Wollens ist, welche mich an diesem besonders kultivierten, als auch begabten Monster festhalten lässt, bleibt allerdings erstmal unbeantwortet.

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Aktion Lieblingsmonster.


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"Ich trage meine Persönlichkeit mit dem Pinsel auf."
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