Mein Herz für Klassiker

Ich, Alley Cat & der stumme Meilenstein

Alley Cat: Samt für die Augen
© Ariolasoft
Alley Cat: Samt für die Augen
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Ich weiß doch auch nicht.

Als ich irgendwo um das Jahr 1995 herum zum ersten Mal Alley Cat auf einem alten Röhrenbildschirm sah, war es zu diesem Zeitpunkt bereits über 10 Jahre alt, während ich mich gerade über das menschliche Schlachtfeld der Grundschule kämpfte. Das Formen und Werfen von Matschbomben war bis dato mein wichtigstes und einziges Hobby — bis ich schließlich eines Abends den schrill-lila leuchtenden Monitor im Arbeitszimmer meines Vaters sah. Die Bilder der kommenden Spielsitzungen brannten sich in mein noch junges Hirn wie das Hauptmenü in den Bildschirm des Röhrenmonitors. Alley Cat war mein erstes Videospiel, das ich mehr oder weniger bewusst erlebte.

"Was ist DAS denn?"

Mit diesen Worten verarbeitete kürzlich einer meiner Freunde seine Verwirrung, als ich ihm eine Gameplay-Aufnahme von Alley Cat via Youtube zeigte. Mein 6-jähriges Ich hätte wohl mit einem selbstbewussten "Bunt!" geantwortet, während ich heute etwas nüchterner auf die Bilder blicke: Ein Kater springt vor einer Häuserfassade zwischen Fenstern hin und her. Hinter diesen verbergen sich verschiedene Minispiele, die euch zum Beispiel vor einem riesigen Besen fliehen lassen, während ihr hinter einer anderen Öffnung versuchen müsst, einen Fisch aus dem Aquarium zu klauen. So sammelt ihr nach und nach Punkte und dürft schließlich versuchen, eure Katzenfreundin mit einem Kuss zu erobern. Dann zieht das Spiel einen Schwierigkeitsgrad an und es geht wieder von vorne los. Immer und immer wieder.

In diesem Sinne ist Alley Cat eigentlich gar kein "Klassiker": Zwar musste sich dieses Spiel damals nicht vor Tetris oder Duck Hunt verstecken, die etwa zur gleichen Zeit erschienen, doch sind die Minispiele weder sonderlich gewitzt noch abwechslungsreich und auch in gängigen Top-Listen suchen wir den Titel vergeblich.

Haltbarkeitsdatum abgelaufen

Alley Cat ist nahezu völlig unzugänglich für moderne Spieler, die vor allem mit den schrillen Tönen und Farben ringen müssen — von der mangelnden Abwechslung einmal abgesehen. Aber Alley Cat ist auch kein Retro-Spiel, das am besten noch mal durch Steam Greenlight rutschen oder als HD-Version Kickstarter für sich entdecken sollte — Nein: Dieses Spiel hat in meinen Augen sein Haltbarkeitsdatum überschritten, es hat der modernen Spielkultur nichts mehr zu sagen.

Doch genau dieser Umstand macht es für mich zu einem so wertvollen Schatz, zu einem ganz persönlichen Klassiker und stummen Meilenstein.

Alley Cat hat, wie eine Zeitkapsel, in meinem hintersten Hirnlappen konserviert, was vor 20 Jahren abendfüllende Unterhaltung war und jegliche Ansprüche erfüllte, die Nerds an ein Videospiel stellten. Gerade die, aus heutiger Sicht, so ausgeprägte Unzugänglichkeit ist dabei Kronzeuge für die rasante Weiterentwicklung des Mediums. Zwar kritisieren wir die Einfallslosigkeit der immer gleichen AAA-Klamotte zurecht, doch Videospiele selbst waren noch nie so zugänglich wie heute. In Zukunft wird es darum gehen, die Geschichten, die sie uns erzählen, an unsere neuen Anforderungen anzupassen und nicht alle Augen nur auf die technische Weiterentwicklung zu richten. Spiele wie Alley Cat haben wir erfolgreich hinter uns gelassen — doch damit haben wir noch lange nicht alles erreicht, was in Reichweite des Mediums liegt.

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Ich weiß doch auch nicht.

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