Lasst The Night Comes for Us nicht bei Netflix verschwinden

The Night Comes For Us - Clip (OV) HD
0:44
The Night Comes for UsAbspielen
© Netflix/XYZ Films
The Night Comes for Us
08.10.2018 - 09:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
3
9
Für alle, die auf The Raid 3 warten, bietet der knochenbrecherische The Night Comes for Us einen schnellen Fix. In dem ultrabrutalen Actionfilm treffen die The Raid-Stars Iko Uwais und Joe Taslim aufeinander.

Unterarme verbiegen sich, werden über Tischkanten gezogen, bis es knackt. Messerspitzen rammen in Oberschenkel und Kehlen. Aus dem Röcheln wird ein Gurgeln und aus dem Gurgeln ein stilles Rinnsal Blut, das über Lippe und Kinn läuft. Manchmal braucht es nur zwei gezielte Schläge und ein brechendes Genick, bis die Kämpfer im Actionthriller The Night Comes for Us sterben und manchmal haben sie selbst nach einem Gewitter von Maschinengewehrkugeln noch einen letzten Satz auf den Lippen. Der Martial Arts-Reißer (und Reißer ist keine Übertreibung) aus Indonesien wurde kurz nach seiner Weltpremiere Ende September von Netflix gekauft. Entsprechend der Veröffentlichungspolitik des Streaming-Dienstes wird er bereits am 19.10.2018 bei Netflix erscheinen. Vorher machte er Halt beim Festival des phantastischen Films in Sitges, wo das Publikum frenetisch jeden einzelnen gebrochenen Knochen bejubelte. Hauptattraktion von The Night Comes for Us ist die Wiedervereinigung von Iko Uwais und Joe Taslim, die vor sieben Jahren mit der Hochhaus-Schlägerei The Raid berühmt wurden. In ihrem neuen Film geht es wesentlich brutaler zu.

Iko Uwais - Von The Raid zum Star Wars-Auftritt

Gareth Evans entdeckte seinen späteren The Raid-Star Iko Uwais, so geht die Geschichte, als er in Indonesien eine Doku über den Kampfsport Pencak Silat drehte. Uwais verkaufte damals Handys. Heute choreografiert er Actionfilme von Mark Wahlberg (Mile 22), kann sich über eine Rolle in Star Wars: Das Erwachen der Macht freuen und dreht die Netflix-Serie Wu Assassins. Mit dem Kauf von The Night Comes for Us baut der Streaming-Dienst seine Iko-Uwais-Content-Umgebung aus, zu der in Deutschland bereits Headshot und Merantau zählen. Deren Mittelstück wird die Serie sein. Ihr habt The Night Comes for Us geschaut? Dann schaut bei Netflix XYZ! (Aber die The Raid-Filme bitte bei Amazon.)
The Night Comes for Us

Die Filme in den USA mehren sich, doch Uwais arbeitet weiter in Indonesien, wo seine Talente noch immer am besten in Szene gesetzt werden. Davon zeugt The Night Comes for Us. Uwais choreografiert die Kampfszenen und spielt eine der Hauptrollen. Auf dem Regiestuhl sitzt die indonesische Genre-Größe Timo Tjahjanto, eine Hälfte der Mo-Brüder, die eigentlich Freunde sind und keine Brüder, aber halten wir uns nicht bei Details auf. Seit ihrem Durchbruch Macabre von 2009 alternieren die beiden Horror und Action mit großem Erfolg. Im selben Jahr erschien der erste große Film von Iko Uwais: Merantau von Gareth Evans.

In The Night Comes for Us wird jeder Gegenstand zum Werkzeug des Todes

Headshot hieß die letzte orthopädische Eskapade der Gebrüder Mo. In dem simpel gestrickten Vorgänger gab Iko Uwais einen Mann ohne Gedächtnis, der mit Kopfschuss von den Wellen an Land gespült wird. Das Treibgut seiner Vergangenheit wird folgen. Auch The Night Comes for Us beginnt am Strand. Dort weigert sich ein Vollstrecker des südostasiatischen Drogenhandels (Joe Taslim), ein kleines Mädchen zu erschießen, dessen Dorf gerade niedergemetzelt wurde. Prompt sind ihm die Triaden auf den Fersen. Die im Vergleich zu Headshot wuchernden Ambitionen dieses Films äußern sich auf zweierlei Arten: eine zerfaserte Story über Jugendfreunde in den Krallen des Verbrechens. Und die Multiplizierung der Gewalt in jeder nur denkbaren Hinsicht.

Wenn Joe Taslim seinem Gegner den Oberschenkelknochen eines Rindes in den Brustkorb rammt, bleibt kein Zweifel, dass die Mo Brüder ihren splattrigen Folterhorror immer noch ins Herz geschlossen haben. An dieses erste große Set-Piece in einer Fleischerei-Schrägstrich-Drogenhöhle schließt sich im Rhythmus aufeinanderkrachender Fäuste eines nach dem anderen an, manchmal auch parallel.

The Night Comes for Us

Ob der ultrabrutalen Metzelei, in der reihenweise Gliedmaßen zerschmettert und Schädel durchbohrt werden, könnte man beinahe übersehen, wie die wechselnden Umgebungen die Choreografie speisen. Auf engstem Raum in einem Polizeitransporter, in einem Flur, einer Billardhalle, einem Fahrstuhl usw. verwandelt sich jeder noch so unschuldige Gegenstand in ein Werkzeug des Todes (Platz 1 in Sachen Multifunktionalität geht an ein Frisch-gewischt-Schild). Wenn einem The Night Comes for Us zudem eines lehrt, dann auf wie viele verschiedene und niemals langweilige Arten ein menschlicher Arm gebrochen werden kann.

The Night Comes for Us befriedigt die Lust am gebrochenen Knochen

Die Kämpfe in The Night Comes for Us entfalten sich weniger elegant als in The Raid und insbesondere dem überchoreografierten The Raid 2. Letzterer verlor an Unmittelbarkeit durch seine Perfektion. Der Anschein der Spontaneität in den Kämpfen wurde ruiniert. Die Bewegungen schienen einer hundertfach geprobten Laufbahn zu folgen. In The Night Comes for Us haben die Kampfszenen häufig die Aura einer nüchternen Kneipenprügelei. Gelegentlich werden sie mit dem Auftritt von (vorwiegend weiblichen) Spezialisten und ihren Lieblingswaffen abgewechselt. Sie schwingen filigrane dünne Ketten oder Messer, die ihre Kämpfer charakterisieren wie in einem Shaw Bros.-Film aus den 70ern. Wo wir bei den Shaw Bros. sind: In Sachen Martial Arts-Filmgeschichte sind die heroisch zerhackten Helden eines Chang Cheh (Das Schwert des gelben Tigers) offensichtlich Teil der verwandtschaftlichen Linie von The Night Comes for Us. Nur mangelt es dem Film an der opernhaften Dramatik der großen Vorbilder. Warum hier Freunde gegen Freunde ins Feld ziehen müssen, bleibt bis zum Schluss schwer nachvollziehbar. Also außer für unseren Genuss.

The Night Comes for Us

Unsere Lust am gebrochenen Knochen wird allerdings bestens befriedigt in The Night Comes for Us. Die Effekte mögen sich bisweilen in Splatter-Gefilde verlaufen, doch zuallererst beeindruckt die Konsequenz, mit der hier eine Kaskade an Kampfszenen in Film gegossen wird. Nicht viel mehr und ganz sicher nicht weniger. Die Ziele sind klar gesteckt, Choreograf Iko Uwais hat eine abwechslungsreiche Route herausgesucht und das Ensemble um Joe Taslim ist in Spitzenform. Wenn dann auch noch Taslim endlich Iko Uwais gegenübersteht, was vom Film mit sadistischem Selbstbewusstsein hinausgezögert wird, dann lädt The Night Comes for Us zur martialischen Himmelfahrt. Nun gilt es nur noch eines zu tun: Lasst den Film nicht im Netflix-Katalog verschwinden!

Seid ihr Fans von Iko Uwais?


Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News