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Samsara - Betreten des symbolischen Raums

29.08.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Samsara von Ron Fricke
© Busch Media Group
Samsara von Ron Fricke
Die Speakers’ Corner ist eine Rubrik, in der auch Hinweise auf großartige Filme gegeben werden können, schließlich profitieren wir davon alle. Heute wird von unserem User chaoSimkozmoS zum Beispiel ein besonderer Dokumentarfilm vorgestellt, der derzeit in den Kinos läuft.

Es war ein langes Warten, jahrelang, gar jahrzehntelang, nun sitzt man endlich in der Premiere, die nicht einmal ausverkauft ist, es ist mehr ein Erleben als ein Sehen.

Die endlosen Sanddünen Namibias, ein Toter in einem Sarg in Pistolenform, die verstörende Performance eines Künstlers, der sein Gesicht mit Schlamm einreibt, seine plötzlich entstellte Fratze, burmesische Tempel im Morgendunst, ein magischer, auch verstörender, assoziativer Bilderrausch.

Das Kino als Tempel und ein Film als quasi-spirituelles Erlebnis. Samsara, der ewige Kreis des Lebens im Buddhismus, das Werden und Vergehen. Wie auch im Vorgänger Baraka werden beeindruckende Naturbilder dem ewigen Gewimmel der Menschheit gegenübergesetzt. Werden mit Rhythmus und der Verknüpfung von Bildern Beziehungen hergestellt und Emotionen hervorgerufen. Samsara aber kreist um dunklere Themen, das Vanitas-Motiv rückt in den Fokus, das Vergehen, im einfachen Vergehen vom Zeit, als Vergänglichkeit, aber auch als das moralische Vergehen an der Umwelt.

Für die Filmemacher Ron Fricke und Mark Magidson ist Samsara eine geführte Meditation, der Zuschauer sitzt in einem abgedunkelten Raum vor einer riesigen Leinwand, es fehlen die Störreize, ja es fehlt sogar jedes Voiceover, manchmal wünscht man sich einen Sprecher, um durch die Beschreibung des Gezeigten eine intellektuelle Distanz aufbauen zu können. Der Film, die Bilder, werden zu etwas Unmittelbaren, dem man wehrlos ergeben ist, man taucht ab und staunt und fürchtet.

Anderthalb Stunden sitzt man gebannt im Kinosessel, es funktioniert, weil die Bilder, die wir hier sehen, unglaublich sind in ihrer betörenden Schönheit und belastenden Grausamkeit. Die unbeschreibliche Intensität des Gezeigten ist zugleich in seiner Plakativität die größte Schwäche des Filmes. Fast ein wenig platt und einfach wirkt mancher Schnitt, zu offensichtlich. Eine Gratwanderung, im dargestellten Leid und Elend fast ein wenig voyeuristisch. Auch die Musik ist groß und bedeutungsschwer, dabei liegt die Kraft oft in der Zurückhaltung, wie im unglaublich intensiven, starken Blick einer Fabrikarbeiterin. Das ist das Geniale, wie die unvergleichliche Affen-Szene zu Beginn von Baraka.

Samsara, ja, aber freilich kein Leben und Vergehen wie wir es erleben, wir betreten den symbolischen Raum, es sind große Bilder als Metaphern für das alltägliche Werden und Vergehen: exemplarisch nicht dokumentarisch.

Der Film wurde wieder im herausragenden 70mm-Filmformat gedreht, das trotz seines stolzen Alters von 50 Jahren die beste Bildqualität liefert, die derzeit möglich ist. Im Schnittraum gab es die Musik noch nicht, dem fertig geschnittenen Film, dem Rhythmus der Bilder, wurde das musikalische Kleid geschneidert. Der Film ist nonverbal, 25 Länder wurden in fünf Jahren bereist, Mondphasen abgewartet oder das ganz bestimmte Licht, das Regisseur Ron Fricke für seinen Film haben wollte. Das Warten hat sich gelohnt, auch wenn Samsara nicht ganz das Niveau von Baraka erreicht. Vielleicht weil es nichts Neues mehr ist, vielleicht weil mit der deutlich verkürzten Schnittfolge ein wenig die, in der Ruhe liegende, Kraft verloren gegangen ist, vielleicht weil manches Bild, mancher Schnitt zu direkt ist. Aber dennoch, auch Samsara ragt heraus, mit seinen Bildern, die emotional aufwühlen, mit einer stummen Bildsprache, die universell verständlich ist, das organische der Bildfolge, das wandernde Licht und die wandernden Schatten, die Entrüstung im Gesicht eines Kindes über das plötzliche nasse Kühl bei einer Taufe, bei anderen das selige Lächeln, hunderttausende Pilger in Mekka, eine Massenchoreografie im Rhythmus des Gebets. Aber auch das entstellte Gesicht eines Irakkrieg-Veterans oder Massentierhaltung in China. In diesem allumfassenden Kontext hat nur Vorgänger Baraka die Welt gedacht. Der Film will nicht mahnen, nur zeigen, das Leben in all seinen Facetten, natürlich kann er dennoch persönlich als zutiefst mahnend empfunden werden, aber die Filmemacher – und das ist konsequent – wollen den Film nicht als politischen Film verstehen, er bleibt Meditation über Leben, Tod und Wiedergeburt.

Am Ende kehren wir zu einem Bild aus der Eingangsequenz zurück: Ein Mandala aus buntem Sand, buddhistische Mönche, die in mühsamer Kleinstarbeit fast Körnchen um Körnchen auftragen, ein kompliziertes, symbolisches Muster entsteht. Das nun vollendete Meisterwerk wird kurz betrachtet und zusammengekehrt: Alles ist vergänglich.

Seit kurzem läuft Samsara in Deutschland, auf auf ins Kino es ist ein echtes Filmerlebnis!


Vorschau: Wer Musicals mag, sollte den nächste Woche erscheinenden Text nicht verpassen.


Dieser Text stammt von unserem User chaoSimkozmoS. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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