Tatort Kritik

Tatort - Gegen den Kopf in einer Berliner U-Bahn

08.09.2013 - 20:15 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Tatort - Gegen den Kopf
© rbb/ARD
Tatort - Gegen den Kopf
Verheben sich andere Tatorte an der Verarbeitung realer Fälle, produzieren die Berliner mit Tatort – Gegen den Kopf einen ihrer bisher besten Einsätze. So sachlich wie spannend fallen die Ermittlungen in einer U-Bahn-Schlägerei aus.

Schon der letzte Tatort der Berliner Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) fiel durch eine weitgehend nüchterne Abhandlung der Ermittlungen in einem Entführungsfall auf, verlor sich dann jedoch in seinen Plot-Windungen (zur Kritik). Tatort: Gegen den Kopf geht die tödliche Schlägerei in einer U-Bahn-Haltestellte nun mit einem ähnlichen analytischen Interesse an, verbindet dies jedoch mit einer teils kaum auszuhaltenden Atmosphäre der Beklemmung. Der erstklassige Krimi von Stephan Wagner (Tatort: Borowski und die Frau am Fenster, Mord in Eberswalde – Der Fall Hagedorn) versucht uns nicht mit dem wohligen Wissen um die Gründe solcher Taten in die sonntägliche Nacht zu schicken. Stattdessen verfolgt er die schrittweise Eskalation der Gewalt, präsentiert uns erst das Ergebnis, um dann all die großen und kleinen Entscheidungen, die diesem vorausgingen, in einer glaubwürdigen Studie zu vereinen.

Lokalkolorit: Autor und Regisseur Wagner interessiert sich in Tatort – Gegen den Kopf nicht für Milieustudien, wie sie für einen anderen, schlechteren Fall dankend verbraten worden wären. In seinem Krimi hat die zufällige Kollision der Schicksale im Untergrund Berlins fatale Folgen. So setzt sich in Tatort – Gegen den Kopf weniger ein Bild der Stadt oder einer sozialen Schicht zusammen. Vielmehr konzentriert sich der Film durch die Sammlung und Anordnung von Zeugenaussagen, vor allem aber Überwachungsvideos, Fotos und Tonmitschnitten auf die Rekonstruktion der Tat, wie wir es selten in solcher Ausführlichkeit in einem Sonntagskrimi zu sehen bekommen.

Plot: Ein älterer Herr wird in der U-Bahn von zwei jungen Männern angepöbelt. Die meisten Mitfahrenden blicken unangenehm berührt weg. Nur einer weist die beiden in ihre Schranken. Wenig später stirbt er in einem Krankenhaus. Ritter und Starck setzen alles daran, die beiden Männer zu fassen, steht der Fall doch unter besonderer öffentlicher Aufmerksamkeit. Während die Boulevard-Presse von einem Maulwurf in der Polizei mit Informationen gefüttert wird, stellt sich einer der beiden Verdächtigen und lastet die Verantwortung seinem weniger gut betuchten Kumpel an.

Unterhaltung: Zwar zieht in der Mitte des Tatorts etwas Humor ein ins Prozedere. Die meiste Zeit aber ist Tatort – Gegen den Kopf eine hochspannende Angelegenheit, die den Konventionen des Whodunnits eine Absage erteilt. Dass der Krimi trotzdem fesselt, liegt zum einen an der alltäglichen Ausgangssituation, in die sich jeder hineinversetzen kann, der auch nur ein Mal ein öffentliches Verkehrsmittel mit pöbelnden Fahrgästen geteilt hat. Zum anderen zögert Wagner die tatsächliche Darstellung der Prügelei hinaus. Immer wieder deutet er sie durch Flashbacks oder stark distanzierte (und distanzierende) Überwachungsaufnahmen an, sodass wir uns selbst ein Bild machen, es durch eine neue Aussage wieder korrigieren müssen, bevor die finale Auflösung eine wenig beruhigende Klarheit schafft.

Tiefgang: Die meisten Sonntagskrimis verlegen sich auf klar nachweisbare Motive. Der eine Mörder war gierig, der andere eifersüchtig, beim nächsten handelt es sich um einen tragischen Unfall. TV-Filme dieser Art sollen uns vorm Wochenbeginn nochmal über groteske Verbrechen rätseln lassen, bevor wir uns, befriedigt über die vorhersehbare Aufklärung durch verlässliche Ermittler und die Bestrafung der verkommenen Täter, ins Reich der (echten) Träume begeben. Tatort – Gegen den Kopf wartet zwar ebenso mit einer Antwort auf. Er entlässt den Zuschauer trotzdem zutiefst verunsichert, wie es jeder richtig gute Krimi sollte. Animalisch und unberechenbar bleibt der Gewaltausbruch auch nach dessen Herleitung im Verhör. Der naheliegenden Erklärung, etwa ein zerrüttetes Elternhaus, weicht das Drehbuch aus, lässt uns dafür die banalen Ereignisse nachleben, in denen ein paar Vodkas, verquerer Liebeskummer und zertretene Seitenspiegel in eine Spirale der Gewalt samt Todesfall mündeten.

Am besten ist dieser fantastische Krimi deswegen, wenn jene ins Spiel kommen, die durch eine einzige Entscheidung den Verlauf der Nacht in einer andere Richtung hätten lenken können. Stattdessen wenden diese Zuschauer den Blick ab oder bleiben wie angewurzelt stehen und überlassen uns einem durchdringenden Gefühl der Ohnmacht.

Mord des Sonntags: Die Prügelei wird am Ende in voller Länge gezeigt, die stummen Überwachungsvideos aber bleiben im Gedächtnis.

Zitat des Sonntags: “So oder so, man hat nur Scherereien.”

Ein erstklassiger Tatort aus Berlin war das oder was meint ihr?

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