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Ein persönlicher Ansatz für die Grundsatzfrage

To binge or not to binge(watch), that is the question

Netflix verleitet zum Binge Watching
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Netflix verleitet zum Binge Watching
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"Hast du die neue Folge von XY gesehen?" "Nee, ich warte, bis alle Folgen draußen sind, und zieh mir dann alles auf einmal rein."

Ein solches Gespräch haben einige Leser vielleicht schon mal mitbekommen oder sogar selbst geführt. Die Grundsatzfrage, die dem zu Grunde liegt - Binge-Watching vs. klassiches "weekly watching" (wie ich es hier der Einfachheit halber mal nennen möchte) - kann ich natürlich auch weder end- noch allgemeingültig beantworten. Ich möchte allerdings mithilfe meiner eigenen Seriengeschichte die Vorzüge beider Ansätze diskutieren. Während manche sich noch über das "Unwort" Binge-Watching nerven, finde ich das Wort sehr nützlich, weil es das damit verbundene, sehr zeitgemäße Phänomen treffend beschreibt, aber dazu später mehr.

Anfangen hat alles mit Prison Break. [Nicht ganz richtig, als Kind durfte man natürlich die neueste Folge der Cartoon- und Animeserien nicht verpassen; ich beziehe mich aber auf Realserien.] Habe ich vorher sporadisch mal die ein oder andere Sitcom im Fernsehen gesehen, so kam mir nun die Erleuchtung. Ein Kumpel gab mir die DVD-Box der ersten Staffel und ich war begeistert [Hier mal ein fettes Danke an Marco, der mich damit zum Serienfan und -vielgucker verwandelt hat]. Jeden Tag habe ich nach der Schule die nächste Folge beim Mittagessen zusammen mit meiner Schwester und meiner Mutter geguckt, und weil es so spannend war, gleich noch eine hinterher. Irgendwann konnten wir die Cliffhanger der unfassbar spannenden Staffel nicht mehr bis zum nächsten Tag aushalten und haben dann an einem Wochenende die Staffel zu Ende "gesuchtet", wie viele zu sagen pflegen; ich empfinde den Begriff sogar als ziemlich passend, denn man wird beim Ausbleiben von Nachschub teilweise echt nervös und spürt Entzugserscheinungen, kann die nächste Folge kaum erwarten. Man lässt quasi alles andere vom langweiligeren Real-Life (oft entgegen besserem Wissen) stehen und liegen und widmet seine Zeit komplett dem Genuss der Serie. Man taucht völlig in die Welt der Serie ab, fühlt mit den Schicksalen der Charaktere mit. Das resultiert in einem intensiveren Erlebnis. Für sich genommen natürlich eine wünschenswerte Begleiterscheinung, allerdings wird für diese Art des Serienkonsums einiges vorausgesetzt. a) Man hat genügend Freizeit ("am Stück") zur Verfügung. b) Die Serie oder zumindest die Staffel ist bereits komplett erschienen. c) Man konnte es sich verkneifen, die aktuelle Staffel bereits bei Ausstrahlung zu sehen, aber zum Pro und Contra davon später mehr.

Nachdem ich also von der Serienwelt gekostet habe, beschloss ich, einige Schmankerl zu probieren, die ich bis dato verpasst hatte. Ich stieß auf einen neu startenden Rerun von Lost im Free-TV. Auch hier war ich von Anfang an gehooked. Das Problem war, dass ich unbedingt wissen wollte, was auf dieser verdammten Insel vor sich ging. Ich musste aber eine Woche warten und mein Kopfkino ging los. Zusammen mit meiner Schwester diskutierte ich Woche um Woche mithilfe der neuen Erkenntnisse Theorien, die wir uns zusammengesponnen haben. Rein prophylaktisch, sollte ich es nicht rechtzeitig vor den Fernseher schaffen, war mein Receiver natürlich programmiert. Es war nicht unüblich, dass wir nach den echt fantastischen Cliffhangern (Ich sag nur Ende Season 3) und dem ikonischen "Bumm" während der Einblendung des Lost-Logos am Ende jeder Folge sekundenlang "AAaaaaaaalteeeeer!" gesagt haben. Es war echt schwer, immer bis zur nächsten Woche zu warten, aber das Theoriengespinne hat uns geholfen. [Um jetzt kein Fass aufzumachen, halte ich mich kurz bezüglich des Endes: Als Staffel 6 nicht damit angefangen hat, die Mysterien nach und nach aufzulösen, sondern noch neue dazu kamen und außerdem der Ruf des Lost-Finales selbigem vorauseilt, habe ich mir schon gedacht, dass viele Fragen, die man sich stellt, ungelöst bleiben; insofern war ich vorbereitet und habe Schlimmeres erwartet. Das Finale funktioniert auf emotionaler Ebene sehr gut, als Auflösung (wie S6 erwarten ließ) schlecht bis gar nicht, was mir persönlich aber das ganze Ratespiel vorher nicht retrospektiv vermiest hat.] Nachdem ich nun künstlich für mehr als ein Jahr das Feeling imitiert habe, Woche um Woche die neue Folge zu sehen, habe ich auch darin Vorteile gesehen. Man kann mit Freunden über die neuesten Ereignisse und deren Auswirkungen diskutieren und fachsimpeln, man kann die neue Folge immer irgendwie in seinen Terminplan quetschen. Diese Zeit, die ich zwischen den Folgen mit Fantasieren und Diskutieren verbracht habe, möchte ich nicht missen.

Mittlerweile ist ein echter Serienboom ausgebrochen, nicht zuletzt aufgrund der Präsenz von legalen (aber natürlich auch illegalen) Streaminganbietern. Man muss nicht mehr auf eine TV-Ausstrahlung warten oder sich die DVD besorgen, sondern findet so ziemlich alles, was man gucken möchte. Ob man das gut oder schlecht findet, muss man selbst entscheiden. Zum einen fällt einem die Auswahl schwerer, weil man von der schieren Zahl an Neuerscheinungen erschlagen wird. Zum anderen kann man die Serie, die man schon immer mal nachholen wollte, auch für einen schmalen Taler sehen. Hierbei verleitet gerade Netflix seine Kunden unverblümt zum Binge-Watching. Nicht nur, dass man nach Ende einer Episode nur 15 Sekunden (!) Zeit hat, um den Start der neuen Folge zu verhindern; nein, auch bei seinen Eigenproduktionen beweist Netflix, dass sie einen Riecher für zeitgemäße Sehgewohnheiten haben und veröffentlichen alle Episoden einer neuen Staffel am selben Tag. Wo ich ersteres noch verhindern kann (und aus Zeitgründen auch oft muss), muss ich zugeben, dass es mir bei zweiterem schwer fällt, die Finger weg zu lassen. House of Cards habe ich jede Staffel innerhalb weniger Tage durchgeguckt, weil die Serie mich einfach so gepackt hat. Orange Is the New Black habe ich innerhalb von 2 Wochen komplett nachgeholt, weil mir die Welt so zugesagt hat. Man ist voll in der Geschichte drin und kann jede neue Information mit Leichtigkeit in den Gesamtzusammenhang einordnen, kann jede Motivation sofort nachvollziehen, weil man den Auslöser erst vor Kurzem gesehen hat. Die erste Staffel von Game of Thrones hab ich in der Free-TV-Premiere als Wochenend-Event gesehen. Ich muss sagen, dass da das Binge-Watching das Erkennen der Zusammenhänge und Einprägen der Namen erheblich erleichtert hat. Dieser Rausch, in dem man beim Binge-Watching oft ist, steckt sogar im Wort selbst drin. Außerdem hat man beim Binge-Watching die komplette Freiheit, wann man die nächste Folge guckt, wohingegen man beim weekly watching oft nur 1 Woche (mit Catch-Up TV) Zeit hat vor der nächsten Folge.

Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass Serien, die man NICHT in einem Rutsch sehen will, einen nicht so sehr mitreißen und unterhalten wie Serien, die ein Verlangen zum Binge-Watching wecken. Das kann ich nicht einmal wirklich abstreiten, ist es doch so, dass ich von Procedurals mit Case-of-the-Week-Folgen echt nicht mehr als 2 oder 3 am Stück sehen könnte. Ich finde diese Serien auch tendenziell nicht so stark wie solche, die ich durchsuchte, allerdings haben die natürlich auch ihre Daseinsberechtigung, einen gewissen Qualitätsstandard vorausgesetzt. Man hat was Nettes für zwischendurch, wofür man einmal die Woche Zeit findet, wobei man etwas abschalten, weil nicht jedes Wort, jeder Blick Auswirkungen auf den Meta-Plot hat. Gerade Sitcoms finde ich dafür überaus geeignet, weil man die aktuelle Folge dann gucken kann, wenn man gerade lachen möchte. Auch anspruchsvollere Serien möchte ich nicht immer so schnell wie möglich weitergucken, weil es a) etwas anstrengend sein kann und b) weil ich Zeit brauche, um die Geschehnisse zu verarbeiten und mir über die Implikationen klar zu werden.

Aber es gibt ebenso Serien, deren neue Episoden ich Woche für Woche verfolge und wo mir dieses Format auch mehr Spaß bereitet. Das ist eigentlich sogar bei einem Großteil der Serien so, die ich gucke. Die neuesten Folgen von aktuell laufenden, "großen" Serien wie Game of Thrones oder The Walking Dead verfolge ich jede Woche gebannt, dieser Abend in der Woche ist immer freigehalten. Da muss man leider oft auf das illegale Streaming zurückgreifen, wenn man part of the conversation sein will, Recaps liest, von denen es unzählige gibt, an Diskussionen in Foren und mit Freunden teilnimmt und hauptsächlich weil man einfach nicht gespoilert werden will. Ich liebe einfach das Gefühl, wenn ich weiß, dass selbst nach einem miesen Tag die neue Folge von GoT, TWD, Orphan Black, Suits, Arrow oder sonst was auf mich wartet; das rundet oft meinen Tag ab. Ich liebe es, nach der Folge meinen Freunden eine Nachricht zu schreiben: "Alter, die neue Folge von XY ist so geil" und wenn daraus ein Gespräch entsteht und man spekuliert, was alles in der nächsten Folge passieren könnte.

Wie der Leser merkt, stehe ich eher auf der Seite des "weekly watching" aufgrund Spoilergefahr und aufgrund des sozialen Drumherums, bin aber dem Binge-Watching nicht abgeneigt, wenn es meine Freizeit zulässt; gerade, wenn letzteres einen Eventcharakter hat, wie etwa bei Release einer neuen Netflix-Serie, weil dann geneigte Fans ebenfalls in ähnlichem Tempo die Serie gucken und Recaps schreiben und diskutieren. Beim Nachholen von Serien präferiere ich Binge-Watching, weil ich dann selten jemanden in meinem Umfeld habe, der gleichzeitig diese Serie guckt. Wenn mich eine Folge länger beschäftigt und/oder mich der soziale Impact der Folge interessiert, lese ich Recaps; das ist eine Möglichkeit, dieses Gefühl künstlich zumindest ansatzweise nachzuempfinden. Aber im Prinzip unterhalten mich beide Konsumformen in gleichem Maße, ich zieh nur unterschiedlich viel aus dem Konsum selbst.

Es ist letztendlich doch eine Frage des persönlichen Geschmacks, auch der Art, Aktualität und Qualität der Serie, der Menge der verfügbaren Freizeit und manchmal sogar eine Frage des Freundeskreises. Es ist auch eine Frage, ob man illegales Streaming kategorisch ablehnt, ob man sich einen VoD-Account leisten möchte bzw. kann. Ich kann nur Anhaltspunkte liefern, warum beide Formen ihre Vorzüge haben und warum ich welche Serie wie gucke.

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